HIV und AIDS

Artikelinfo
Autor: 
Dr. med. Edith Fischnaller

Die WHO schätzt die Zahl der 2005 an Aids Verstorbenen auf etwa 2,8 Millionen Menschen, dazu gelten über 40 Millionen als Infizierten mit rund 4,1 Millionen Neuinfektionen im Jahr. Inzwischen gibt es kein Land mehr, in dem HIV/AIDS noch nicht aufgetreten ist.

Weltweit sind etwa 1% der 15-49-jährigen infiziert, in einzelnen afrikanischen Staaten jedoch erreichen die Werte die 20%. Die Hälfte der Infizierten sind Mädchen und Frauen, über 50% davon sind zwischen 15 und 24 Jahre alt. Die Zahl der infizierten Kinder, oft bereits von Geburt an, nimmt immer mehr zu.

Noch ist die Infektionsrate in Afrika am höchsten, doch auch aus Asien und Russland werden immer mehr Erkrankungen gemeldet.

Die Dunkelziffer der Neuinfektionen ist weltweit sehr hoch, genaue Zahlen lassen sich kaum eruieren. Aus den Krisengebieten, in denen wir arbeiten, gibt es keine verlässlichen Statistiken. Aber unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen werden sehr oft mit der Krankheit konfrontiert und das mit steigender Tendenz.

Als einzige Ausnahme gilt zur Zeit Uganda, das erhebliche Probleme mit der Erkrankung hat. Hier gibt es angeblich einen Rücklauf bei den Neuinfektionen. Die Regierung versucht in Zusammenarbeite mit Hilfsorganisationen und anderen Institutionen durch Aufklärung Tabus zu brechen.

HIV/AIDS bei 15-25-jährigen weltweit
Quelle: unicef/unaids 2004

Definition:


AIDS bedeutet: Acquired Immune Deficiency Syndrome (erworbenes Immundefektsyndrom) Es umschreibt eine spezifische Kombination von Symptomen, die beim Menschen infolge der durch Infektion mit dem HI-Virus (HIV) induzierten Zerstörung des Immunsystems, auftreten. Diese Symptome bestehen aus Sekundärinfektionen (oft Pneumonien), auch opportunistische Infektionen genannt, und Tumoren.

Mittlerweile gibt es Medikamente, die die Symptome der Erkrankung mindern und das Leben der AIDS-Patienten erheblich verlängern können. Eine Heilung ist jedoch nicht möglich, da die HI-Viren bis heute nicht vollständig aus dem Körper entfernt werden können.

Übertragung:

Das HI-Virus wird durch den Kontakt mit Körperflüssigkeiten wie Blut, Sperma, Vaginalsekret und Muttermilch übertragen. Die häufigste Ursache für eine Infektion sind Vaginal- oder Analverkehr ohne Verwendung von Kondomen, aber auch Oralverkehr und die Benutzung unsteriler Spritzen beim intravenösen Drogenkonsum. In westlichen Ländern gelten vor allem homosexuelle Männer als Risikogruppe, da häufige Partnerwechsel und Analverkehr in der Szene als verbreitet gelten.

In Entwicklungsländern sind die Risikogruppen vor allem Frauen, die entweder selber mit mehreren Partnern Geschlechtsverkehr haben, oder deren Partner mit vielen Frauen Geschlechtsverkehr haben und es dann auf ihren Frauen übertragen. In einigen Ländern sind der Virus auch durch Missbrauch und Vergewaltigung, auch bei jüngeren Mädchen, weiterverbreitet.

Bluttransfusionen sind ebenfalls eine mögliche Infektionsquelle, deshalb ist eine unkontrollierte Bluttransfusionsgabe ohne HIV-Testung nicht mehr zu vertreten.

Das Risiko für das Kind durch eine HIV-infizierte Mutter während der Schwangerschaft oder während der Geburt wird auf 15 bis 30 Prozent geschätzt. Eine Übertragung des Virus beim Stillen ist ebenfalls möglich. In Entwicklungsländern mit schlechten hygienischen Bedingungen bedeutet ein Nichtstillen oder Abstillen oft den Tod des Säuglings, da für eine Flaschennahrung die hygienischen Bedingungen nicht vorhanden sind. Es gibt oft kein sauberes Trinkwasser, kein Geld für Milchpulver und keine Möglichkeit für die sichere Reinigung der Flaschen.

Das Risiko hingegen, sich beim Küssen anzustecken, ist kaum gegeben, außer es bestehen erhebliche Verletzungen des Zahnfleisches. Die HIV-Konzentration in Tränen, Schweiß und Speichel reicht für eine Ansteckung nach heutigem Erkenntnisstand ebenfalls nicht aus. Die Infektion durch Insektenstiche oder durch Tröpfcheninfektion ist äußerst unwahrscheinlich und wurde noch nie beschrieben.

Trotzdem sind HIV-Infizierten oder AIDS-Erkrankte in vielen Ländern stark stigmatisiert und werden häufig sozial isoliert. Es kommt zu heftigen Reaktionen, die dem eigentlichen Übertragungsmodus nicht angepasst sind. Die Angst davor hält viele von einem Test und einem adäquaten Umgang mit Kondomen ab.

Für medizinische Mitarbeiter, vor allem in den chirurgischen und kurativen Bereichen, besteht immer die Gefahr einer Nadelstichverletzung oder anderer Verletzungen, bei denen es zu einer Blutübertragung und damit von HIV kommen kann. In diesem Fall ist es wichtig innerhalb kürzester Zeit eine postexpositionelle Prophylaxe zu beginnen, vor allem wenn der Patient an HIV oder AIDS erkrankt ist oder die Wahrscheinlichkeit für eine Infektion sehr hoch ist. Für unsere Mitarbeiter ist es daher sehr wichtig die Möglichkeit einer Testung und einer postexpositionellen Prophylaxe direkt vor Ort zu haben.

HIV/AIDS unterscheidet sich von anderen sexuell übertragbaren Krankheiten u.a. durch die lange Zeitdauer, in der infizierte Personen infektiös für andere bleiben, die lange Phase zwischen der Infektion und dem Auftreten von Krankheitssymptomen sowie durch das Fehlen einer Behandlung, die die Krankheit heilt.

Symptome:

Die ersten Symptome, die auf AIDS hinweisen, treten innerhalb der ersten Wochen nach der Ansteckung mit dem HIV-Virus auf. Sie beginnen oft mit grippeähnlichen Symptomen und werden meist nicht als AIDS diagnostiziert. Die Infizierten bleiben oft jahrelang symptomfrei, in dieser Zeit ist die Diagnose oft ein Zufallsbefund.

Die Symptome von HIV und Aids variieren von Patient zu Patient und hängen vom Stadium der Erkrankung ab. 1987 hat das Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in den USA vier verschiedene Stadien der Aidserkrankung definiert.

Stadium I - Akute HIV-Krankheit: Bei etwa 70 bis 90 Prozent der Betroffenen treten sechs Tage bis sechs Wochen nach der Infektion grippeähnliche Beschwerden wie Fieber, Kopf- und Halsschmerzen, geschwollene Lymphknoten sowie Ausschlag auf. Eine Übertragung kann auch dann stattfinden, wenn keine Beschwerden vorhanden sind, der HIV-Test ist zu diesem Zeitpunkt oft noch negativ. Auch Personen ohne Beschwerden und mit einem negativen HIV-Test, können das HI-Virus an andere weitergeben. Antikörper sind erst ein bis drei Monate nach der Infektion im Blut nachweisbar.

Stadium II - Asymptomatische Infektion (Latenzphase): Häufig folgt jetzt eine symptomfreie Phase, die etwa acht bis neun Jahre dauert. Trotzdem vermehrt sich das Virus in dieser Zeit weiter und zerstört die Immunzellen.

Stadium III - Lymphknotensyndrom: Etwa 40 Prozent der Infizierten leiden in dieser Zeit unter einer Lymphknotenschwellungen.

Stadium IV - HIV-assoziierte Erkrankungen: Dieses Stadium entwickelt sich etwa zehn Jahre nach der Infektion und wird in verschiedene Unterstadien eingeteilt. Hat ein Patient eines der folgende Symptome, spricht der Arzt vom Aids-Related-Complex: Nachtschweiß länger als einen Monat, Durchfall länger als einen Monat, Fieber länger als einen Monat, trockener Husten und Atemnot, Gewichtsverlust und chronische Müdigkeit.

Es können die einzelnen Stadien wesentlich schneller durchlaufen werden. Besonders Kinder und Neugeborene, die z. B. über die Mütter angesteckt werden, erkranken frühzeitig schwer.

Aids-Vollbild

Kommen weitere, schwere Erkrankungen hinzu, z.B. Lungenentzündung, neurologische Erkrankungen oder bestimmte Krebsarten wie das Kaposi's Sarkom, spricht man vom Aids-Vollbild. Dabei ist auch die Zahl der CD4 Lymphozyten bereits unter 200 gesunken (normal sind 600 bis 1000). Diese Krankheiten sind ein Zeichen dafür, dass das Immunsystem durch das HI-Virus bereits schwer geschädigt ist. Oft sind weitere Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Hepatitis B, Hepatitis C bei den AIDS-Patienten zu finden.

AIDS und Tuberkulose:

Tuberkulose ist die Haupttodesursache bei Patienten mit HIV, vor allem dann, wenn sie nicht rechtzeitig erkannt und therapiert wird. In manchen afrikanischen Ländern sind 75% aller Tuberkulosepatienten mit HIV/AIDS infiziert.

Diagnose:

Die Diagnose wird mit einem Antikörpertest auf HI-Viren im Blut gestellt. Zuerst wird ein einfacher Suchtest durchgeführt, der so genannte "enzyme-linked immunosorbent assay", kurz ELISA-Test. Es gibt auch Schnelltests, die vor allem in unseren Projekten für ein Screening genutzt werden. Die positiven Tests werden zur Sicherheit wiederholt.

In Entwicklungsländern kann nur selten die Viruslast bestimmt werden, so dass eine Prognose sehr schwer zu stellen ist. Der HIV-Test kann keine Aussage über eine Infektion in den letzten Wochen vor dem Test machen.

Der Zugang zu den HIV-Tests ist in vielen Regionen nicht möglich. und wenn er angeboten wird, wird er oft nicht in Anspruch genommen. Wichtig ist eine Aufklärung, so dass auch der Partner geschützt werden kann. Das ist aber gerade in unseren Projektländern oft sehr schwierig und die Akzeptanz für einen geschützten Geschlechtsverkehr mit Kondomen ist sehr gering.

Wird ein Screening auf HIV durchgeführt, ist es auch wichtig, bei positiven Ergebnis eine Therapiestrategie anbieten zu können. Tradition und Unwissen verhindern oft den Gebrauch von Kondomen, so dass eine gute Aufklärung und das Bereitstellen kostenlosen Kondome gewährleistet sein muss. Aufklärung über Präventionsmaßnahmen sollte schon in der Schule beginnen, da Kinder Multiplikatoren sind, die die Erkenntnisse auch in die Familien bringen können.

Medikamente:

Als HIV vor über 20 Jahren entdeckt wurde, gab es keine Medikamente gegen das Virus und nur sehr wenige Mittel, um die Komplikationen zu behandeln. Seitdem wurden viele Medikamente für die Behandlung von HIV und Begleitinfektionen entwickelt. Für viele Betroffene bedeutet das eine Verlängerung des Lebens und eine Verbesserung der Lebensqualität. Aber es gibt kein Medikamente, die die Erkrankung heilen können. Außerdem haben die Medikamente sehr viele Nebenwirkungen.

Mittlerweile wurden Leitlinien zur Behandlung von HIV entwickelt. Nach momentanem wissenschaftlichem Stand sollte die Therapie die Virusmenge im Blut so weit wie möglich senken. Diese aggressive Therapie wird "highly acti ve antiretroviral therapy" (HAART) genannt. Es wird eine Kombination von drei oder mehr Medikamenten verabreicht.

Wichtig ist aber auch die Lebensqualität. So ist die optimale Therapie eine Gratwanderung zwischen einer hohen Behandlungsdosis und einem noch erträglichen Maß an Nebenwirkungen. Medikamente, die das Wachstum und die Vermehrung des HI-Virus in verschiedenen Lebensphasen verhindern, nennt man antiretrovirale Therapie.

Grundsätzlich gibt es drei verschiedene Medikamentenklassen:

Nukleosidanaloge Reverse Transkriptase Hemmer (NRTIs) - Dies waren die ersten Medikamente auf dem Markt. Sie verhindern, dass sich HIV Enzym "Reverse Transkriptase" vermehrt. Die Hauptnebenwirkung ist eine Störung der Blutbildung im Knochenmark. So kann die Zahl der weißen und roten Blutkörperchen im Blut erniedrigt sein.

Nicht Nukleosidanaloge Reverse Transkriptase Hemmer (NNRTIs) - Diese Medikamente binden direkt an das Enzym Reverse Transkriptase; die Hauptnebenwirkung ist Ausschlag.

Protease Hemmer (PIs) - Sie verhindern, dass sich das HI-Virus in einer späteren Phase des Lebenszyklus vermehrt. Die Medikamente blockieren das Enzym "HIV Protease". So sind HI-Viren nicht mehr infektiös. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Übelkeit, Durchfall und andere Probleme des Magen-Darm-Trakts. Immer wieder sind auch Nebenwirkungen zu befürchten, die durch die Interaktion mit anderen Medikamenten entstehen. Weitere Nebenwirkungen sind erhöhte Triglyzeridwerte und Veränderungen des Zuckerhaushaltes, die zu Diabetes führen können.

Weitere Medikamente sind auf dem Markt und werden erforscht. Der Therapieerfolg wird durch die Bestimmung der Virusmenge im Blut kontrolliert.

Resistenzentwicklung:

Die Gefahr einer Resistenzentwicklung ist sehr hoch, vor allem wenn die Medikamente nicht regelmäßig und ohne Kontrolle eingenommen werden. Um das zu verhindern muss ein kompetentes und krisensicheres Verteilungs- und Kontrollnetz aufgebaut werden. Als wichtiges Ziel muss auch die Verhinderung von Neuinfektionen sein.

HIV in unseren Projekten:

Für viele Menschen in unseren Projektgebieten ist eine Therapie nicht möglich. Es gibt Orte und Länder, wo es überhaupt keine Chance gibt, HIV-Medikamente zu bekommen. Wenn Medikamente erhältlich sind, dann oft so teuer, dass die Betroffenen sie sich nicht kaufen können. Auf dem Markt werden Medikamente angeboten, die den geforderten Wirkstoff nicht beinhalten und niemand kontrolliert die Einnahme. Für Kinder gibt es keine oder kaum geeignete Medikamente, so dass die Compliance erheblich beeinträchtigt wird. Säfte, wenn überhaupt vorhanden, sind teuer und erzeugen hohe Transportkosten. Vor Ort steht das zur Mischung notwendige saubere Trinkwasser meist nicht zur Verfügung. Wenn dann die relativ häufigen Nebenwirkungen auftreten, stehen die Medikamente zur Milderung der Nebenwirkungen oft nicht zur Verfügung. Das kann dazu führen, dass die Medikamenteneinnahme nicht fortgeführt wird und dadurch Resistenzen weiter gefördert werden. Die Behandlung von resistentem AIDS ist dann überhaupt nicht mehr bezahlbar.

Viele wenden sich mit HIV und AIDS wieder der traditionellen Medizin zu, die diesem Problem ebenfalls hilflos gegenübersteht, aber auch Scharlatanen den Weg ebnen.

Das die Erkrankung auch vor Kindern nicht Halt macht, sehen wir auch in unserem Straßenkinderprojekt in Kenia. Viele, auch kleine Kinder, sind in Nairobi mit HIV infiziert oder leiden bereits an AIDS-Symptomen. In unserem Heim sind mehrere Kinder, die eine AIDS-Therapie bekommen. Solange aber Vergewaltigungen und Missbrauch von Frauen und Mädchen an der Tagesordnung, aber ein Tabu-Thema ist, wird sich leider in naher Zukunft nicht viel ändern. Wir können nur versuchen den Kindern Ihre Würde und ihr Selbstvertrauen wiederzugeben und sie stark machen, trotz der Erkrankung ihr Leben zu meistern. In unserem Projekt haben die Kinder die Möglichkeit der ärztlichen Versorgung und bekommen kostenlos die notwendigen Medikamente und nehmen diese unter Aufsicht und Kontrolle ein.

Weiterführende Links: www.who.int | www.cdc.govZusatzinformationen:

 Kurzfilm über die Koinfektion TB/HIV

Die Dokumentationsreihe "Survival" lässt den Zuschauer hautnah miterleben, wie sich einige der weltweit größten Gesundheitsbedrohungen und die häufigsten Todesursachen auf die ärmsten Bevölkerungsgruppen in Entwicklungsländern auswirken und wie betroffene Menschen versuchen, damit umzugehen.
"Survival" ist eine Kampagne von Ruder Finn in Zusammenarbeit mit Rockhopper TV, Imperial College London und der BBC. Alle Dokumentarfilme, Kurzversionen und Podcasts der Serie "Survival" stehen auf survival.tv kostenlos zur Verfügung.