Der Kampf ums nackte Überleben

Artikelinfo
Datum: 
04.10.2001
Quelle: 
WDR online.wdr.de

Die großen deutschen Hilfsorganisationen schlagen Alarm. Sie bitten dringend um Spenden, um eine humanitäre Katastrophe in Afghanistan zu verhindern. Die Zahlen von UNICEF schockieren: Fast eine Million Menschen befänden sich auf der Flucht, seitdem die USA mit Militärschlägen gedroht haben. Die Flüchtlinge hätten auf der Suche nach Wasser und Nahrung ihre Dörfer verlassen. Mehr als sieben Millionen Afghanen seien auf Hilfe von außen angewiesen, berichtet das UN-Welternährungsprogramm (WFP). Gleichzeitig leidet das Land unter der verheerendsten Dürre seit 30 Jahren.

Auf alles vorbereitet sein

Man müsse auf das Schlimmste vorbereitet sein, so Nigel Fisher, der Afghanistan-Sonderbeauftragte des UN-Kinderhilfswerkes. In sechs bis acht Wochen breche der Winter ein. Bis dahin müsse alles getan werden, um die Afghanen mit Lebensmitteln, Medikamenten, Kleidung und Decken auszustatten. Andernfalls seien sie für Monate von jeder Versorgung abgeschnitten. Denn sobald Schnee fällt, sind viele Straßen unpassierbar.

Viele Kinder vom Tod bedroht

Besonders bedroht ist das Leben von Kindern. "Die Friedhöfe um die Lager sind voller Kindergräber", sagt Fisher. Jedes vierte Kind in Afghanistan sterbe noch vor seinem fünften Geburtstag. Warnende Worte auch von einem UNICEF-Mitarbeiter in Pakistan: Wenn bis Ende der Woche nichts geschehen würde, könnten zehntausende von Kindern an Hunger, Durst und Kälte sterben. Eine halbe Million Kinder bräuchten Decken, Pullis, Schuhe und Stiefel. "Der Kampf gegen den Terrorismus darf sich nicht gegen unschuldige Zivilisten und Kinder richten. Es gibt keine feindlichen Kinder", sagte der Geschäftsführer von UNICEF-Deutschland, Dietrich Garlichs.

Hilfsorganisationen arbeiten auf Hochtouren

Die internationale Hilfe für das mittelasiatische Land ist unterdessen in vollem Umfang angelaufen. Derzeit sind fünf UNICEF-Konvois nach Kabul, Herat, Jalabad und Kandahar unterwegs. Unter den 700 Tonnen Material befinden sich Winterkleidung, Zusatznahrung, Schulbedarf, Planen und Seilen. Ein Konvoi transportiert rund 200 Tonnen Hilfsgüter auf 800 Eseln über einen Hochgebirgspass in das Gebiet der Nordallianz.

Das Deutsche Rote Kreuz will ein Feldhospital ins pakistanische Peshawar schicken. Eine Chirurgie-Einheit wird im Iran für einen Einsatz bereitgehalten. Darüber hinaus werden Hilfsgüter für afghanische Flüchtlinge im eigenen Land und in Pakistan beschafft.

Die Caritas International bereitet ein Hilfsprogramm für afghanische Flüchtlinge vor, in das 25 Millionen Mark fließen sollen. Mit dem Geld sollen Notunterkünfte entstehen. Auch die Katastrophenhilfe des Diakonischen Werkes der EKD sammelt Geld, um Menschen in pakistanischen und iranischen Flüchtlingslagern mit Decken, Zelten, Wasser und Lebensmitteln zu versorgen.

Angesichts des Flüchtlingsdramas hat Ärzte ohne Grenzen 115 Tonnen Hilfsgüter nach Afghanistan und in seine Nachbarstaaten bringen lassen. Ein erstes Flugzeug mit Nahrungsmitteln und medizinischem Zubehör sei am Dienstag in Kirgisien gelandet, teilte die Hilfsorganisation mit. Weitere Flüge sollen folgen.