Kommen US-Lebensmittel an?

Artikelinfo
Datum: 
10.10.2001
Quelle: 
WDR online.wdr.de

Der Abwurf von Lebensmitteln über Afghanistan ist nach Auffassung der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" eine "Werbestrategie der USA, um Kritik an den Militäraktionen zu vermeiden". Mit diesen Worten kritisierte Kattrin Lempp, Sprecherin der deutschen Sektion von "Ärzte ohne Grenzen", die Lebensmittelflüge der Vereinigten Staaten am Mittwoch (10.10.01) gegenüber wdr.de. Eine angemessene Versorgung könne durch die Abwürfe nicht gewährleistet werden. "Wir wenden uns ganz stark gegen eine Vermischung von militärischen und humanitären Aktionen", sagte Lempp. Nur unabhängige Organisationen könnten Zugang zu allen Konfliktparteien erhalten. Sollten sich in den Paketen Medikamente befinden, sei die Aktion sogar "unverantwortlich", so Lempp. Zudem könnten sich unterernährte Menschen verletzen, wenn sie auf der Suche nach den Paketen in vermintes Gebiet laufen ohne die Risiken zu berücksichtigen. Insbesondere Alte und Kinder litten unter der Situation in Afghanistan.

Unterdessen teilten die Taliban mit, dass die afghanische Bevölkerung abgeworfene Lebensmittel "aus Protest" verbrenne. Sie seien eine "satanische Verführung", mit der die USA "Zwietracht säen" wollten, so der Chef der Taliban-Nachrichtenagentur Abdul Hanan Hemat. Ob die Taliban die Verbennung selbst angeordnet haben, ist unklar.

Hilfe mit den Betroffenen organisieren

Auch Rupert Neudeck, Vorsitzender des Notärztekomitees "Cap Anamur", bezweifelt, dass die abgeworfenen Güter die Not leidenden Menschen im Krisengebiet erreichen. Viele der Pakete fielen in Felsspalten und niemand könne sie erreichen. Er forderte, dass mit den betroffenen Menschen gemeinsam überlegt werden sollte, wie die Hilfe am besten organisiert werden könne. Hier hätten die europäischen Länder eine "große Mission" zu erfüllen. Auch an der Wirksamkeit der US-Luftangriffe gegen Afghanistan äußerte Neudeck Zweifel: "Ich bin sehr skeptisch, da die Aktion in die Automatik des Krieges gerät." Die Angriffe würden von der Bevölkerung mit Erleichterung und gedämpfter Freude aufgenommen, sagte Neudeck, der zurzeit in Afghanistan ist.

Auswärtiges Amt: "Zeichen guten Willens"

Die Bundesregierung scheint ebenfalls nicht vollständig davon überzeugt zu sein, dass die abgeworfenen Pakte bei den Bedürftigen ankommen. Zwar wertete Jürgen Chrobog, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, die Abwürfe nach einer Reise ins pakistanische Islamabad als "Versuch zu helfen" und "Zeichen guten Willens". Ähnlich äußete sich auch die Deutsche Welthungerhilfe. Aber der Abwurf von Lebensmitteln kann nach Meinung des Auswärtigen Amtes nur eine Maßnahme für die Zeit sein, "wenn es gar nicht anders geht", so eine Sprecherin. Im Übrigen unterstütze die Bundesregierung unter anderem das Deutsche Rote Kreuz und die Deutsche Welthungerhilfe, die humanitäre Hilfe vor Ort leisten. Es sei zurzeit vor allen Dingen schwierig, Zugang zu den Menschen zu finden, die die Hilfe benötigten, so die Sprecherin. Die Bundesregierung hoffe, dass die Organisationen die Hilfsbedürftigen bald auf dem Landweg erreichen können.

Auch die Hilfsorganisation Care distanzierte sich von der Versorgung der afghanischen Bevölkerung durch US-Truppen aus der Luft. "Wir legen Wert darauf, dass Care mit der derzeitigen Form der psychologischen Begleitung von Militärangriffen auf Kabul und andere Orte Afghanistans nichts zu tun hat", so Willi Erl, Vorsitzender von Care Deutschland.

Unterdessen setzen internationale Hilfsorganisationen der UNO ihre Hilfe vor Ort trotz der Luftangriffe in eingeschränkter Form fort. Das Kinderhilfswerk UNICEF transportiert Medikamente, Decken und Wasser ins Krisengebiet. Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR versucht zurzeit, im pakistanischen Grenzgebiet zu Afghanistan ein Flüchtlingslager einzurichten. Täglich verlassen einige hundert Afghanen das Land über Bergpfade nach Pakistan.

US-Flieger starten von Deutschland

Von der US-Basis in Ramstein starteten am Mittwoch erneut Frachtflugzeuge nach Afghanistan, um dort die Hilfspakete abzuwerfen. Von einer Ration aus Reis, Bohnen und Trockenfrüchten soll sich ein Erwachsener nach US-Angaben einen Tag lang ernähren können. Bisher sind alle Maschinen wohlbehalten von den Flügen zurückgekehrt. Die US-Luftwaffe kündigte weitere Flüge an.

Das Deutsche Rote Kreuz kündigte indes für Donnerstag (11.10.01) erste Hilfsflüge für afghanische Flüchtlinge in den Nachbarländern an. Vom Flughafen Köln/Bonn werden Decken, Zelte und Küchensets nach Pakistan gebracht. Ein zweiter Flieger wird Teile für ein Hilfskrankenhaus nach Pakistan transportieren. Die Ausrüstung - unter anderem zwei Operationsstationen und 100 Betten - soll anschließend nach Afghanistan gebracht werden. Die Bundesregierung unterstützt das Internationale Rote Kreuz bei der Hilfe für die Not leidende Bevölkerung in Afghanistan.