Afghanistan: Größte Hilfsaktion seit den Balkankriegen steht bevor

Artikelinfo
Datum: 
16.11.2001
Quelle: 
WDR online.wdr.de

Nach der Vertreibung der Taliban-Milizen aus weiten Teilen Afghanistans bemühen sich die Hilfsorganisationen um eine schnelle Wiederaufnahme der Lebensmittellieferungen. Zugleich betonten Vertreter verschiedener Organisationen, dass ihre Arbeit durch Unsicherheiten und Gewalt auch weiterhin beinträchtigt sei. Auch die mangelnde Spendenbereitschaft wird beklagt. Dennoch sei man bemüht, die bisherigen Hilfsmassnahmen schnell und deutlich auszuweiten.

Organisationen kehren nach Kabul zurück

"Wir haben die Krise noch vor uns", warnt der Sprecher des Weltkinderhilfswerk UNICEF, Gordon Weiss. Der Winter habe Afghanistan bereits fest im Griff, dadurch laufe den Hilfsorganisationen die Zeit davon. Immerhin können nach der Vertreibung der Taliban aus Kabul bereits die Vertreter der großen internationalen Organisationen in die afghanische Hauptstadt zurückkehren. Der Sprecher des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR), Ron Redmond, berichtet, dass auch vier Frauen an ihren Arbeitsplatz im UNHCR-Büro zurückgekehrt seien. Unter dem Regime der Taliban standen diese Frauen unter Hausarrest und durften nicht arbeiten.

Hilfslieferungen aus Usbekistan

Eine erste Hilfslieferung mit 156 Tonnen Getreide hat die nordafghanische Stadt Faisabad erreicht. Das Mehl stammt aus dem Programm der Welternährungshilfe FAO, die in den kommenden Wochen insgesamt 16.000 Tonnen Lebensmittel von Kirgisien in die nordafghanische Stadt Faisabad bringen will. Nach dem Rückzug der Taliban aus Nordafghanistan soll ein Großteil der Hilfslieferungen der internationalen Gemeinschaft über die an Afghanistan angrenzenden Staaten Usbekistan und Tadschikistan erfolgen.

Auch UNICEF nimmt Hilfe wieder auf

Auch ein erster Transport von UNICEF hat sein Ziel im Norden Afghanistans erreicht: 10.000 Mäntel, 7.000 Paar Schuhe, 10.000 Wasserkanister sowie Decken und Lebensmittel sind im sogenannten "Hungergürtel" des Landes angekommen. Die 200 Tonnen seien am Freitag (16.11.2001) mit einer Fähre von Usbekistan nach Afghanistan gebracht worden, teilte das UN-Kinderhilfswerk in Köln mit. Damit sei nach langen Verhandlungen nun ein Versorgungsweg nach Nordafghanistan geschaffen worden.

'Cap Anamur' kritisiert Abzockerei

Auch das Deutsche Notärztekomitee "Cap Anamur" ist bereits wieder in Afghanistan aktiv. Die Organisation teilte am Freitag (16.11.2001) mit, sie plane die Errichtung einer Ambulanz. Außerdem wolle man den rückkehrenden Flüchtlingen beim Aufbau ihrer Lehmhäuser helfen.

"Cap Anamur" warnte in einer in Köln veröffentlichten Erklärung vor einer "Politik des Abzockens im Gebiet der Nordallianz". Nach Angaben von "Cap Anamur" ist alles, was Hilfsorganisationen in Afghanistan vor Ort einkaufen müssen, dreimal so teuer geworden, wie noch vor ein paar Tagen. "Der Umtauschkurs Afghani zu Dollar erreicht mittlerweile schwindelerregende Höhen", so ein Sprecher von Cap Anamur.