Afghanistan - Massengrab in der Festung

Artikelinfo
Datum: 
02.12.2001
Quelle: 
NDR ndrtv.de

Er kam noch einmal mit dem Leben davon, mehrere seiner ausländischen Journalistenkollegen jedoch sind während ihrer Arbeit in Afghanistan getötet worden. In den Wirren des blutigen Kampfes verlor unser Korrespondent sogar seinen Reisepass.

Drei Tage dauerte es, bis der Aufstand der Taliban in der Festung Kalai Dschanghi niedergeschlagen war. Dabei sollen zwischen 450 und 600 ihrer Kämpfer getötet worden sein - meist arabische, pakistanische und tschetschenische Söldner. Die hatten zuvor ihre zahlenmäßig unterlegenen Aufpasser der Nordallianz mit Hilfe von versteckten Granaten überwältigt und dann ein Waffenlager gestürmt. Erst mit Hilfe von US-Bombern sowie amerikanischen und britischen Soldaten gewann die Nordallianz wieder die Hoheit über die Zitadelle.

In einer umfassenden und eindringlichen Reportage schildert Stauth, wie eine vermeintliche Kapitulation in ein Blutbad umschlug.

In einem Brief an den Weltspiegel schildert Rupert Neudeck vom Komitee Cap Anamur die geographischen und bürokratischen Hemmnisse bei der Hilfe für die afghanische Zivilbevölkerung:

"Wir gehen voller Sorgen über Duschanbe wieder nach Afghanistan. Wir machen uns keine Sorgen um uns, sondern um die Bevölkerung. Die humanitäre Arbeit ist immer noch auf der Agenda unserer Politik unter "ferner liefen". Es ist wirklich zum Heulen, bis heute gibt es nur den einen kleinen Nadelöhrzugang über Tadschikistan mit irrwitzigen Bürokratiehindernissen, tagelangen Verzögerungen.

Usbekistan klappt auch nicht. Wir haben einen 450-Tonnen-Transport über Duschanbe - nach drei Wochen kommen Eisenbahnwaggons da an. Wir laden die um auf 50 Lkw, dann ab zum Fluß. Aber es gibt keine Unterstützung durch die UNO, die so bürokratisch verknöchert ist, daß man da nichts mehr machen kann.

Die Bergdörfer können nur mit Eselkarawanen versorgt werden, das macht doch in Afghanistan keine UNO. Ich habe manchmal das Gefühl, es gilt der abgewandelte Satz von Erich Kästner: 'Es gibt nichts Gutes, außer man koordiniert es!' - Korrespondenten sitzen in Kabul und berichten über das Wiederaufblühen des Bazars. Aber in diesem riesengroßen Land von der doppelten Größe der Bundesrepublik haben die Menschen keine Zuversicht und keine Hoffnung mehr - außer auf ihren Gott und Schöpfer.

Cap Anamur hat gestern den ersten Mann in der Ambulanz auf dem Tisch gehabt, dessen rechter Unterschenkel von einer Mine zerfetzt wurde, die direkt hinter seiner Haustür in dem Ort Hodschagar lag. Hodschagar ist einer der Orte, in die unsere Flüchtlinge aus den Lagern Zolm und Lala Gozar noch vor dem Winter zurückgehen. Wir haben ihnen die Zelte und die Decken und die Kochutensilien mitgegeben, damit sie sich in den Ruinen ihrer eigenen Lehmhäuser einrichten können.

Im Ort Hodschagar lebten vor der Besetzung durch die Taliban 1000 Familien, das sind etwa fünf bis sieben tausend Menschen. Wir werden dort für unsere Hilfsgüter ein Lager einrichten. Es gab in Hodschagar eine deutsche Kartonagefabrik, deren Gebäude auch noch erhalten ist. Um nach Hodschagar zu kommen, muß der Hodscha-Fluß durchquert werden.

Jetzt fährt der eigene Lada noch durch den Fluß, aber wenn die großen Regenfälle und später die Schneeschmelze kommen ... Unser Team hat um zwei geländetüchtige Unimog gebeten, die auf dem langen Weg von Köln nach Hodschagar chauffiert werden müssen. Und: Wir müssen uns auf immer mehr Minenverletzte einlassen.

Auf dem Weg zurück blieb der Cap Anamur-Wagen in einem Schlammloch stecken. Da mußte das Vier-Mann-Team mit Pferden weiter reiten. Ein riesengroßes Betätigungsfeld also für ein kleines Ingenieurcorps einer der vielen Armeen, die ja alle was tun wollen. Vielleicht auch der Bundeswehr.