Kein Tag ohne Kalaschnikow

Artikelinfo
Datum: 
06.05.2002
Autor: 
Elias Bierdel
Quelle: 
tagesschau.de

Riskantes Überholmanöver auf der Straße von Kabul in Richtung Norden: Kurz hinter Pulichumri rast plötzlich ein Toyota-Kombi von hinten an uns vorbei, versucht noch kurz vor dem entgegenkommenden Wagen wieder einzuscheren. Es ist zu knapp. Der Fahrer verliert die Kontrolle, das Kombi-Heck prallt gegen den Vorderreifen unseres Unimog, dann fliegt das gelb-weiß lackierte Taxi von der Asphaltpiste, dreht sich in der Luft und bleibt auf dem Dach im Straßengraben liegen.

So schnell wir können rennen wir zu dem qualmenden Wrack. Wir wissen: In einem Auto wie diesem fahren oft 10 oder mehr Passagiere mit - Frauen, Kinder, Greise... "Bitte lass kein totes Kind in diesem Schrotthaufen sein", geht es mir durch den Kopf. Und die Bitte wird erhört. Nur vier Männer kriechen durch die zerbrochene Windschutzscheibe heraus. Schwerer verletzt ist offenbar nur einer von ihnen, ein etwa 50jähriger Turbanträger in einem dicken Mantel. Er stöhnt vor Schmerzen und hält sich die Seite.

Behutsam legen wir ihn auf eine Decke und untersuchen den Mann. Und schrecken zurück: Unter dem Mantel kommt eine Maschinenpistole zum Vorschein, in einem Schulterhalfter steckt eine weitere Waffe. Erst jetzt fällt uns auf, dass auch die drei anderen Unfallopfer bewaffnet sind. Gott sei Dank stehen sie unter Schock und lassen sich ohne Widerstände ins Krankenhaus verfrachten. Sogar ihre Schuld an dem Unfall haben sie zuvor noch eingestanden.

Der Vorfall wirft ein Schlaglicht auf eines der drängendsten Probleme Afghanistans: Nach 23 Jahren Krieg sind Millionen von Schusswaffen im Land unterwegs. Zwar hat die Übergangsregierung offiziell damit begonnen, sie einzusammeln, aber die damit beauftragten Commander haben kein gesteigertes Interesse daran, auf militärische Macht zu verzichten. "Am Tag sammeln sie die Kanonen ein - und in der Nacht verteilen sie sie wieder an ihre Leute", sagt mir ein Dorfvorsteher in der Provinz Takhar.

Noch gefährlicher sind aber jene Banden ehemaliger Soldaten, die völlig ohne Perspektiven und ohne Kontrolle durchs Land streifen. Banditen, die nichts mehr zu verlieren haben.

Nach Einbruch der Dunkelheit ist deshalb niemand mehr unterwegs, wenn es sich vermeiden lässt. Wir natürlich auch nicht. Und wenn die Ärzte von Cap Anamur doch einmal zu einem nächtlichen Notfall gerufen werden? "Nicht anhalten, auch wenn jemand mit einer Kalaschnikow herumfuchtelt", lautet die Regel. Glücklicherweise ist es uns bisher erspart geblieben, sie einem Praxistest zu unterziehen.

Auch vor unseren Ambulanzen sind anfangs immer wieder Bewaffnete aufgetaucht. Das gibt es derzeit kaum noch. Mit Waffe kommt niemand herein - und wird auch nicht untersucht, das hat sich herumgesprochen. Und die lokalen Befehlshaber haben ihren Männern wohl gesagt, sie sollten uns nicht erschrecken. Das gelingt nur zeitweise. Im Streit zwischen zwei Lkw-Fahrern, die Baumaterial für eine unserer Schulen bringen sollen, versuche ich zu schlichten: Sie sollten sich wieder abregen, der Krieg sei doch vorbei! Da sieht mich einer der Hitzköpfe abschätzig an und sagt dann langsam "Nein, das ist er nicht."