Afghani - Geld zum Kilopreis

Artikelinfo
Datum: 
08.05.2002
Autor: 
Elias Bierdel
Quelle: 
tagesschau.de

Wer in Afghanistan Fremdwährungen gegen die einheimischen "Afghanis" tauscht, der sollte einen stabilen Karton mitbringen und vielleicht noch einen Träger dazu. Je nach Kurs wiegt der Gegenwert von beispielsweise 1000 Dollar um die zehn Kilo. Und weil Cap Anamur in der Provinz Takhar Krankenhäuser und Schulen baut, Brunnen bohrt und dazu ein Heer von Arbeitern beschäftigt, haben wir mitunter mehrere Zentner Geld in der großen Blechkiste auf der Unimog-Ladefläche.

Das gängigste Zahlungsmittel ist der Zehntausender. Ein türkisblauer Schein mit dem prächtigen Siegel der afghanischen Nationalbank von 1939 im Wert von derzeit rund 15 Cents. Dafür bekommt man auf dem Bazar immerhin einen Apfel. Aber nur, wenn der schmierige Schein, mit dem man bezahlen will, auch die Gnade des Händlers findet. Denn wie vieles in Afghanistan, so ist auch die Sache mit dem Geld weit komplizierter, als sie zunächst aussieht. Und für Ausländer eigentlich kaum zu durchschauen.

Das beginnt damit, dass einige Afghani-Serien allgemein als "Falschgeld" betrachtet werden. Je nach Gegend gelten sie mal als Taliban-, mal als Hazara-Währung (die Hazara sind ein Volksstamm in Zentralafghanistan) und werden glatt abgelehnt. Außerdem sind die im Gebiet der ehemaligen Nord-Allianz kursierenden Scheine in Kabul nicht gültig - im Gegenzug hat aber das dort in Umlauf gebrachte "Regierungs-Geld" im Norden den doppelten Wert. Der - mit europäischen Augen gesehen - identische Zehntausender-Schein schlägt also in diesem Fall mit zwanzig Tausend zu Buche. Soweit, so dubios.

Wer nun aber mit einem solchen Regierungs-Zehntausender seinen Apfel kauft, dem kann es passieren, dass der Händler statt des erwarteten Nord-Zehntausender nur einen 5000-Afghanis-Schein herausgibt. Nur Anfänger kann dies irritieren. Der Kenner dagegen weiß: Die Fünftausender werden grundsätzlich als ... Zehntausender gehandelt! Und um die Verwirrung komplett zu machen, haben auch Fünfhunderter- und Tausender-Scheine den gleichen Wert.

Damit die Sache nun nicht zu einfach wird, schwankt der Wechselkurs erheblich. Wie es die Geldhändler landesweit jeden Morgen schaffen, sich über den Tageskurs zu verständigen - Telefone funktionieren nur in wenigen großen Städten -, bleibt ihr Geheimnis. Und der Grund, warum es am Montag 75.000 Afghanis für den Dollar gibt und am Dienstag nur noch 63.000, erst recht. Mal ist es die Nachricht von einer neuen Offensive der US-Truppen gegen vermeintliche Taliban-Kämpfer, die den Kurs fallen lässt - oder auch steigen, je nachdem. Fragt man nach dem tieferen Sinn solcher Schwankungen, erntet man bei den Geldhändlern nur ein goldbezahntes Grinsen. Schließlich verdienen sie mit dem An- und Verkauf von Dollar und Afghanis nicht schlecht. Da geht es auf dem Bazar von Taloqan nicht anders zu, als an der Börse in Frankfurt - ein bißchen Insiderwissen ist eben bares Geld wert.

Voller Freude habe ich in diesen Tagen in einer Vitrine auf dem "money market" auch den ersten 5-Euro-Schein entdeckt. Ob nun künftig wenigstens der Zwischenschritt des Umtauschs unserer Spendengelder in die US-Währung entfallen würde? Wieder blitzen Goldzähne auf. Ach, den komischen bunten Zettel da, meint der Händler, den habe er lediglich zur Zierde hinter die Scheibe geklemmt. Wechseln würde er aber natürlich er auch weiterhin nur Dollar.