Elias Bierdel: Rückkehr nach Afghanistan

Artikelinfo
Datum: 
05.06.2002
Autor: 
Elias Bierdel
Quelle: 
tagesschau.de

Wenn Afghanistan eine Chance auf Frieden und eine Zukunft in der Staatengemeinschaft haben soll, dann werden sie in der Tat dringend gebraucht, die ins Exil getriebenen oder abgewanderten Eliten. Doch gerade die bessergestellten, gut ausgebildeten Auslands-Afghanen haben es - entgegenallen Beteuerungen - bisher nicht eben eilig, in ihre Heimat zurückzukehren. Viele von ihnen haben sich in der Fremde eine sichere Existenz aufgebaut, haben Familien und Firmen gegründet.

Daheim pflegen sie ihre Sprache und Traditionen - gerade die jüngeren aber haben sich ganz überwiegend an den westlichen Lebensstil und -Komfort gewöhnt. Sie sind Ärzte, Hochschullehrer oder Ingenieure, genau jene Schicht also, die im kriegsverwüsteten Kabul und den verarmten Provinzen so fehlt. Aber mit Rückkehr-Programmen, mögen sie auch gut gemeint sein, werden sie sich kaum bewegen lassen, den Flug nach Hause anzutreten.

Deutschlands Programm: 8000 Flüchtlinge zurück

Allerdings hat der Plan von Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul offensichtlich ohnehin eine andere Zielgruppe im Auge: Eben gerade nicht die gut ausgebildeten Fachleute, sondern "einfache" Bürgerkriegsflüchtlinge, die sich in Deutschland bisher keine Perspektive schaffen konnten oder durften.

Schon das Volumen des Programms, das zwei Millionen Euro für die Rückführung von 8000 Afghanen aufwenden will, spricht eine klare Sprache: Gerade mal 250 Euro sind das pro Kopf ! Wie mit dieser Summe ernsthaft Existenzen gegründet und Fachkräfte unterstützt werden sollen, geschweige denn "der Wiederaufbau der afghanischen Wirtschaft und einer Demokratie" bewerkstelligt werden kann, wie es die Ministerin angekündigt hat, bleibt allerdings ihr Geheimnis.

Der Verdacht liegt vielmehr nahe, dass es sich bei dem schlichten Plan eher um den Versuch einer organisierten Abschiebung von in Deutschland nicht benötigten Ausländern ins Ungewisse handelt.

Der Krieg ist noch nicht wirklich vorbei

Doch so sinnvoll ernsthafte Anreize zur freiwilligen Rückkehr auch sein könnten - am Anfang steht die Lage im Land selbst. Sie ist keineswegs so stabil, wie sich das die Regierungen in London, Berlin oder Washington wünschen mögen. Noch nicht einmal der Krieg ist wirklich vorüber - im Osten Afghanistans machen Elitetruppen der Anti-Terror-Allianz (auch unter deutscher Beteiligung) weiterhin Jagd auf Taliban- und Al Kaida-Anhänger. Und da, wo die Waffen gerade schweigen, werden sie - für jedermann sichtbar - demonstrativ einsatzbereit gehalten.

Mag man sich im Westen auch gerne in die eigene Tasche lügen, die Exil-Afghanen tun dies ganz sicher nicht: Sie wissen, wie brüchig der so genannte Frieden in ihrem Land ist und warten deshalb ab. Worauf ? Auf irgendein Zeichen, das Hoffnung geben könnte - vielleicht geht es von der "hohen Versammlung" aus, die der selbst aus dem Exil zurückgekehrte, greise Ex-König einberufen hat ? Vielleicht geschieht ein Wunder und die diversen Warlords, die sich bisher noch argwöhnisch belauern legen plötzlich doch die Waffen nieder ?

Mehr Vertrauen durch größere Schutztruppe

Wenn aber die Europäer auf Wunder nicht warten mögen, könnten sie sehr wohl etwas unternehmen, um das Vertrauen der Afghanen in Frieden und Stabilität zu fördern: Sie könnten darauf dringen, die Afghanistan-Schutztruppe massiv aufzustocken und ihr Mandat schnell aufs ganze Land auszudehnen.

Das freilich wäre nicht ohne Risiko - und die Kosten lägen wohl auch deutlich höher als bei den diversen Rückkehr-Förderungsprogrammen. Dafür hätte es aber mittelfristig Chancen auf Erfolg. Und die heimatliebenden Afghanen würden aus eigenen Stücken zu Tausenden aus dem Exil zurückkehren - auch ohne 250 Euro "Entwicklungshilfe" der Bundesregierung.