Israelische Ärzte helfen den Kindern im Feindesland

Artikelinfo
Datum: 
27.08.2002
Autor: 
Norbert Jessen
Quelle: 
Die Welt welt.de

Tulkarm - Warten. Schon über eine Stunde stehen die drei Kleinbusse an der Straßensperre bei Tulkarm. Ein Einsatz der "Ärzte für Menschenrechte" fängt jeden Samstagmorgen an einer Sperre an. Oft endet er dort auch. Seit über zehn Jahren erscheinen die Mediziner immer dort, wo die medizinische Versorgung unter der Besatzung gefährdet ist. Seit Beginn der zweiten Intifada im Herbst 2000 und der ständigen Ausgangssperren sind sie verstärkt im Einsatz.

Dieses Mal wollen die israelischen Ärzte nach Bet Lid. Das palästinensische Dorf bei Nablus ist seit über einem Monat abgesperrt. Fachärzte kamen nicht ins Dorf - Kranke nicht heraus. Den Befehl an der Sperre führt ein Feldwebel. Was er auch betont: "Ich hab hier den Befehl."

"Und ich bin Professor Zvi Ben Zur. Als Chefarzt weiß ich, dass Befehlen verantworten heißt. Es ist eine Frechheit, uns aufzuhalten, weil wir palästinensischen Kranken helfen wollen. Verantwortungslos aber ist es, den palästinensischen Krankenwagen da drüben aufzuhalten. Darin liegen Nierenkranke auf dem Weg zur Dialyse. Deren Haut ist so gelb, dass sogar ein Feldwebel den Unterschied zwischen Terrorist und Krankem mit bloßem Auge sehen kann." Der 22-jährige Befehlshaber sagt noch etwas von wachsender Terrorgefahr. Aber nach einigen Minuten fahren die Ärzte weiter, der Krankenwagen in die Gegenrichtung - zum Hospital.

Wären die Sperren nicht, die freiwilligen Helfer könnten zu Hause bleiben. Auch Rupert Neudeck von der deutschen Ärztehilfsorganisation "Cap Anamur" erkannte die Problematik, als er im Juli die Lage vor Ort erkundete. "Hier sind wir nicht im Dschungel, wo ärztliche Hilfe bei null beginnt. Hier gibt es eine brauchbare medizinische Infrastruktur. Aber sie ist wirkungslos, wegen der Ausgangssperren."

An diesem Samstag sind weniger Fachärzte gekommen als erwartet. Neben Professor Ben Zur sitzen die Kinderärztin Seligmann und der praktische Arzt Taher. Mit dabei etwa zehn Helfer. Krankenschwestern, Medizinstudenten und Sozialarbeiter. Ein eingespieltes Team. Mehr Patienten als erwartet stehen im Schulhof von Bet Lid. Fast alle Bewohner strömen zur Schule. In wenigen Minuten sind einige Klassenzimmer mit Schildern als Praxisräume gekennzeichnet. Eine Warteliste mit den dringenden Fällen wurde vom Dorfarzt vorbereitet. Im Lehrerzimmer mit der Lautsprecheranlage wird die Apotheke eingerichtet. Sogar der Fahrer zählt Medikamentenschachteln. Langsam wird aus dem Gedränge von über 600 Patienten ein heilvolles Durcheinander.

Mit zum Team der medizinischen Helfer gehört Lisa. Die Frau in den Vierzigern mit der Kondition eines Teenagers sorgt für Stimmung. Um sie herum ein ständiges Lachen und Weinen, Rennen und Rasten. "Ohne sie würden weit über 100 Kinder zum ständigen Störfaktor", weiß der Schulrektor.

Die Kinder fallen durch ihr aggressives Verhalten auf. Sie abzulenken ist eine pädagogische Meisterleistung. Auffallend sind auch die abgetragenen Schuhe der Kinder. Fast alle tragen billige Plastiklatschen, die oft auch noch zu klein sind.

Eine Siebenjährige schluchzt leise. Immer wieder wird sie abgedrängt, wenn neue Luftballons verteilt werden. "Dein Vater war ein Maschtap", brüllt ein Junge neben ihr. Maschtap, das ist ein Spitzel des israelischen Geheimdienstes. War, das heißt, er wurde erschossen. Auf seiner Familie liegt ein Makel. Aber ein 14-Jähriger macht der Kleinen Platz, und auch sie erhält einen Ballon. Sogar einen roten. Die Kinder weichen verblüfft zurück. "Wie oft muss ich noch sagen, ihr sollt Rana in Ruhe lassen", schimpft der junge Helfer. Sein Vater, erzählt ein Lehrer, saß vier Jahre im israelischen Gefängnis. Ranas Vater hatte ihn verraten.

In der Warteschlange der Patienten stehen die chronisch Kranken vorn - auch einige Kinder. Bei einem kleinen Jungen wird akute Lungenentzündung diagnostiziert. Er muss sofort ins Krankenhaus. Sallach, der Apotheker und Mann für alles bei den "Ärzten für Menschenrechte", organisiert den Passierschein, damit er durch die Sperre kommt.

"Bei den Alten sind es die chronischen Leiden wie etwa Diabetes. Bei den Kindern meist Infektionskrankheiten und in letzter Zeit auch häufiger Würmer", beobachtet einer der Ärzte. Der Dorfarzt Ammr bestätigt. Auch er hilft mit. "Die Eltern haben einfach kein Geld mehr. Die meisten sind arbeitslos. Und auch wer Arbeit hat, wird durch ständige Ausgangssperren behindert. Selbst wenn ich die Diagnose erstelle und ein Rezept ausschreibe - sie können es einfach nicht kaufen."

Lisa, die Krankenschwester, die im Gang seit Stunden ununterbrochen Blutdruck misst, macht sich eine Notiz. "Das nächste Mal unbedingt Ausrüstung zur Diabeteserkennung besorgen." Es gibt mehrere Fälle, wo der Verdacht auf Diabetes besteht.

Ramin ist eine arabische Sozialarbeiterin kurz vor ihrem zweiten Diplom an der Tel Aviver Universität. Vor allem die jungen Mütter sprechen mit ihr. Sie spezialisiert sich auf posttraumatische Erscheinungen bei Kindern, erzählte sie auf dem Weg nach Bet Lid. Im Dorf zeigte sich, dass die Mütter aber auch die "ganz üblichen Erziehungsfragen" stellen: Wann soll geprügelt werden? "Ihnen klar zu machen, dass das überhaupt nicht geschehen soll, ist sehr schwierig."

Nach sechs Stunden, 600 Patienten und sechs Minuten Danksagung geht es wieder zurück. Als es wieder durch die Sperre geht, meint Noga, eine Medizinstudentin, ganz leise: "Im Grunde lautet die Diagnose auf Besatzung. Das Heilmittel wäre daher die Unabhängigkeit."