Keine Schule, keine Zukunft

Artikelinfo
Datum: 
16.06.2003
Quelle: 
Berliner Morgenpost
Ein Leben ohne Schule, traumhaft - oder? Für Kinder in Afghanistan ist Schulbildung der einzige Weg, um künftig in Frieden zu leben. Reporterin Katja Wallrafen hat mit der Hilfsorganisation Cap Anamur Jugendliche besucht und ihre Berichte aufgezeichnet. Wie ihr selbst helfen könnt? Auch das lest ihr auf dieser Seite.


Ein Chemieraum, Computer oder gar Schwimmunterricht - afghanische Schulkinder können von solcher Ausstattung nur träumen - sie sind glücklich, überhaupt eine Schule besuchen zu können. Wenn sie dann ein richtiges Dach - und keine Zeltplane, wie noch im vergangenen Jahr üblich -, über dem Kopf haben, ist das Luxus pur. Von Tischen und Stühlen wagen die Jungen und Mädchen nicht zu träumen. Liegt ein Teppich auf dem Betonboden, ist das Klassenzimmer geradezu üppig ausgestattet. Trinkwasser ist rar, oft haben selbst die Lehrer nicht genug zu essen, geschweige denn Geld. Denn eigentlich bestimmt Mangel den Alltag im Land am Hindukusch, wie Afghanistan nach seiner imposanten Bergkette auch genannt wird. Nach 23 Jahren Krieg und Bürgerkrieg herrscht seit 18 Monaten so etwas wie Frieden. Wenngleich der noch wackelt, wie man an dem Anschlag in Kabul vergangene Woche sehen konnte. Trotzdem - die Kinder und Jugendlichen trauen sich wieder, an solch alltägliche Dinge wie Schulbesuche zu denken. Und zum ersten Mal seit sechs Jahren ist es auch den Mädchen erlaubt, zu lernen. Seit 1996 war es Mädchen verboten, in die Schulen zu gehen. Die Taliban hatten in dieser Zeit die Macht an sich gerissen. Die Taliban sind eine radikale Partei, die strenge islamische Ordnungsvorstellungen mit Gewalt durchsetzte. Zu ihren Vorstellungen gehörte, Frauen und Mädchen aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen: Zum Beispiel war es Frauen strengstens verboten zu arbeiten. Ebenso durften sie kein Krankenhaus betreten - in den Genuss einer Behandlung kamen nur Männer und Jungen! Auf dieser Jugendseite kommen Jugendliche zu Wort, die in den Bergen Afghanistans leben - oft ohne fließend Wasser und Strom.

Zum Beispiel Bi Bi Agila (8) aus dem Ort Novobod:

"Jetzt bin ich im zweiten Schuljahr. Das finde ich klasse, denn jetzt haben wir einen eigenen Klassenraum. Im ersten saßen wir mit zwei Klassen auf dem nackten Betonboden unter einer weißen Plastikplane. Die Erstklässler müssen sich dieses Zelt teilen. Wir waren in zwei Klassen zu je 40 Mädchen. Wenn wir Rechnen mussten, hatten die anderen Singen - nicht einfach, dabei aufzupassen!

Mein Lieblingsfach ist Dari, das ist unsere Sprache, das afghanische Persisch. Nicht so gerne mag ich Rechnen, aber meine Mutter sagt, ich soll dankbar sein, dass ich überhaupt lernen darf. Sie selbst war nie in der Schule, denn früher haben die Taliban das den Mädchen verboten.

Aber auch mein Vater Hassin hat die Schule kaum besucht, im Krieg sind seine Bücher verbrannt und er musste kämpfen. Er kann froh sein, dass er eine Arbeit als Wächter gefunden hat, auch wenn der Ort, in dem er arbeitet, eine Stunde mit dem Rad von uns entfernt liegt. So kann er immer nur einen Tag in der Woche bei uns sein.

Ich glaube, meine Mutter ist stolz darauf, dass ich wie meine Brüder zur Schule gehe. Weil wir kein Papier haben, ist das Lernen etwas schwierig, denn wir können nichts von der Tafel abschreiben. Wir haben keine Hefte, keine Bücher, keine Stifte. Eine Schultasche? Nein, ich habe eine alte Plastiktüte, darin sind vier Seiten Papier, die uns mal jemand geschenkt hat. Meine Freundin lässt mich manchmal ihrem Stift mitbenutzen - so habe ich schon ein bisschen schreiben gelernt.

Vor unserem Lehrer habe ich großen Respekt. Wir stehen auf, wenn er das Klassenzimmer betritt. Danach hocken wir uns wieder hin. Auf der Oberschule soll es Bänke geben, das habe ich aber noch nie gesehen. Mein Schulweg dauert 40 Minuten, ich gehe zusammen mit meiner Freundin. Zum Glück haben wir beide Schuhe."

Wasserjungen haben nie frei

Taj (13): "Ich habe Angst, aufzuwachen und der Krieg ist wieder da"

Taj: Ich wohne in Hodjar-Ghar, das ist eine kleine Stadt im Norden Afghanistans. Ich bin ungefähr 13 Jahre alt, genau weiß ich das nicht. Etwas wie Geburtstag ist in unserem Land nicht so wichtig. Wir erinnern uns an Jahre mit einer guten Ernte oder so, nicht an Jahreszahlen. Als ich meine Mutter fragte, wann ich geboren wurde, sagte sie, das war in dem Jahr, in dem es kaum Wasser gab. Dass in anderen Ländern Geburtstag mit Geschenken gefeiert wird, habe ich gehört. Ehrlich gesagt, kann ich mir aber nichts darunter vorstellen.

Es gibt viele Sachen, die ich mir nicht vorstellen kann. Dass wir jetzt im Frieden leben: Manchmal habe ich Angst, ich wache aus einem Traum auf und der Krieg ist wieder da. So lange ich lebe, gab es immer nur Kämpfe, Elend und Tote. Seit einem Jahr ist das vorbei und ich gehe in die Schule. Mathe ist mein Lieblingsfach.

Ich will Lehrer werden. Ein guter Lehrer. Unsere Lehrer konnten wegen des Krieges nicht in Schulen gehen und sie sind nicht so gut ausgebildet. Manche sind streng, da gibts schon mal Schläge auf die Hand, wenn jemand nicht gehorcht.

Ich bin brav, ich weiß meine Hände zu gebrauchen. Denn obwohl ich das jüngste Kind unserer Familie bin, helfe ich beim Geldverdienen. Meine drei Schwestern verkaufen Gemüse aus unserem Garten. Meine drei Brüder helfen meinem Vater. Der ist Schmied.

Ich bin Wasserjunge. Nach der Schule reite ich mt unserem Esel sieben Kilometer nach Sant Kama, dort gibt es sauberes Flusswasser. Wie der Esel heißt? Esel. Der Staub und die Hitze machen mir nichts aus, ich bin ja hier geboren und an 35 Grad gewöhnt. Im Sommer, bei 45 Grad, da wird es hart. In Hodjar-Ghar gibt es gar kein Wasser. In anderen Ländern soll es aus Leitungen fließen - das muss Luxus sein!

Das Wasser verkaufe ich für 450 Afghani (ca. neun Euro) pro Woche - dafür muss ich fünf bis sechs Stunden am Tag arbeiten. Frei habe ich nie. Die Arbeit ist nicht schlimm. Nur manchmal, wenn ich durch ein Dorf muss, wo Usbeken wohnen. Ich selber bin Tadschike, da machen sie mir manchmal Ärger. Sie kippen mir das Wasser aus. Oder hauen den Esel. Oder mich. Manchmal habe ich auch Ärger mit anderen Kindern, die eifersüchtig sind, weil ich diesen guten Job ergattert habe.

Todesgefahr: Auf dem Schulweg lauern Minen

Abdul Latif (16): Die Gegend um unser Dorf Dasht'e-e-Qaleh war im Krieg stark umkämpft. Die Soldaten haben hier etwas besonders Ekelhaftes eingesetzt: Minen. Obwohl der Krieg vorbei ist, weiß kein Mensch, wo sie überall liegen. Manche liegen unentdeckt jahrelang im Boden, bis sie explodieren.

Genau das ist mir passiert. Vergangenes Jahr war ich Holz sammeln in einem kleinen Wald bei unserem Dorf. Plötzlich hörte ich einen Knall und flog in die Luft. Und als ich wieder auf der Erde landete, tat mir alles weh. Ich war sehr verwirrt. Dorfleute liefen hektisch rum. Neben mir lag ein Freund - regungslos. Später erfuhr ich, dass er wohl sofort tot war. Überall war Blut.

Ich brauchte einige Zeit, bis mir klar wurde, dass es wohl auch mein Blut war. Die Dorfleute holten meinen Vater. Irgendwer organisierte einen Wagen. Mit dem wurde ich ins Krankenhaus gebracht. Das dauerte den ganzen Nachmittag, denn hier gibt es nur Schotterpisten keine Straßen. Als ich am nächsten Tag wieder wach wurde, war mein linker Unterschenkel weg. Amputiert. Monate später habe ich eine Prothese bekommen. Seitdem ich sie habe, träume ich nicht mehr so schlecht. Wenn sich die anderen Kinder über mich lustig machen, versuche ich, wegzuhören. Meine Freunde ignorieren das Thema Prothese. Mit meinen Eltern und Geschwistern spreche ich ab und zu darüber. Meine Eltern sind froh, dass ich lebe. Sie sagen "Allah sei Dank".

Warum Schulen den Frieden sichern können
Was denkste?



Seit ich in diese Mine getreten bin, habe ich meine Ansicht über die Menschen geändert. Ich will keinem mehr weh tun, ich will, dass keinem Menschen weh getan wird. Natürlich frage ich mich, warum es mich treffen musste - aber was bringt das? Wir müssen nach vorne schauen. Der Krieg ist vorbei, ich gehe in die Schule. Eines Tages will ich Ingenieur werden, ich will das Land wieder aufbauen. Wir brauchen Straßen, wir brauchen Brücken, Krankenhäuser. Und Schulen. Momentan lernen wir Schüler und bekommen dazu Hilfe von außen. Aber wenn erst einige von uns ausgebildet sind, werden wir uns selbst helfen können und unser Wissen weitergeben. Bildung ist für uns gleichbedeutend mit Zukunft. Denn wer viel weiß, kann sich eine eigene Meinung bilden und Verantwortung übernehmen. Zum Beispiel für unser Land und den Frieden. Was ich mir persönlich wünsche? Geld für meine Familie, denn wir haben wenig zu essen. Und wenn es etwas ganz allein für mich wäre? Ein Fahrrad.

Welche Klasse sammelt am meisten?

Wettbewerb

"100 Klassenzimmer für Afghanistan": Unter diesem Motto rufen die Hilfsorganisation Cap Anamur und die Deutsche Welle zu Spenden auf, damit Bibi, Taj und die anderen Kinder demnächst in richtige Schulen gehen können. Die Berliner Morgenpost und die Deutsche Welle laden zu einem Schülerwettbewerb ein: Wer sammelt das meiste Geld oder die spannendsten Informationen zum Thema Afghanistan? Macht eine Sammelaktion in eurer Klasse, fragt Lehrer, Familie, Mitschüler, Freunde. Oder schreibt Artikel für die Jugendseite: Zum Beispiel einen Brief an Bibi, Taj und die anderen. Oder eine Umfrage: Was wisst ihr über Afghanistan? Oder ein Interview mit einem Mitschüler, der aus dem Land stammt. Oder Die beiden Klassen mit den höchsten Sammelbeträgen und die beiden Klassen mit den spannendsten Artikeln laden wir zu Besuchen im Sendehaus der Deutschen Welle bzw. der Redaktion der Morgenpost ein. Einsendeschluss (Kopie des Einzahlbelegs/ Eingang der Texte): Freitag, 27. Juni. Adresse: Berliner Morgenpost, Jugendseite, Axel-Springer-Straße 65, 10969 Berlin, Fax 030-25 91 73 33 69, E-Mail: jugend@morgenpost.de. Spendenkonto: Cap Anamur, Kto. 2 222 222, Stadtsparkasse Köln, BLZ 37050198, Stichwort: Afghanistan. Online kann mit Kreditkarte gespendet werden: www.dw-world.de/afghanistan.