Im Kampf gegen Kindersterblichkeit in Afghanistan

Artikelinfo
Datum: 
18.06.2003
Quelle: 
Rheinpfalz Online

Malaria und Tuberkulose, Lungenentzündungen, Wurmerkrankungen, Unterernährung und Tretminen - sie sind die Geißeln in Afghanistan, auch wenn sich die Lage seit dem Ende des Krieges etwas gebessert haben mag. Die 30-jährige Krankenschwester Döne Akdas aus Neustadt, die früher im Hetzelstift gearbeitet hat, ist seit acht Monaten für die Hilfsorganisation "Cap Anamur" im Norden an der Grenze zu Tadschikistan, und trotz aller Unbilden schwärmt sie von Land und Leuten.


Döne AkdasAuch wenn die allermeisten Frauen des Vielvölkerstaates die Burka tragen, jenen den ganzen Körper verhüllenden Schleier, hat die frühere RHEINPFALZ-Mitarbeiterin schnell Zugang zu den Einheimischen gefunden: Die junge Frau ist Türkin und kann sich an ihren Einsatzorten verständigen. "Die meisten Menschen dort sind Usbeken; ihre Sprache ähnelt dem Dialekt in Ost-Anatolien." Das erlaubt es ihr, auch ohne Übersetzer zu arbeiten, zumal sie sich weitere Sprachkenntnisse angeeignet hat. Das Vertrauensverhältnis ist so gut, dass manchmal Frauen nur in die Ambulanz kommen, "um sich bei allen möglichen Problemen auszuheulen", sagt Akdas. Auch von den afghanischen Männern habe sie nichts zu befürchten außer neugierigen Blicken - dafür sorge allein schon das intakte Sozialgefüge, in dem jeder den anderen kennt.

Akdas' Einsatzgebiet liegt in jenem Landesteil, auf den die Taliban ihre Macht nie ausdehnen konnten, weil dort die Nordallianz von Ahmed Schah Massud das Sagen hatte. Um dessen Vordringen zu verhindern, verminten die Taliban die Grenzen ihres Territoriums, was immer wieder Menschenleben kostet oder zu schweren Verletzungen führt. "Minen werden auch immer wieder auf Wegen gefunden, die wir schon oft gefahren sind", erzählt die junge Frau; "vor allem nach Regen kommen im Schlamm immer wieder welche an die Oberfläche." Dass sie ins Ausland wollte, stand für die Krankenschwester schon länger fest; zunächst liebäugelte sie aber mit Afrika. Doch als dann an ihrer Arbeitsstelle, der Uni-Klinik Heidelberg, ein Anästhesist für Cap Anamur nach Afghanistan ging, hat sie sich informiert und beworben. Seit dem 15. Oktober ist Döne Akdas im Lande, und den sechsmonatigen Vertrag hat sie nochmals um sechs Monate verlängert. Zurzeit ist Akdas auf Urlaub bei ihrer Familie, vier Monate Einsatz folgen.

Bis vor kurzem waren es allein die Mullahs, die mit einem bisschen traditioneller Medizin und Aberglaube das Gesundheitssystem bildeten, aber mit Amuletten und Sprüchen auch nur beschränkte Heilerfolge hatten. "Die Mullahs kommen heute ein wenig in die Bredouille", sagt Akdas schmunzelnd. Manchmal muss aber auch die westliche Medizin passen: bei Sommersprossen, die ihr die jungen Frauen in Afghanistan, wo bleiche Haut als Schönheitsideal gilt, als Problem schildern.

Sie arbeitet in einem Team, zu dem ein Arzt aus Tadschikistan, eine Gynäkologin, zwei Schwestern, zwei Pfleger und viel einheimisches Personal zählen, darunter 16 Hebammen, für die Akdas großen Respekt und Bewunderung empfindet. Eine von ihnen sei die erste berufstätige (im Sinne von Bezahlung) Frau in jener Region überhaupt; sie habe einen sehr liberalen Mann, der im Haushalt mithelfe und auch mal die Kinder betreue.

"Es gibt eine richtige Gier nach Wissen", sagt Akdas: Erst seit gut einem Jahr besuchen die Mädchen wieder Schulen. Um deren Neu- oder Wiederaufbau kümmern sich unter anderem Techniker von Cap Anamur, und Akdas springt zusätzlich als Englisch-Lehrerin ein. Ihre Hauptaufgabe sieht sie aber in der Schwangeren-Vorsorge, die sie in jener Region aufgebaut hat, und der Versorgung der Kinder.

Cap Anamur hat eine Gesundheitsstation mit sechs Betten in Khojargar aufgebaut und betreibt Ambulanzen in drei Außenstationen. "Bevor eine Frau dort nicht zwei Söhne hat, wird sie immer wieder schwanger. Familien mit 13 Kindern sind keine Seltenheit", schildert Akdas, die bestaunt wird, weil sie noch alle Zähne hat. Die Frauen altern daher schnell, die Gesundheit leidet. Wenn eine Schwangere Malaria bekommt oder ihr eine Tuberkulose zu schaffen macht, kommen die Babys unterentwickelt zur Welt und müssen aufgepäppelt werden. Die Kindersterblichkeit ist so hoch, dass die Säuglinge erst nach ein paar Monaten einen Namen bekommen.

Die Versorgungslage sei eigentlich gar nicht so schlecht, auch wenn auf vielen Feldern nur Mohn blüht, weil Opium das meiste Geld bringt. Neben Weizen werden Rüben und Karotten angebaut, manchmal gibt es Okraschoten und Tomaten. Dennoch ist die Ernährung nicht ausgewogen: Tagaus, tagein gibt es Pilau, ein Reisgericht mit Rosinen, Zwiebeln oder Mandeln, manchmal auch Hammel. Alles trieft vor Öl, das man herausdrückt, bevor man den Bissen mit den Fingern zum Munde führt. Auf den Basaren sei alles zu haben - vorausgesetzt man hat Geld, sagt Akdas. Selbst Medikamente werden frei gehandelt, was aber die Gesundheitsprobleme eher verschärft. Bevor Einheimische nämlich zum Arzt gehen, haben sie schon selbst herumgedoktert. Doch mit zu kurz verabreichten oder unangebrachten Antibiotikum-Gaben werden Resistenzen herangezüchtet. Cap Anamur hat auch deshalb ein Tuberkulose-Zentrum aufgebaut, in dem 30 Patienten zwei Monate lang intensiv behandelt werden. An medizinischem Personal bestehe übrigens nach wie vor Mangel, sagt Akdas und wirbt für den humanitären Einsatz: Es lohne sich.