Zwei Kugeln Eis inklusive

Artikelinfo
Datum: 
18.06.2003
Autor: 
Katja Wallrafen
Quelle: 
Die Welt

Basartag ist Fernsehtag in Daht'e-Qaleh, einer Stadt mit 200 000 Einwohnern im Norden Afghanistans. Gleich neben dem Melonenhändler verknüpfen vier junge Männer einige Strohmatten zu einem primitiven Unterstand, der vor Staub und Sand und vor der sengenden Sonne schützt. Im Schatten des provisorischen Dachs thront der Star des Tages auf zwei wackligen Stühlen: ein russischer Schwarz-Weiß-Fernseher, der drei Jahrzehnte schon auf dem Buckel hat. zehn Afghani (20 Cent) Eintritt kostet der Fernsehspaß - zwei Kugeln Eis inklusive. Prima angelegtes Geld, findet der 17-jährige Habib Allah: "Es geht nichts über eine indische Seifenoper." Sein Freund Zubidah hofft, dass im Anschluss an das Hindi-Spektakel Nachrichten gesendet werden: "Dummerweise", klagt er, "bestimmt die Mehrheit der Zuschauer, was geguckt wird."

Ein eigenes Fernsehgerät - das ist der Traum von Zubidah und seiner Familie. Ein Traum, der sich so bald nicht erfüllen wird. In den Nordprovinzen Afghanistans, fernab der Hauptstadt Kabul, sind die Menschen schon glücklich, ein Lehmdach über dem Kopf und eine bescheidene Portion Reis täglich zu haben. Und dennoch spürt Zubidah diese Sehnsucht nach Informationen, nach einem Fenster, das den Blick in eine andere Welt gestattet, fernab seiner kleinen, harten Wirklichkeit in einem auch intellektuell verdörrten Land - nach 23 Kriegsjahren.

In der Hauptstadt Kabul, in Jalalabad, Herat oder in Kandahar hätte Zubidah bessere Chancen, etwas mehr über die Wirklichkeiten jenseits seines Dorfes zu erfahren; dort sendet seit dem Ende des Taliban-Regimes der afghanische Staatsfunk RTA (Radi Television Afghanistan). Zwar sind die Programme streng regierungsnah, doch unter den Bedingungen eines zerstörten Landes, in dem der Aufbau einer Medienlandschaft gleichsam vor der Stunde null anfängt, leistet RTA sehr ordentliche Arbeit. Weitere Informationen erhalten die Afghanen in Kabul in vier Tageszeitungen, die allerdings eine verschwindend geringe Auflage haben; die Analphabetenquote liegt bei 79 Prozent. Hauptinformationsquelle in Afghanistan ist das Radio.

Das täglich sechsstündige RTA-Fernsehprogramm wird im Studio unter einer trüben Funzel produziert und sieht mit einer Endlosschleife von Gesangs- und Tanzdarbietungen recht unbeholfen aus. Dennoch ist das Programm gern gesehen in einem Land, in dem unter den Taliban jegliche Unterhaltung verboten war. Höhepunkt des Fernsehtags ist um 19.30 Uhr die Nachrichtensendung, die jedoch in Ermangelung von Redakteuren und Geld sehr rudimentär ausfällt. Ohne Agenturmaterial liegt der bilderarme Schwerpunkt fast zwangsläufig auf Inlandsthemen.

Dann heißt es: "Wir übergeben an unsere Kollegen in Berlin." Berlin? "Danke nach Kabul" antwortet ein Herr mit Anzug und Krawatte, der nun auf dem Bildschirm die Weltnachrichten verliest. Ibrahim-Khail heißt er und ist einer von zwei Exil-Afghanen, die seit vielen Monaten aus dem Studio von Deutsche Welle TV Entwicklungshilfe in Sachen Fernsehen leisten. Zu Anfang wurden die Texte der beiden in den Landessprachen Dari und Paschtu noch von Mitarbeitern des zentralasiatischen Instituts der Humboldt-Uni auf politische Korrektheit überprüft, heute ist das nicht mehr nötig. Ein 25-köpfiges Team produziert täglich in Berlin die zehnminütigen Weltnachrichten fürs afghanische Fernsehen. Dabei nimmt die Redaktion durchaus Rücksicht auf die Wertvorstellung ihres afghanischen Publikums: Franziska von Almsick etwa wird den überwiegend islamischen Zuschauern erst zugemutet, wenn sie nicht mehr im knapp sitzenden Badeanzug vor die Kameras tritt. Neben den Nachrichten gibt es wöchentlich anderthalb Stunden Unterhaltungsprogramm aus Berlin - etwa Dokumentationen oder Kindersendungen, die zum Beispiel den kleinen Maulwurf in der "Sendung mit der Maus" im Land am Hindukusch berühmt gemacht haben. Besonders beliebt bei den Großen ist Sport - Michael Schumacher, Sven Ottke, Rudi Völler.

Inzwischen hat die Deutsche Welle zusammen mit dem Auswärtigen Amt auch ein modernes Fernsehstudio nach Kabul verfrachtet, und DW-Mitarbeiter schulen die Einheimischen an moderner MAZ-Technik. Auch die politischen Stiftungen helfen bei der Aus- und Weiterbildung von Journalisten in Afghanistan. Günther Voet etwa hat im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung ein TV-Magazin entwickelt, das sich nach dem Vorbild von "Monitor" oder "Report" gesellschaftspolitischen Themen widmet.

Noch allerdings ist keineswegs sicher, dass sich westliche Vorstellungen von Pressefreiheit im Land auch durchsetzen können. Fernab der Hauptstadt Kabul gelten für den Aufbau der Medien die gleichen Schwierigkeiten, mit dem auch die Politik kämpft: Die lokalen Provinzfürsten, darunter radikale Ex-Mudschahedin - ignorieren die Übergangsregierung in Kabul und arbeiten selbst am Aufbau eigener Hörfunk- und Fernsehstationen.

Spenden-Aufruf

Die Deutsche Welle (DW), Auslandssender der Bundesrepublik, hat jetzt eine Initiative zum Aufbau der Schulen in Afghanistan ins Leben gerufen. In Zusammenarbeit mit dem Komitee Cap Anamur soll die Spendenaktion "100 Klassenzimmer für Afghanistan" insgesamt eine Million Euro zusammentragen, um die zerstörten Schulen wieder herzurichten. Spenden kann man online unter www.dw-world.de/afghanistan oder auf das Spendenkonto Cap Anamur 2 222 222, Stadtsparkasse Köln (BLZ 37 050 198), Stichwort: Afghanistan.