Hilfe die keiner haben will?

Artikelinfo
Datum: 
28.08.2003
Quelle: 
WDR WDR 5 Morgenecho

Interview mit Elias Bierdel (Vorsitzender der Hilfsorganisation Cap Anamur)
Moderation: Achim Schmitz-Forte

Moderator:

Die Bundeswehr soll in den Norden Afghanistans gehen, in einen Ort nahe Kundus nahe der Grenze zu Tadschikistan. 250 Bundeswehrsoldaten sollen dort Dienst tun, meint die Bundesregierung. Ein eher symbolisches Kontingent, das auf verlorenem Posten stehen wird, sollte es ernsthaft angegriffen werden. Schon jetzt sind ja im Rahmen der internationalen Truppe ISAF rund 1800 Bundeswehrsoldaten in der Hauptstadt Kabul. In Kundus, im Norden, sollen deutsche Soldaten bald Infrastruktur und Aufbauprojekte absichern, so lautet der schwammig formulierte Auftrag. Und damit sollen sie eine Arbeit tun, die die USA gerne abgeben möchten. Nun arbeiten längst humanitäre Organisationen im Norden Afghanistans, und zwar ohne militärischen Schutz, zum Beispiel die Hilfsorganisation "Cap Anamur". Elias Bierdel ist der Vorsitzende von "Cap Anamur". Was hält er von den Plänen der Bundesregierung?

Bierdel:
Erst muss man wirklich mal klären: Für wen soll denn hier Sicherheit geschaffen werden? Das kann doch nur um die normalen Menschen gehen. Die Afghanen, die nämlich mit ganz großem Fleiß und Engagement - und übrigens auch mit viel Erfolg - dabei sind, ihr Land wieder aufzubauen, die den Frieden wollen, die aber daran gehindert werden von interessierter Seite, nämlich von den alten Warlords, unter denen sie lange genug gelitten haben, aber denen sie so nicht entkommen können, das ist sehr schwierig. Und wer könnte ihnen da helfen? Da wären möglicherweise schon auch internationale Truppen, die mal irgendwo sind, nur weil sie eine Instanz darstellen, an die man sich noch mal wenden kann, die wären schon hilfreich. Es ist nun anders gekommen, es ist ja nicht so entschieden worden. Stattdessen haben die Amerikaner eben ihren Kampf weitergeführt. Deshalb brauchten sie auch die Provinzen und die Basen dort, speziell Kundus. Und jetzt Sicherheit für Humanitäre herzustellen, dazu brauchen wir die Bundeswehr nicht. Wir arbeiten seit über zwei Jahren da. Da hat sich überhaupt noch nie ein internationaler, geschweige denn ein ISAF-Soldat blicken lassen. Wir arbeiten da. Und unsere Sicherheit besteht darin, dass wir ein Vertrauensverhältnis aufgebaut haben zu der Bevölkerung nämlich. Die kennen uns, wir kennen sie. Und da brauchen wir keine Bundeswehr. 

Moderator:
Halten Sie diese Idee, indem man Inseln schafft innerhalb von Afghanistan, irgendwann im gesamten Land für Frieden, für Sicherheit zu sorgen, für von Vornherein illusorisch? 

Bierdel:
Nein, wenn es systematisch so angegangen worden wäre, dann hätte man sagen können: Okay, das ist ja ein Weg dazu, das ganze Land dann in dem Sinne, den wir angesprochen haben, auch mit Sicherheit, Stabilität zu versorgen. Aber das ist ja nicht passiert, sondern wir haben jetzt den Eindruck - den müssen wir haben -, dass dies relativ willkürlich passiert - und dann noch nach Maßgabe der dort herrschenden Sicherheitslage. Denn Kundus ist so ungefähr die sicherste, ruhigste Stadt in ganz Afghanistan. Brauchen wir dort eine Schutztruppe? Nein, die brauchen wir gerade dort am allerwenigsten. 

Moderator:
Das heißt es geht um ein politisches Symbol mit 250 Soldaten. 

Bierdel:
Das ist eine symbolische Handlung. Andere Plätze, da wäre die Bundeswehr, da wären Andere sehr dringend benötigt worden. Sie sind ja auch erkundet worden. Erkundigungsteams hat es ja viele gegeben. Die sind auch nach Herat gefahren. Da sieht die Sache schon ein bisschen komplizierter aus. Prompt hieß es in Berlin auch: Aus Sicherheitsgründen kann die Bundeswehr da nicht hin. Was aber ist eine Schutztruppe, die nur da hingeht, wo es schon sicher ist? Denn sie soll ja selber Sicherheit bringen. Das fragt man sich dann. 

Moderator:
Es gibt Beispiele dafür, was diese zivilen militärischen Wiederaufbauteams sein sollen, und zwar US-amerikanische. Wie funktioniert das da? 

Bierdel:
Das ist eine für uns absolut miserable Konstruktion. Soldaten, die aufbrechen, um dort eigenhändig sozusagen sich in den zivilen Wiederaufbau einzumischen, die das dann zum Teil tun, indem sie ihre Uniform ablegen oder ihre gepanzerten Fahrzeuge mal kurz verlassen und fahren dann mit zivilen Autos - auch mit deutschem Kennzeichen übrigens teilweise - herum. Es sind sich alle NGOs - Nichtregierungsorganisationen - dort einig: Das wollen wir auf gar keinen Fall. Das ist aber eine Tendenz. 

Moderator:
Warum nicht? 

Bierdel:
Weil wir verwechselbar werden. Das wollen wir nicht. Es wird noch gekämpft im Land. Und es ist durchaus nicht jeder Soldat dort begrüßt. Jetzt also in einem Zivilfahrzeug mit deutschem Kennzeichen zum Beispiel könnte ein amerikanischer, ein deutscher, ein anderer Soldat sitzen - oder ein Helfer. Wenn das nicht mehr klar auseinander zu halten ist, dann bedeutet das für uns eher eine höhere Gefährdung. Und die wollen wir auf keinen Fall. Es ist klar, dass die Armeen jetzt nach dem Ende des kalten Krieges - lange genug ist es her, Gottlob! - immer noch nach einer neuen Identität suchen. Und sie tun das, indem sie ausgreifen ins Humanitäre. Wir haben das im Irak ganz drastisch erlebt, aber auch in Afghanistan. Sie wollen da ihre Erfolge verbuchen, aber sie sind dazu weder kompetent noch in anderer Weise aufgerufen. Sie sollten das denen überlassen, die dafür die Erfahrung mitbringen, das Wissen, und die dazu mandatiert sind. Und das sind NGOs, zivile Organisationen. 

Moderator:
Es gibt dieses Beispiel, wie die US-Truppen das machen, Herr Bierdel. Ist denn absehbar, wenn die Bundeswehr nach Kundus geht, wie die Bundeswehr dann mit den zivilen Organisationen zusammenarbeiten will? 

Bierdel:
Ich fürchte, dass sie noch nicht einmal das richtig durchdacht hat. So wirkt das jetzt auf mich. Eines ist klar: Wir haben das Verhalten der Amerikaner dort beobachtet. Es ist uns selbst widerfahren. Das weiß ich aus Berichten von befreundeten Organisationen. Die kommen plötzlich zur Tür rein in einem Krankenhaus, wo sie ganz friedlich schon und lange arbeiten mit den Leuten, und sagen: Weg hier, das machen wir jetzt. Warum machen die das? Die brauchen den Image-Gewinn. Die wollen auf diesem Wege - das ist eine strategische Entscheidung - das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen, haben unheimlichen Druck und wenig Erfahrung, wenig Ahnung, machen Vieles falsch und stören die Arbeit.