Sechs Monate im Machtvakuum

Artikelinfo
Datum: 
04.09.2003
Autor: 
Katja Wallrafen
Quelle: 
Märkische Allgemeine Zeitung

Seine Haut ist mit roten Pusteln übersät, die Flöhe tanzen mal wieder Polka auf seinem Rücken. Angesichts ihrer schieren Übermacht ist Volker Rath gleichermaßen hilf- wie klaglos. Nicht einmal die Skorpione, die er allabendlich von den Wänden klaubt, bringen ihn aus der Ruhe. "Kein Drama", sagt Volker Rath, aber: "Die Viecher nerven auf Dauer - genau wie das Essen hier."

Zwölf Kilogramm hat Volker Rath in vier Monaten abgenommen - weil ihm der Appetit vergangen ist ob der ölhaltigen Küche Afghanistans. "Natürlich variiert unser Speiseplan", sagt er und lächelt lakonisch: "Mal gibt's Lamm mit Bohnen und mal gibt's Bohnen mit Lamm."

Kulinarischen Erkundungen aber waren es ja auch nicht, die den 40-Jährigen nach Afghanistan lockten. Sondern der Wunsch nach einer sinnvollen Arbeit, verbunden mit der Gelegenheit, eine überschaubare Auszeit vom Alltag zu nehmen. Volker Rath stammt aus Berlin und betreibt dort eine Firma für Veranstaltungstechnik. Sein Unternehmen weiß er für die Dauer seines freiwilligen Einsatzes im Land am Hindukusch bei seinem Partner in guten Händen. Er selbst sieht sich als Allround-Techniker, der seine Kenntnisse nicht wie sonst den Rolling Stones, sondern der Hilfsorganisation Cap Anamur zur Verfügung stellt. Volker Rath betreut die Ambulanz in Hodjar-Ghar. Und Volker Rath baut Schulen.

Schulen gibt es nur sehr wenige im Norden Afghanistans - auch weil sich fernab der Hauptstadt kaum eine der 3000 in Kabul registrierten Hilfsorganisationen blicken lässt. In den Lehmdörfern der Provinz Takhar sind die Menschen schon glücklich, wenn sie ein Dach über dem Kopf und täglich eine bescheidene Portion Reis zu Essen haben. Während in der Hauptstadt Kabul schon wieder Autos auf beleuchteten Straßen kreuzen, schleppen hier im Norden Esel auf Staubpisten Brennholz und Wasser in die biblisch alt anmutenden Dörfer. Bezahlte Arbeit hat keiner, jede Familie versucht so gut es geht zu überleben: Frauen bauen Gemüse im Garten an, Kinder verdingen sich als Wasserträger oder an der einzigen großen Straße, in dem sie einen dicken Stein in eines der vielen Schlaglöcher legen, wenn sie ein Auto erspähen - in der Hoffnung auf ein paar Cent.

16 Autostunden von Kabul entfernt

Der Weg von Kabul nach Hodjar-Ghar führt über den legendären, im Krieg lange umkämpften Salang-Pass - eine 16-stündige Tortur, die selbst in der staubigen Trockenzeit, wenn der Regen nicht sporadisch geflickte Brücken unterspült, ständige Gefahren birgt. Der Tunnel am Scheitelpunkt des Passes, einst von den Russen durch das Hindukusch-Massiv getrieben, ist Geröllhalde, Baustelle und Nadelöhr zugleich - und für Reisende in Richtung Norden immer nur für einige Stunden in der Nacht geöffnet. Chaotische Szenen spielen sich hier nach Einbruch der Dunkelheit ab, wenn alle Fahrzeuge auf einmal in die Betonröhre drängeln und das Faustrecht über die Vorfahrt entscheidet.

Gefahr droht auch durch die vielen Streckenposten, die unterschiedlichen Herren dienen. Die meisten von ihnen werden von den jeweiligen Gouverneuren in den Provinzen eingesetzt - wobei Gouverneur die elegante Umschreibung für Regionaldespot ist. Diese Gouverneure herrschen dort, wo die Macht der Übergangsregierung samt internationaler UN-Schutztruppe nicht hinreicht - überall also in Afghanistan jenseits der Stadtgrenze von Kabul. Dort bauen die "Warlords" die alten Machtstrukturen wieder auf - mit Gewalt. Ihre Streckenposten hantieren nervös mit Kalaschnikows: Fahrzeuge, die nicht stoppen, werden von Kugeln eingeholt.

Die Mitarbeiter von Cap Anamur beobachten das Machtvakuum mit Sorge, wenngleich sie bislang unbehelligt arbeiten können. "Die Leute hier in dieser Gegend kennen Cap Anamur schon lange", sagt Volker Rath, "wir sind willkommen." Bereits in den letzten Kriegswochen 2001 schickte Cap Anamur Ärztinnen und Ärzte in die umgekämpften Nordprovinzen an der Grenze zu Tadschikistan. Dort hatten sich Flüchtlinge in Erdlöchern verkrochen - und in diesen Erdlöchern begann auch die deutsche Nothilfe, lange bevor an eine Rückkehr in die Dörfer zu denken war.

Mittlerweile hat Cap Anamur ein Krankenhaus und zwei Ambulanzen in der Provinz Takhar aufgebaut. "Wir merkten nach den ersten Monaten schnell, dass neben der medizinischen Versorgung vor allem eines Mangelware ist", sagt Volker Rath: "Bildung." Kinder und junge Menschen lernen zum ersten Mal in ihren Leben eine Phase der relativen Stabilität kennen - nach 23 Jahren Krieg und Bürgerkrieg. Stabilität, das heißt auch, dass an so etwas wie einen Schulbesuch überhaupt zu denken ist. Und Normalität bedeutet zum Beispiel, dass Mädchen überhaupt wieder lesen dürfen. Seit 1996 die radikal-islamischen Taliban die Macht an sich gerissen hatten, war es Mädchen verboten, Schulen zu besuchen.

Als im März vor einem Jahr das erste Schuljahr seit Jahrzehnten begann, meldeten sich drei Millionen Kinder zum Unterricht; in diesem Jahr sind es viereinhalb Millionen. Die finanziell wie organisatorisch überforderte Übergangsregierung kann den Ansturm nicht bewältigen und nur ungenügend viele Unterrichtsräume zur Verfügung stellen. "Deshalb sind wir dankbar, dass Cap Anamur sich nicht nur im medizinischen Bereich, sondern auch für Schulen engagiert", sagt Amin Farhang, Wiederaufbauminister in der Übergangsregierung.

Binnen 18 Monaten hat Cap Anamur 30 Schulen errichtet. Gebaut wird mit einfachem Werkzeug: bis auf Wasserwaage, Spaten, Hammer und Meißel ist nur auf die eigenen zwei Hände Verlass - von Maschinen träumen die Bauleute nicht einmal. "Unsere Arbeiter sind fleißig", sagt Volker Rath: "Für eine Schule muss gut eine Million Tonnen Beton von Hand gemischt werden." Neben einem festen Team mit zehn einheimischen Vorarbeitern beschäftigt Cap Anamur weitere Arbeitskräfte aus den jeweiligen Orten, in denen die Schulen gebaut werden. Gut 60 Leute arbeiten auf einer Baustelle: sieben Tage die Woche, von 7 bis 17 Uhr. Dafür gibt's umgerechnet 1,50 Euro pro Tag. In Afghanistan gehören Bauarbeiter zu den Besserverdienenden.

Nur wer mit anpackt, dem wird geholfen. In Chabak, einem Ort mit 50 000 Familien, hat Bürgermeister Ahmad Khan im vergangenen Jahr zusammen mit den Lehrern der im Krieg zerstörten Jungenschule einfache Holzunterstände für den Unterricht gezimmert. Cap Anamur sorgte für Strohmatten, die vor der unbarmherzigen Sonne schützen. Anfangs dieses Jahres wurde mit dem Neubau einer Mädchenschule begonnen, die im Mai eröffnet wurde - noch bevor die Jungenschule wiederaufgebaut wird. "Wir können nicht viel ändern", sagt Volker Rath, "doch wir setzen Signale wie diese, um zu zeigen, wie wichtig es ist, dass auch Mädchen und Frauen ausgebildet werden."

Schulleiter Abdullah Qhader ist dankbar für das neue Gebäude, macht sich aber Sorgen: "Jetzt haben wir eine Schule, aber keine Bücher", sagt er, und: "Unsere Kinder haben keine Stifte, keine Hefte. Und wir Lehrer bekommen keinen Lohn, weil die Regierung nicht zahlt." Rath hat diese Sorgen bislang noch von jedem Schulleiter gehört. "Um den Lohn der Lehrer können wir uns nicht kümmern - da steht die Regierung in Kabul in der Verantwortung," sagt er.

Er selbst konzentriert sich auf die Bewältigung des Alltags in Hodjar-Ghar. Hier ist Kreativität gefragt. "Man kann nicht mal schnell zum Baumarkt flitzen, wenn was fehlt", sagt Rath - und seine Augen leuchten: Es müssen diese kleinen Herausforderungen sein, die er so schätzt an seinem Job. Rath hat aus Coladosen einen 12-Volt-Adapter gezaubert und aus einem Stück Schlauch den Halter für das Funkmikrofon im Auto gebastelt. Der Schlauch hält auch die Hand aus Pappe am Armaturenbrett, die der Berliner zur Freude der Dorfkinder als Wink-Automatik angebracht hat.

Sein Kollege Peter Geier, gleichfalls Techniker, erzählt von weiteren Einsatzgebieten. Der 39-Jährige ist im Nachbarort Dasht'e-Qaleh tätig - und muss seine handwerklichen Fähigkeiten zuweilen im Operationssaal beweisen. Als kürzlich einem Minenopfer das Bein abgesägt werden musste, verließen die zierliche Ärztin die Kräfte. "So was schafft man nur als guter Handwerker", versichert Peter Geier tonlos. Dann sagt er noch, dass die Bilder in seinem Kopf, der Geruch des Betäubungsmittels und das Geräusch des Sägens ihn nachts verfolgen - "und mich wohl noch lange verfolgen werden".

Heimat aus dem Kopfhörer

In solchen Situationen fehlen die Freunde aus Deutschland. E-Mails sind dank Generator möglich - aber ein schwacher Ersatz. Musik auf dem Kopfhörer - in Raths Fall Jonny Cash - hilft ein wenig, die Sehnsucht nach Deutschland zu verkleinern: wenn das nach Entkeimungsmitteln stinkende Wasser aus der selbst gebastelten Dusche tröpfelt, der Generator mal wieder streikt, die Abende eintönig verdämmern und nur die Radionachrichten der Deutschen Welle etwas Abwechslung bieten.

Dann malen sich die Helfer aus, was sie tun werden, wenn in sechs Monaten ihr Einsatz am Hindukusch endet: Volker Rath freut sich auf einen Zug mit Freunden durch die Kneipen in Berlin-Mitte, und Peter Geier auf ein "schönes, lautes Konzert" - von "Rage Against the Mashine". Hört sich absurd an im Norden Afghanistans. Aber wäre für derlei Gedanken nicht Platz am diesem Ende der Welt, sagt Volker Rath und schnappt nach einer Mücke, könne man direkt Gute Nacht sagen. Sagt es, breitet die Decke aus, legt sich hin und schläft ein. Und morgen gibt's Lamm mit Bohnen.

Helfer in Afghanistan
Einige der zahlreichen zivilen Hilfsorganisationen in Afghanistan arbeiten mit dem Auswärtigen Amt zusammen: der Deutsche Caritas-Verband, das Deutsche Rote Kreuz (DRK), das Internationale Kommitee vom Roten Kreuz (IKRK), das UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR sowie die Kinderhilfsorganisationen Terre des hommes und Kinderberg International.
Hilfs- und Aufbauprojekte führen aber viele weitere Nichtregierungsorganisationen (NGOs) durch: von der Welthungerhilfe über die Kinderhilfe Afghanistan bis zum Verein Freundeskreis Afghanistan.
Die Bundesregierung plant, im Rahmen einer Ausweitung des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan die zivilen Helfer in der nördlichen Provinzhauptstadt Kundus mit der Stationierung von bis zu 450 Soldaten zu unterstützen.
Die Hilfsorganisationen sprechen sich jedoch für eine Trennung von ziviler und militärischer Hilfe aus. Schon im Februar hatten 70 in Afghanistan tätige NGOs den Einsatz bewaffneter Wiederaufbauteams abgelehnt.