"Wo keiner ist, da werden wir gebraucht"

Artikelinfo
Datum: 
16.12.2003
Autor: 
Nikola König
Quelle: 
Westfälische Rundschau

Dashte-Quale liegt im Norden Afghanistans. Hier hat Aynur Sönmez von Juni bis Dezember als Krankenschwester für die Hilfsorganisation Cap Anamur in einem Krankenhaus gearbeitet. Ein ganz anderes Arbeiten als im Hagener St.-Josephs-Hospital, das die 25-Jährige für die Zeit beurlaubte. "Ich habe in sechs Monaten Dinge gelernt, die ich in 20 Jahren in Deutschland nicht gelernt hätte", glaubt die Herdeckerin. Sie hat Wunden genäht, Kinder auf die Welt geholt, bei Operationen assistiert - eben alles gemacht, was anfiel. Minenverletzungen seien besonders schlimm. "Da muss man schon eine gesunde Einstellung haben, nicht alles an sich heranzulassen".

In Dashte-Quale ist Cap Anamur die einzige Hilfsorganisation - Teil der Philosophie: "Wir gehen dahin, wo sonst keiner ist, da werden wir gebraucht", sagt Aynur Sönmez. Schulen und Straßen sind inzwischen entstanden. Die Klinik hat die Organisation vor knapp zwei Jahren gebaut, mit dem Ziel, sie langfristig an die Regierung zu übergeben. So gehört auch die Aubildung und Einarbeitung einheimischen Personals zu ihren Aufgaben. Dabei sei es wichtig, die Leute nicht krampfhaft verändern zu wollen, sondern sich ihnen anzupassen, ihr Vertrauen zu gewinnen. "Wir leben dort mitten unter den Einheimischen und sind ständig ansprechbar für die Leute. Anders kommt man nicht an sie heran."

Besonders nicht an die Frauen. "Die werden dort zum Großteil nur als Gebärmaschinen angesehen", erzählt Aynur Sönmez. Da war es für sie ein Vorteil, dass neben Deutsch auch Türkisch und Kurdisch ihre Muttersprachen sind und sie sich schnell einige persische Wörter aneignete. "Mein südliches Aussehen hat zusätzlich Vertrauen geschaffen", ist ihre Erfahrung. Zudem ist sie als Muslimin mit den religiösen Regeln vetrauter als manche Kollegen. Und dennoch: Einmal habe in einiger Entfernung eine Frau gestanden. Wie sich später herausstellte, trug sie seit Stunden ihr totes Kind unter der Burka, dem traditionellen Gewand. Sie hatte sich trotz ihrer Notsituation einfach nicht ins Krankenhaus gewagt. "Darum sind Schulen so wichtig, auch reine Mädchenschulen. Die Menschen müssen sich unbedingt weiterentwickeln".

Impfprogramm startet im Januar

Im Januar fliegt Aynur Sönmez wieder nach Afghanistan, um ein Impfprogramm zu starten. Auch dabei denkt sie besonders an die Frauen. "Ich werde kleine Zelte aufstellen, damit die Frauen sich sicher fühlen und sich trauen, ihre Burkas abzulegen", hat sie sich überlegt. Angst vor Anschlägen hat sie keine. "Bis jetzt waren wir dort immer sicher, die Leute sind sehr friedlich und freuen sich, dass wir da sind", erzählt sie. Sie freut sich darauf, zurückzukehren: "Es ist einfach gut zu sehen, wie praktisch aus dem Nichts etwas entstanden ist und wie motiviert die Leute sind, ihre Dörfer wieder aufzubauen."

Siehe auch Westfälische Rundschau vom 17.11.2003