Haiti-Hilfe: "Mehr gekriegt, als ich bringen konnte"

Artikelinfo
Datum: 
04.03.2010
Autor: 
Ulrich Schubert
Quelle: 
Göttinger Tageblatt

"Phuu ?" Nur selten bremst Mathias Lindstedt seinen Redeschwall mit so einem Seufzer und nachdenklichem Blick ins Nichts. "Da war einer nach einem Autounfall zu uns gekommen - total offen", erzählt der Arzt weiter und deutet kurz auf seine Schädeldecke.

Ein noch viel schwererer Fall, wenn der OP-Saal ein Zelt ist, medizinisches Geräte kaum vorhanden und Medizin "irgendwoher organisiert" werden muss. Aber ein seltener Fall neben unzähligen Menschen, die "nur" Malaria haben, Rückenprobleme vom Liegen auf dem Boden oder grippeähnliche Symptome als Mangelerscheinung.

Menschen, die "noch leben, aber absolut nichts mehr haben". Menschen, die trotz ihrer Verzweiflung "so freundlich und würdevoll sind. Das ist beeindruckend", sagt Mathias Lindstedt. Der 53-jährige Allgemeinmediziner mit Praxis in Bremke und Wohnsitz in Weende war knapp drei Wochen für das Komitee Cap Anamur in Haiti, um den Menschen nach dem verheerenden Erdbeben auf der karibischen Insel zu helfen. Ein Einsatz, der weit über medizinische Betreuung hinaus ging. Ein Einsatz bei dem "ich viel mehr zurück gekriegt habe, als ich bringen konnte".

Lindstedt erzählt offen und schonungslos, es war nicht sein erster Einsatz mit Cap Anamur. Er war 1989 in Kolumbien und 1994 in Ruanda. Dann folgte eine Pause - vor allem für seine Familie inklusive vier Kindern. Als aber die ersten Bilder nach dem Erdbeben auf Haiti um die Welt gingen, wollte er wieder los. "Da war ganz schnell klar, da muss man helfen." Wenige Tage später saß Lindstedt im Flieger - vier Vertretungsärzte für seine Praxis "hatte ich in eineinhalb Stunden gefunden.

In Haitis Hauptstadt Port-au-Prince versammelte sich ein "kleines aber tolles Team": ein Logistiker, zwei Techniker, eine Krankenpflegerin und Lindstedt als Arzt. Das Erdbeben lag drei Wochen zurück, aber immer noch hatten die Menschen "panische Angst" vor Nachbeben. "Und niemand wusste, wo wir am nötigsten gebraucht wurden." Die Truppe suchte ihren Einsatzort selbst und fand ihn in der Küstenstadt Petit Goâve, knapp 40 Kilometer westlich von Port-aus-Prince: ein weitgehend zerstörtes Krankenhaus für etwa 200?000 Menschen in der Region. Und dann noch drei abgelegene Dörfer, in die Lindstedt nachmittags fuhr - "die warnen vollkommen platt".

Am Krankenhaus sind die Kinderabteilung und Innere Medizin "in Schutt und Asche", die anderen Gebäude einsturzgefährdet. Und täglich kommen hunderte Patienten. Die unmittelbar Verletzten durch das Beben sind längst versorgt, jetzt kommt die zweite Welle eines Katastrophenereignisses: Patienten mit schlecht heilenden Amputationswunden, Hirnhautentzündungen, Malaria oder Mangelerscheinungen durch schlechte Ernährung. Patienten, die neben Medizin vor allem "eine Hand und Ansprache brauchen, um sie mit Kraft zu entlassen".

Behandelt wird dennoch im Minutentakt - 150 Patienten in drei Stunden. Und der Behandlungsraum ist so, wie die Patient selbst leben: draußen unter Planen. "Keine Zelte", betont Lindstedt, "nein, Stangen mit einer Plane darüber - zu Tausenden zusammengepfercht auf freien Plätzen".

Und dann wird deutlich, dass die medizinische Versorgung nur einen Teil der Arbeit ausmacht. Lindstedt und sein Team müssen vor allem organisieren: ein Auto, Zelte von irgendwo, Medikamente aus der "völlig unorganisierten" Apotheke nebenan, spezielle Hilfe für Schwerstkranke von anderen Hilfsorganisationen, ein T-Shirt für ein kleines Mädchen, Lebensmittel. Lindstedt "besorgt" tonnenweise Eiweißpulver, "denn die Menschen haben ständig Schmacht". Die Verteilung überlässt das Cap-Anamur-Team schnell anderen Organisationen oder gibt die Packungen "nur an Mütter" weiter. "Die Männer reißen es einem aus den Händen, das war teilweise gefährlich". Eine seltene Beobachtung. Denn trotz aller Not hat Lindstedt bei den Haitianern immer wieder "diese beeindruckende Freundlichkeit und Würde" empfunden. Selbst in ihrer Not "machen sie sich irgendwie fein, wenn sie zum Doktor gehen".

Inzwischen ist Lindstedt zurück und hat "den vernebelten Kopf" in einem Kurzurlaub mit seiner Frau "frei gepustet". Den Mann mit der Kopfverletzungen konnte er nicht retten - er starb trotz Weiterbehandlung in einem Marine-Lazarett der Amerikaner.