Nach der Apokalypse

Artikelinfo
Datum: 
21.03.2010
Autor: 
Thomas Hagen
Quelle: 
Neue Westfälische Herford

Port-au-Prince/Herford. Über Haitis Hauptstadt liegt ein trockener grauer Schleier. Der Staub der gigantischen Schuttberge wird vom Wind unablässig über die fast dem Erdboden gleichgemachte Inselmetropole geweht. Er erreicht die Lungen der ausgemergelten Bevölkerung und löst tödliche Krankheiten aus. Nach der Erdbeben-Apokalypse mit 200.000 Toten droht eine humanitäre Katastrophe.

Der Herforder Fotograf Jürgen Escher hat das Armenhaus der Karibik zwei Wochen lang für die Hilfsorganisation Cap Anamur bereist und schildert seine Eindrücke:Am Grenzübergang Jimani ist die Hölle los. Tausende Menschen und Lastwagen mit Hilfsgütern drängen sich vor dem Nadelöhr zwischen Dominikanischer Republik und Haiti auf dem staubigen Schotterplatz. Nach vielen Stunden erreicht Escher Port-au-Prince. Der stolze weiße Präsidentenpalast ist beim Erdbeben der Stärke 7,0 wie eine Torte in sich zusammengesunken - Sinnbild für ein Land, das am Bodenliegt.

Haiti braucht Hilfe. Eine der Hilfsorganisationen ist CapAnamur. Deren Ärzte und Hilfspersonal wagen sich wie nur wenige andere auch aufs Land. Escher fährt nach Petit Goave, zwei Stunden entfernt von der Hauptstadt. Auch dort ist die Infrastruktur zusammengebrochen, die internationale Hilfe hat diesen Inselteil nicht erreicht. Menschen mit Schildern in der Hand säumen die Straßen. Sie verlangen nach wärmenden Decken oder Zelten, fast alle sind unterernährt und dehydriert. Da sind auch die Trinkwasser-Aufbereitungsanlagen nur der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein.

Die Ausgabe von Hilfsgütern ist nur unter Bewachung möglich - wer es ohne Hilfe probiert, wird von einer verzweifelten Menschenmenge überrannt. Für den Fotografen Escher ist klar: "Wenn jetzt die Hilfe nicht schnell genug anläuft, beginnt die Katastrophe nach der Katastrophe." Es ist gespenstisch: selbst in noch halbwegs intakte Häuser traut sich keiner hinein, denn sie könnten wie beim Domino-Effekt von den anderen Häusern mitgerissen werden. Viele Gebäude haben Helfer mit bloßen Händen abgetragen, unter Schuttbergen wie der Grundschule werden noch viele Tote vermutet. "Und trotz des Leids ist es beeindruckend wie Haitis Menschen wieder Zuversicht schöpfen", sagt Escher.