Nach dem Beben: Zeichen der Hoffnung im Staub der Ruinen

Artikelinfo
Datum: 
13.04.2010
Autor: 
Ruth Matthes
Quelle: 
Westfalen-Blatt:

Fotograf Jürgen Escher begleitet die Ärzte-Organisation Cap Anamur.

H e r f o r d (HK). Haiti nach dem verheerenden Erdbeben: Ruinen, Zeltstädte, Müll und Staub, wohin das Auge blickt. Doch Fotograf Jürgen Escher hat auch Bilder der Hoffnung mit nach Herford gebracht. Eines zeigt drei Mädchen, die mitten im Chaos auf ihrer Querflöte für das nächste Konzert üben.

Escher war im Auftrag von Cap Anamur auf Haiti, um die Arbeit der deutschen Notärzte zu dokumentieren. Er besuchte die Hauptstadt Port-au-Prince, wo die Hilfsorganisation in den Zeltstädten akute Nothilfe leistet. Außerdem reiste er ins abgelegenere Petit Goâve, wo die Helfer, gemeinsam mit anderen Ärzteorganisationen, neben dem zerstörten Krankenhaus das provisorische Zelt-Hospital Notre Dâme eröffnet haben, das so lange als Quartier dienen soll, bis das alte Krankenhaus wieder aufgebaut ist. Die Ausrüstung ist dürftig, da auch die Apparaturen defekt sind. Ersatzteile zu beschaffen dauert Wochen.

Erst vor einem Jahr war Escher zuletzt in Haiti gewesen, damals im Auftrag der Hilfsorganisation Adveniat. Der Kontrast war gewaltig: »Das Beben hat die Hauptstadt dem Erdboden gleich gemacht. Die wenigen Häuser, die noch stehen, sind einsturzgefährdet.« Da auch die gesamte Infrastruktur zusammengebrochen ist, müssen die Helfer immer wieder logistische Meisterleistungen vollbringen, um ihre Hilfsgüter und ihre Ausstattung zu den Menschen zu bringen. Viele Laster sind zerstört, ebenso ein Teil des kleinen Flughafens.

Die meisten Menschen leben auf Straßen, Hügeln und Plätzen und haben dort ihre provisorischen Zeltstädte errichtet. »Auch vor dem in sich zusammengesackten Präsidentenpalast kampieren die Obdachlosen. »Ein skurriles Bild«, wie Escher findet.

Die hygienische Situation sei katastrophal. Verbessere sie sich bis zur Regenzeit nicht, seien Seuchen vorprogrammiert. Der Staub der Ruinen, der über der ganzen Hauptstadt liegt, macht den Einwohnern schwer zu schaffen. Der Verkehr auf den wenigen befahrbaren Straßen sei schlimmer als zuvor. Die Kinder, die zu den Ärzten gebracht werden, leiden nicht nur unter Mangelernährung, sondern wegen der schlechten Luft vielfach auch unter Hautausschlägen. Stundenlang stehen die Menschen geduldig Schlange, um sich von den Deutschen untersuchen zu lassen.

Viele, gerade auch die Waisenkinder, seien traumatisiert. Hier sei langfristige Hilfe gefragt. Immer wieder ist Escher Haitianern begegnet, die ihre ganze Familie verloren hatten oder im Ungewissen über deren Schicksal seien. »Ein Mann erzählte mir, seine Frau sei morgens in die Stadt gegangen und nicht wiedergekommen. Die Kinder haben überlebt, doch das Haus ist weg. Die Familie haust jetzt unter zwei Zeltplanen.«

Einen Wiederaufbau der Hauptstadt an dieser erdbebengefährdeten Stelle hält Jürgen Escher für wenig sinnvoll. »Doch die Menschen hängen stark an ihrer Heimat. « Es sei ohnehin erstaunlich, wie viel Optimismus sie sich bewahrt hätten. Gegen alle Widerstände kämpften sie sich mit den bloßen Händen durch das Steinmeer, zwischen den Trümmern beginne der Handel wieder aufzuleben. Musik töne aus den Zelten, sogar ein Lachen hin und wieder.

Jürgen Eschers Fazit der strapaziösen Reise, bei der er nicht nur Fotograf, sondern auch Hilfspfleger und -techniker war: »Man gibt viel, erhält aber auch sehr viel zurück. Der Dank der Menschen und ihr ansteckender Optimismus sind beeindruckend.«

 

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