INDONESIEN | Neun Jahre nach dem Seebeben - ein Wiedersehen

Artikelinfo
Datum: 
23.06.2015
Autor: 
Malte Fähnders

Unangekündigte Wiedersehen sind die besten Treffen. Es wunderte mich deshalb auch überhaupt nicht, auf größtenteils verblüffte Gesichter zu treffen. Schließlich war ich der einzige, der wusste, dass ich an den Ort auf der indonesischen Insel Java zurück kehren würde, wo ich vor neun Jahren mit rund neunzig Dorfbewohnern in drei Monaten eine alte Schule abgerissen und eine neue aufgebaut habe. Und das parallel zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland ...

Auch heute sieht die Schule noch gut aus – zwar nicht mehr so sauber, dafür aber äußerst stabil. Ein paar Dachlatten wurden erneuert. Der Rest war, bis auf die Witterungsspuren von neun Jahren, unverändert. Diverse Erdbeben und Schulklassen waren durch die Gebäude gerauscht, hatten winzige Spuren im Putz hinterlassen – kaum nennenswert. Damals hatten die Zeitungen geschrieben, der Deutsche baue einen Bunker. Jedenfalls haben die Gebäude bis heute gehalten, Unterricht ist hier nach wie vor möglich und das Dorf SD Glompong ist überregional bekannt geworden.

Einer der ersten Zurufe war „Mlako, mlako“, der javanische Ausdruck für „wandern“ oder „Wanderer“. Diesen Titel hatte ich mir mühselig erworben, damals, als ich jeden Morgen um 6.30 Uhr von Muhtars Haus aufbrach und bergauf zur Baustelle stiefelte, eine wachsende Schar Bauarbeiter vor mir her huschend, die genau wussten, dass sie nur Arbeit für den Tag bekommen sollten, wenn sie auch um Punkt sieben Uhr anwesend waren. Deshalb hörte ich, damals wie heute, „Mlako, mlako“. Immer zu Fuß.

Ich lief runter zu Muhtars Haus. Seine Töchter und seine Frau erkannten mich schnell und holten Muhtar vom Feld. Er war vollkommen verdutzt! Sofort rief er ein paar andere an. Jumio, von mir genannt „Bamboomio“, und Erwandi, der auf seinem Motorrad angebraust kam und inzwischen Kopf einer Motorradgang war. Gemeinsam fuhren wir auf seiner „Apache“ zum Dritten im Bunde, Bahtati, und bewunderten seine Schlangen und Höhlen.

Während Jumio „Bamboomio“ einen Holzhandel eröffnet hatte, handelte Muhtar mit Kühen und Ziegen. Ihnen allen war es in den vergangenen Jahren gut ergangen – nicht zuletzt wegen ihres hohen Ansehens aufgrund unseres gelungenen Cap-Anamur-Projekts. Unter den Dorfbewohnern wird vermutet, dass den drei Männern die Geister wohl gesonnen sein mussten. Besonders Bahtati wird inzwischen gern gerufen, wenn ein Kind auffälliges Verhalten zeigt und er mit Hilfe von Ritualen und Beschwörungen für Beruhigung und Ausgeglichenheit sorgt. Also auch nicht viel anders als bei mir, ging es mir durch den Kopf, als Sozialarbeiter in der Jugendhilfe. Wobei deren und unsere Methoden des „Empowerment“, also die Stärkung der Persönlichkeit, vielleicht doch etwas voneinander variieren.

Auf meine Frage, ob denn die Ordnung und Logik des Baus die Ordnung der Dörfer negativ beeinflusst habe, erzählte Muhtar, das Erdbeben habe das Leben in den Dörfern buchstäblich erschüttert. Dennoch sei die Entwicklung danach positiv gewesen. Das könne ich auch an den Entwicklungen der Einzelnen erkennen. Muhtar hatte Recht: Da waren schließlich Folgeaufträge, neue Positionen in den weit über die Dörfer hinaus gehenden Systemen und gute Kontakte zu den Geistern entstanden. Seit dem damaligen Cap-Anamur-Einsatz haben die Kinder zwei bis heute stabile Schulgebäude, die Männer Arbeit und Lohn und außerdem neue Kenntnisse zu erdbebensicherer Bauweise erworben.

Hintergrund:

Im Jahr 2006 erschütterte ein schweres Erdbeben die Insel Java in Indonesien. Rund 6.000 Menschen kamen dabei ums Leben, es gab unzählige Verletzte, Hunderttausende verloren ihr Heim. Cap Anamur arbeitete damals mit der Bevölkerung am Wiederaufbau, unter anderem mit dem Bau von Schulen.

Für Cap Anamur beinhaltet nachhaltige Hilfe auch den Kontakt und den Austausch mit unseren ehemaligen Mitarbeitern und Projekten. Nur so können wir sicher stellen, dass unsere Maßnahmen langfristig helfen.

Über Malte Fähnders:

Vor neun Jahren engagierte sich der Sozialarbeiter für Cap Anamur beim Wiederaufbau in Indonesien. 2013 half er in unserem Straßenkinderprojekt in Sierra Leone aus. Und vor einigen Wochen besuchte er die von Cap Anamur gebaute Schule auf der indonesischen Insel Java. Das Wiedersehen mit den ehemaligen Kollegen war eine große Freude auf allen Seiten. Der 42jährige lebt mit seiner Familie in Wien.