Was können Hilfsorganisationen im Irak leisten?

Artikelinfo
Datum: 
17.01.2003
Autor: 
Peter Lange
Quelle: 
Deutschlandfunk dradio.de
Lange: Herr Bierdel, Sie haben die Hilfsmöglichkeiten für Ihre Organisation erkundet. Was können Sie im Irak leisten? Worauf richten Sie sich ein?

Bierdel: Wir waren eine gute Woche in Bagdad, dann auch im Süden des Landes in Begleitung von zwei Ärzten unterwegs, um zunächst festzustellen, in welcher Verfassung sich diese Bevölkerung nach den vielen Jahren des Krieges befindet. Man muss dazu sagen, der Krieg hat ja eigentlich im Süden des Irak nie ganz aufgehört; es gibt dort tägliche Überflüge von Maschinen der Alliierten, die dort militärische Ziele innerhalb und außerhalb der Flugverbotzone angreifen. Es gibt immer wieder auch dabei Treffer auf private Wohnquartiere. Es gibt fast jeden Monat Tote. Auch während wir dort waren ist mehrfach Fliegeralarm gegeben worden. Also wie kann sich eine Bevölkerung unter diesen Bedingungen, auch der vielen Jahre des Embargos, jetzt dort noch halten, in welcher Verfassung ist sie gesundheitlich, allgemein, wie ist die Ernährungslage? Das war das Ziel unserer Mission, und was wir gefunden haben, ist natürlich eine zermürbte Bevölkerung, die am Ende ihrer Kräfte angekommen ist. In vieler Hinsicht, finanziell, haben die Menschen längst das Letzte hergegeben, um irgendwie ihr Überleben zu sichern. Auch die einstmals wohlhabenden Bewohner der reichen Handels- und Hafenstadt Basra sind längst ausgeblutet, und sie haben keine Kräfte, auch keine Widerstandskräfte mehr, und das ist wohl mit ein Grund, warum auch die Gesundheitssituation der Bevölkerung sich in letzter Zeit negativ entwickelt hat. Was können wir also angesichts dieser Lage akut tun? Sehr wenig. Es gibt noch ein staatliches Gesundheitssystem - davon konnten wir uns überzeugen -, was auch noch einigermaßen arbeitet, aber - und das ist ein Punkt, über den man auf jeden Fall diskutieren muss - die Folgen des Embargos verhindern, dass wichtige Medikamente dort ins Land kommen. Es gibt eine Liste, und da stehen Dinge drauf, die wirklich nicht mehr nachvollziehbar sind, einfache Augentropfen, Herzmedikamente dürfen nicht ins Land gebracht werden, und auch unsere Ärzte würden sich strafbar machen, wenn sie gegen diese Bestimmungen verstoßen.

Lange: Das bedeutet, Sie haben unter den Embargobedingungen im Grunde gar keine Möglichkeit, da jetzt zu helfen?

Bierdel: Natürlich kann man etwas tun. Es gibt dort Armenprojekte zum Beispiel, denn wenn auch ein staatliches Gesundheitssystem Versorgung zu ganz geringen Kosten anbietet, so gibt es doch immer mehr Menschen, die sich auch diese einfachen Sätze - da kostet das Ziehen eines Zahnes zum Beispiel 1 Pfennig - nicht mehr leisten können. Das sind schon stellen, an denen man eine kleine Unterstützung jetzt leisten kann, aber die große Fläche, die medizinische Unterstützung ist ungeheuer erschwert, und sie ist nicht nur durch das Regime erschwert, was mit sehr rigiden Vorschriften dort agiert und die Arbeit von Hilfsorganisationen wahrhaftig nicht nur erleichtert, sie ist erschwert vor allen Dingen durch die Bestimmungen eben im Rahmen des Embargos gegen Irak. Medikamente sind davon betroffen, aber auch medizinische Apparate, die dringend nötig wären. Sie können sich vorstellen, nach zwölf Jahren Embargo ist dort alles auf den Hund gekommen, und es gibt Kinder, die sterben, weil einfach wichtige Medikamente nicht hereingebracht werden können. Das ist für Ärzte, für humanitäre Helfer eine unerträgliche Situation.

Lange: Ist denn den Menschen im Irak klar, wie nahe sie an einem neuen, an einem großen Krieg sind?

Bierdel: Der Krieg hat eigentlich im Süden noch gar nicht richtig aufgehört. Täglich gibt es diese Überflüge, Fliegeralarme, die Kinder, die bang fragen, kann Allah uns helfen, wenn die Amerikaner uns wieder angreifen? Den Kleinen im Kindergarten erzählt man, das ist nur ein Händler, der seine Waren anpreist, wenn die Sirenen wieder losgehen. So versucht man sich über die Zeit zu lügen, aber die Menschen sind zermürbt, und sie wissen das im ganzen Land, sie stehen unter einer akuten neuen Kriegsdrohung, und da gibt es das Regime, das seine bekannten Durchhalteparolen ausgibt, und wenn man offiziell fragt, dann kriegt man auch immer die Antwort, ja, wir kämpfen bis zur letzten Patrone, wer auch immer uns angreift, wir werden ihn zurückschlagen. Aber niemand glaubt mehr daran, und wenn man ein bisschen mehr an die Menschen herankommt, dann merkt man auch, wie verzweifelt sie wirklich sind. Gerade jetzt beim Abschied gestern aus Bagdad sagte noch ein Mann, mit dem ich enger zu tun hatte, zu mir, was soll das Ganze? Sind wir Tiere, dass man uns einfach hier abschlachten kann? Was haben wir eigentlich verbrochen?

Lange: Meine Frage schließt direkt daran an. Gibt es denn auch Situationen, wo Leute hinter vorgehaltener Hand dann doch sagen, wir wissen, bei uns muss sich einiges grundlegend ändern?

Bierdel: Das ist hier sehr schwierig, wie Sie sich vorstellen können. Dies ist eine Diktatur, und es gibt einen sehr gut funktionierenden Geheimdienst, und man weiß von dem, dass er auch nicht viel Federlesen mit Oppositionellen macht, so ist das eben in solchen Regimes. Dennoch - und das ist ja erstaunlich genug - gibt es immer mehr Menschen - so war jedenfalls unser Eindruck -, die auch ein offenes, persönliches Wort nicht scheuen, die zumindest andeuten, wie sie wirklich denken, und wenn man das einmal zusammenfasst, kann man sagen, es gibt die Meinung, keine Bedenken, wenn dieses Regime nun verschwinden sollte, wenn dieser Führer, der tausendfach die Menschen mit seiner Visage in den Straßen behelligt - es ist ja ein Personenkult, der da herrscht, der wirklich schwer zu ertragen ist für einen denkenden Menschen -, niemand wird dem wirklich eine Träne nachweinen. Aber - das sagen die Leute uns auch -, was kommt denn eigentlich danach? Seid ihr ganz sicher, dass ihr hier dafür sorgen könnt, dass Frieden bleibt, dass es nicht zu einem blutigen Bürgerkrieg kommt und es uns dann noch schlechter geht als vorher? Das wird auch diskutiert und angesprochen, und jeder Ausländer - so auch wir natürlich - wird gefragt, was er tun kann, ob die Europäer sich gegen diesen amerikanischen Kriegswunsch, wie es empfunden wird, stemmen werden, und auch, was die Deutschen darin tun können.

Lange: Gesetzt den Fall, es käme zu diesem Krieg, wie wird Ihre Organisation dann agieren? Werden Sie vorher schon im Irak sein? Werden Sie sozusagen hinter der Front in das Land hineingehen? Haben Sie Kontakt zu irgendwelchen westlichen Stellen?

Bierdel: Wir haben Kontakt, aber da sprechen Sie ein furchtbares Dilemma an. Natürlich möchte niemand, kein humanitärer Helfer selber zum Teil dieser Kriegsmaschine werden, die da aufgezogen ist, und das ist unser Problem, wir sträuben uns einfach noch dagegen, anzunehmen, dass es zu diesem Krieg unausweichlich kommen muss. Wir versuchen alles zu mobilisieren, um ihn noch zu verhindern, denn es gibt eigentlich aus unserer Sicht keinen vernünftigen Grund, ihn jetzt vom Zaun zu brechen und all die Opfer in Kauf zu nehmen, von denen man ja weiß, dass sie wahrscheinlich zu Hunderttausenden dort anfallen können, also ist es auch sehr schwierig, konkrete Vorbereitungen zu treffen. Wir sind keine Militärs, und wir wollen auch nicht in diese Logik hinein, die uns auch dazu zwingen würde, bestimmte Vorkehrungen zu treffen. Auf der anderen Seite gibt es die Erfahrungen der letzten Jahre, und es gibt natürlich darauf eine bestimmte Verantwortung. Es ist ein wirkliches Dilemma, ein Zwiespalt, in dem wir uns da befinden. Wir versuchen also militärisch uns herauszuhalten. Wir wollen nicht im Rücken der kämpfenden Truppen dort mit einmarschieren, denn das wäre so ungefähr das Angebot, was die Amerikaner unterbreiten, sondern wir versuchen andere Kontakte auf der persönlichen Ebene zu halten - das ist alles sehr sensibel, sehr schwierig. Wir versuchen medizinische Hilfe und Hilfe für die Armen im Land zu organisieren, jenseits staatlicher Strukturen, aber auch jenseits der westlichen Militärmaschinerie.

Lange: Vielen Dank für das Gespräch.