"Wieder wird es zuerst die Zivilisten treffen"

Artikelinfo
Datum: 
20.01.2003
Quelle: 
tagesschau.de
tagesschau.de: Sie konnten sich in den vergangenen Tagen ein Bild von der Lage vor Ort machen. Wie geht es den Menschen?

Elias Bierdel: Es geht ihnen sehr schlecht. Dieses Land und seine Menschen sind gezeichnet von zwei Kriegen. Seit über 20 Jahren ist dort im Prinzip der Niedergang nicht mehr aufzuhalten gewesen. In den vergangenen zwölf Jahren kamen auch noch die sehr strengen Embargobestimmungen dazu. Niemand hat mehr Arbeit. Die Inflation treibt die Preise in unendliche Höhen und die Löhne liegen zwischen fünf und zehn Dollar im Monat - und wie wir wissen, hat die UNO die Armutsgrenze für die ganze Welt auf einen Dollar verfügbaren Einkommens pro Tag festgelegt. Man kann sich also vorstellen, wie verelendet diese Gesellschaft ist. Die Menschen haben keine Hoffnung mehr und sie versuchen nur noch, von einem auf den anderen Tag irgendwie über die Runden zu kommen. Und das gelingt ihnen immer schlechter.

tagesschau.de: Wie leben die Menschen mit der Angst vor dem nun möglicherweise bevorstehenden Krieg?

Bierdel: Ich möchte hier von den Menschen im Süden des Irak sprechen, von der dort lebenden schiitischen Bevölkerungsmehrheit. Die sind schon so apathisch und so am Ende - zermürbt von dem, was sie über all die Jahre durchlitten haben, und dann auch noch unter der Bedrohung durch die Luftangriffe der Alliierten. Dort gibt es ja auch jetzt fast täglich Angriffe - vorgeblich sind das militärische Ziele, aber es gibt auch immer wieder zivile Opfer. Wir haben dort in Basra an jedem Tag zwischen zwei und drei Fliegeralarme erlebt. Die Bevölkerung dort ist nicht mehr in der Lage, sich irgendetwas Schrecklicheres vorzustellen als das, was sie eben jetzt und seit Jahren schon erleben.

Im Norden sieht das ein bißchen anders aus. Dort ist man auch stärker unter dem Einfluss der staatlichen Propaganda, der Durchhalteparolen. An allen Wänden steht es ja geschrieben. "Wir werden kämpfen. Wir werden uns wehren. Wir siegen auch über die Amerikaner." Solche Parolen haben zur Folge, dass die Menschen sich auseinandersetzen müssen mit der Kriegsdrohung. Und wenn man sie fragt, werden sie diese Floskeln wiederholen. Sie werden sagen "Ja - wir wehren uns, wir sind tapfer." Aber man sieht dann in ganz erloschene Augen. Man sieht den Menschen an, dass sie schon längst nicht mehr an das glauben, was ihnen ihr Regime einreden will.

tagesschau.de: Im Falle eines Krieges wird es sehr wahrscheinlich zu großen Flüchtlingsströmen im Irak kommen. Wo können diese Menschen hin?

Bierdel: Wir hoffen ja immer noch, dass der Krieg noch zu vermeiden ist. Aber es ist klar, dass die Chance kleiner geworden ist. Wir wollen uns allerdings nicht beteiligen an dieser großen Kriegsmaschine, die da aufzieht und wollen deshalb auch nicht immer wieder über einzelne Kriegsszenarien und die humanitären Folgen im Einzelnen diskutieren.

Auf der anderen Seite versucht man natürlich irgendetwas Sinnvolles vorzubereiten. Was passiert wenn es zum Krieg kommt? Die Frage wird dann sein, für welche der möglichen Strategien sich die Militärs entscheiden werden. Kommt es zunächst zu besonders scharfen Luftangriffen? Kommen die Truppen von Süden? Kommen sie aus einer anderen Richtung? All dies ist dann zu erwägen. Wir können da einfach nur abwarten, denn wir sind keine Militärs und wollen uns auch nicht dieser Logik beugen. Wir haben ganz anderes im Sinn. Wir wollen uns um die Menschen kümmern und eins ist klar: Wieder werden es die Zivilisten sein. Wieder wird es die ohnehin schon geschundene Bevölkerung sein, die hier die erste Rechnung zahlen wird.

tagesschau.de: Wie sieht denn aber ihre konkrete Vorbereitung aus?

Bierdel: Natürlich versuchen wir - sozusagen unter der Oberfläche - bestimmte Kontakte schon jetzt zu knüpfen. Man versucht auch mit anderen Organisationen ein bestimmtes Vorgehen abzusprechen. Allerdings ist das ein sehr labiles Gebilde: Keiner weiß ja genau: Werden die Telefone noch funktionieren, wenn es soweit ist? Wird diese Straße noch offen sein? Werden die Grenzübergänge noch zu passieren sein? All das ist vollkommen ungewiss.

Die einzigen sinnvollen Vorbereitungen, die im Augenblick getroffen werden können, beziehen sich auf die Nachbarländer. In der Türkei, in Syrien, im Iran, in Jordanien - überall gibt es an den Grenzen bereits erste Vorbereitungen, um mögliche größere Flüchtlingsströme dort betreuen zu können. Wohlgemerkt innerhalb des Iraks, denn keines der Nachbarländer möchte größere Flüchtlingsgruppen ins Land kommen lassen.

tagesschau.de: Auf welche Schwierigkeiten stoßen sie bei ihrer Arbeit?

Bierdel: Zum einen ist es natürlich schwierig, sich mit diesem Regime, mit seinen vollkommen absurden Ritualen auseinanderzusetzen. Uns werden da sehr strenge Maßregeln auferlegt, wie man seine Hilfsarbeit zu tun hat und wie nicht. Da müssen Fahrten vorher angegeben werden, da sollen bestimmte Mitarbeiter angeheuert werden, die vom Staat benannt sind und offensichtlich in Geheimdienstkontakten stehen.

Das ist eine sehr zähe, sehr ineffektive und eine sehr schwierige Arbeit. Ich habe Respekt vor jedem, der sich dem jetzt aussetzt. Aber Cap Ananmur hat entschieden, unter diesen Bedingungen jetzt nicht innerhalb des Iraks tätig zu werden. Wir wollen allerdings ein kleines Austauschprogramm von Ärzten organisieren und werden das in den nächsten Tagen in Angriff nehmen. Deutsche Ärzte sollen dort in Krankenhäusern ihren irakischen Kollegen bestimmte Dinge zeigen - denn dieses Land hat ja auch im medizinischen Bereich den Anschluss an das, was man in der Welt heute längst für normal hält, verloren.

tagesschau.de: ... außerdem haben Sie ja auch mit den Embargo-Bestimmungen zu kämpfen.

Bierdel: Ich habe mir in Basra gerade Krankenhäuser angesehen. Wir waren dort auch auf der Kinderkrebsstation. Der Süden des Iraks ist ja ganz besonders von hohen Krebsraten speziell bei Kindern betroffen. Niemand weiß so ganz genau, warum. Man ahnt, es könne irgendwie mit dem Krieg zusammenhängen, mit Chemiekampfstoffen oder auch mit Uranmunition der Amerikaner. Da gibt es die wildesten Gerüchte. Tatsache ist nur: Dort sterben die Kinder an Krebsformen, die bei uns leicht zu therapieren wären. Aber die nötigen Medikamente dürfen nicht ins Land gebracht werden - das verhindert der Westen, das verhindert das Embargo. Denn in diesen Medikamenten, so wird argumentiert, befinden sich Substanzen, die auch einer militärischen Nutzung zugeführt werden könnten. Das ist eine Pervertierung dieses Embargo-Gedankens - so haben wir das empfunden. Wir versuchen natürlich auch, etwas dagegen zu tun, dass diese Bestimmungen so aufrecht erhalten werden.