"Undenkbare Qualen"

Artikelinfo
Datum: 
21.03.2003
Autor: 
Christina Bramsmann
Quelle: 
Spiegel spiegel.de

Amman/Köln - Er klingt erschöpft. Immer wieder bricht am anderen Ende der Leitung in Amman die Stimme weg. Husten und Heiserkeit sind die Folgen der Anstrengung. Es ist schwierig, hier in Deutschland die richtigen Worte zu finden. Alles Gute zu wünschen scheint fast zu banal. "Doch, das können wir wirklich brauchen", sagt Alexander Christoph am Telefon. "Wir schuften hier alle rund um die Uhr." Erst vor wenigen Tagen hat der Leiter der deutschen Hilfsorganisation "Architekten für Menschen in Not" (APN) Bagdad verlassen. So lange wie möglich wollte er bei seinen einheimischen Mitarbeitern bleiben. Bis zum Schluss haben die Hilfsorganisationen, die bereits im Irak waren, darauf gehofft, dass der Krieg nicht stattfindet.

"Alle Hilfsorganisationen gemeinsam waren in den 23 Jahren seit Ende des Krieges zwischen dem Irak und dem Iran nicht in der Lage, das Leben der Menschen erträglicher zu machen", sagt Alexander Christoph. "Es gab viele sinnvolle Projekte, aber sie waren alle nur ein Tropfen auf den heißen Stein." Was nach dem Krieg von den Projekten noch übrig ist, daran wollen viele gar nicht denken.

Kein Benzin für die Flucht

Trotz aller Ernüchterung kämpfen sie weiter. Den "Architekten für Menschen in Not" geht es vor allem darum, die Bevölkerung in Bagdad nach einem Angriff so schnell wie möglich versorgen zu können. Bereits seit September liefen die Planungen. Dabei geht Alexander Christoph davon aus, dass viele nicht fliehen werden: "Ich habe meinen Mitarbeitern schon vor einer Woche gesagt, ihr müsst raus aus der Stadt. Aber sie wollen alle bleiben. Ihre Häuser sind das letzte was sie haben." Um Explosionen zu vermeiden, werden in den nächsten Tagen die Tankstellen leer gepumpt. Spätestens dann fehlt auch der Treibstoff für die Flucht. Zu Fuß sind die 200 bis 600 Kilometer zu jeder Grenze von Bagdad aus nicht zu bewältigen.

Ob sie gehen oder bleiben, den Menschen im Irak stehen noch härtere Zeiten bevor, als sie durch das 12-jährige Embargo sowieso schon durchlebt haben. Bei Angriffen der Amerikaner wird es in der Hauptstadt wahrscheinlich schon bald keine Elektrizität mehr geben. Da auch die Wasserversorgung mit Strom läuft, wird auch das Trinkwasser ausgehen. "Die Geschäfte sind mittlerweile zu", sagt Christoph. Es gab Hamsterkäufe, aber viele sind zu arm, um sich mit Nahrungsmitteln einzudecken. Seit Jahren leben 60 Prozent der irakischen Bevölkerung von regelmäßigen Hilfslieferungen der Uno. Ohne das "Oil for Food" - Programm der Vereinten Nationen wären sie verhungert. Die Lieferungen sind seit Mittwoch eingestellt. Alle ausländischen Uno-Mitarbeiter haben den Irak verlassen.

"Architekten für Menschen in Not" wollen sich um die Menschen kümmern, die bleiben. Durch ein Netzwerk von irakischen Mitarbeitern sollen nach einem Angriff Decken, Lebensmittel und Medizin verteilt werden. "Wir haben auf einer Karte auch alle Schlupflöcher von etwa 300 Straßenkindern eingezeichnet", sagt Alexander Christoph. Nach einem Angriff werden auch die, an die sonst niemand mehr denkt, mit dem Nötigsten versorgt. Aber wie lange werden die Vorräte reichen?

"Wir brauchen Geld"

"Wir haben mehrere kleine Lager angelegt, in denen einige Lebensmittel, Medikamente und Decken liegen", erzählt Christoph und hört sich dabei trotz der guten Planung sehr sorgenvoll an. "Damit kommen wir höchsten ein oder zwei Wochen aus. Es muss ganz schnell Nachschub her und dafür brauchen wir Geld." Lieferantennetze seien ebenfalls aufgebaut. Händler in Syrien und Jordanien könnten sehr kurzfristig liefern. "Wenn sich während der Bombardements eine Chance ergibt, werden wir sofort losfahren und so viele Hilfsmittel wie möglich nach Bagdad schaffen". Schon nächste Woche will Christoph zurück in die irakische Hauptstadt um zu sehen, wie es seinen Mitarbeitern geht und wie die Bestände in den Lagern aussehen.

Neben APN sind zahlreiche andere Organisationen in der Region. Einige waren schon früher im Irak aktiv, aber die meisten sind jetzt erst gekommen. Es herrscht Konkurrenz um Spendengelder und unterschiedliche Herangehensweise. Aber meistens versuchen alle, an einem Strang zu ziehen. Alexander Christoph spricht sich regelmäßig mit Elias Bierdel ab. Der Leiter von Cap Anamur sitzt ebenfalls in Amman. Sein Team aus zwei Ärzten, einem Krankenpfleger und einem Techniker wartet darauf in den Irak zu können. Probleme gibt es allerdings nicht nur mit der Einreise, sondern vor allem mit Medikamenten, die entweder gar nicht eingeführt werden dürfen oder hinter der Grenze von den irakischen Beamten einkassiert werden. "Das ist sehr frustrierend", sagt Cap Anamur Sprecher Bernd Göken in Köln. Unser Team war bereits vor Kriegsbeginn im Irak und hat gesehen, das Hilfe nötig ist. Besonders viele Kinder im Süden des Irak sind krebskrank und erleiden täglich undenkbare Qualen."

Rupert Neudeck, der Gründer von Cap Anamur, war im Februar im Irak um sich ein Bild von der Lage zu machen. Jetzt drängt er darauf, dass die Kurden im Irak nicht vergessen werden. Die kurdische Regionalregierung hat bereits von mehreren tausend Flüchtlingen gesprochen, die in den Iran fliehen wollen oder geflohen sind. Der Iran will die Kurden allerdings nicht aufnehmen. Es sei in jedem Fall sinnvoller, zu den Menschen zu gehen, bevor sie zu Flüchtlingen werden, sagt Neudeck. Die Menschen sollten möglichst im Land versorgt werden. "Bei Flüchtlingen besteht immer die Gefahr, dass die Lager zu Dauerzuständen werden, wie etwa in Palästina. Die Bewohner sind nach Jahren in diesen Lagern dann nicht mehr in der Lage, sich selbst zu versorgen."