Die hilflosen Helfer

Artikelinfo
Datum: 
27.03.2003
Autor: 
Matthias Gebauer
Quelle: 
Spiegel spiegel.de

Riesige Zeltstädte, Berge von Decken, Tonnen an Medikamenten, Nahrungsmitteln und Wasser - die Hilfsorganisationen in den Nachbarländern rund um den Irak sind längst bereit für den Flüchtlingsstrom aus Saddam Husseins Reich. Aber obwohl die Versorgungslage im Land immer schlimmer wird, kommt niemand über die Grenze.

Amman - Al-Ruweisched ist kein freundlicher Ort. Es ist eine Ansammlung von schäbigen Baracken und einigen abgerissenen, zweigeschossigen Häusern mitten in der Wüste, irgendwo zwischen dem jordanischen Amman und der irakischen Hauptstadt Bagdad. Früher machten hier die Lastwagen-Fahrer einen kurzen Halt auf dem Weg zwischen Irak und Jordanien. Sie kauften etwas Proviant oder tranken einen Tee in einem der so genannten Restaurants, die direkt an der damals viel befahrenen Straße liegen. Es gibt zwar einige Hotels in al-Ruweisched, doch bleiben wollte in diesen schäbigen Absteigen wie dem "Arab Beach Hotel" wohl kaum jemand.

Doch seit hinter der rund 70 Kilometer entfernten jordanisch-irakischen Grenze der Krieg gegen Saddam Hussein tobt, ist alles anders in al-Ruweisched. Kein freies Zimmer ist mehr zu finden. Viele der Einwohner haben ihre Häuser vermietet. Seit einigen Tagen werden sogar Stahlcontainer aus Amman herangekarrt, um noch mehr Menschen Unterkunft zu bieten. Überall an der Straße stehen große Wagen, auf denen mit weißem Klebeband die großen Buchstaben "TV" oder "Press" geklebt sind. Die jordanische Telekom hat ebenfalls Container mit Internet-Anschlüssen und Telefonleitungen geliefert. In den Cafés steht man Schlange, schließlich müssen Hunderte von Reportern und auch die Mitarbeiter diverser Hilfsorganisationen essen und trinken.

Eine riesige Zeltstadt mitten in der Wüste

Außerhalb der Stadtgrenzen steht der Grund für den plötzlichen Menschenauflauf. Im groben Wüstensand haben Helfer innerhalb von wenigen Tagen Hunderte von Zelten aufgestellt. Immer noch sind die Mitarbeiter des Uno-Flüchtlingswerks UNHCR, des Roten Kreuzes, von Cap Anamur und anderen Organisationen dabei, mehr Notunterkünfte zu bauen. Sie schaffen Container mit Toiletten und Duschen herbei. Überall wuseln Menschen mit weißen Westen herum, die mit dem roten Halbmond oder anderen Symbolen von Hilfsorganisationen bedruckt sind. Die Arbeit der Helfer ist vorbildhaft. Ganz nach Masterplan haben sie Zelte und alles Nötige für Zehntausende Flüchtlinge heran geschafft.

Aber bisher ist nicht ein einziger Iraker über die Grenze gekommen. Zwar verließen in den ersten Kriegstagen einige Tausend Menschen Saddams Reich. Doch die stammten aus Drittstaaten - Gastarbeiter aus dem Irak, denen der Krieg einfach zu gefährlich wurde.

Einer von ihnen ist der Sudanese Adam Jahua aus der sudanischen Stadt Kassala. Er sei sehr krank, sagt er. Doch nun, im Krieg, sind die Medikamente knapp geworden, deshalb sei er nach Jordanien geflüchtet. Schon bald will er in den Sudan weiterreisen.

Die ersten Flüchtlinge sind schon wieder weg

Ähnlich geht es den meisten Menschen, die in nach dem Beginn des Kriegs nach al-Ruweisched gekommen waren. Schnell verließen sie das Lager in der Wüste. Meist hatten sie korrekte Ausweispapiere bei sich und manche sogar genug Geld, um von einem jordanischen Flughafen das Land wieder zu verlassen. Mittlerweile ist das Lager fast leer. Die Zelte in der Wüste bewegen sich nur vom kalten Wind, der über den Sand fegt.

Für die Helfer heißt das Warten. Noch immer rechnen sie mit einem Strom von Flüchtlingen aus der Krisenregion. Warum der - anders als beim letzten Golfkrieg - ausbleibt, weiß niemand so genau. Ein Grund dürfte sein, dass im Jahr 1991 Hunderttausende Gastarbeiter aus dem Irak nach Jordanien flohen. Doch nach dem Krieg gab es im vom Embargo gebeutelten Bagdad kaum noch solche Fremdkräfte. Außerdem scheint es, dass die Menschen im Irak bisher zwar aus Bagdad vor den US-Bomben in die Dörfer im Süden und Norden fliehen. Das Land selbst verlassen sie jedoch nicht.

Hartnäckig halten sich auch die Gerüchte, dass die Flüchtlinge schon Dutzende Kilometer vor der Grenze aufgehalten wurden - doch Belege dafür fehlen. Ein Sprecher des UNHCR sagte jedoch, dass es "viel zu früh" sei, um jetzt aufzugeben. Auch die anderen Helfer wollen auf jeden Fall noch Tage oder auch Wochen an den Grenzen ausharren.

Rund um den Irak das gleiche Bild

Bisher ist Syrien das einzige Land, in dem Flüchtlinge aus dem Irak angekommen sind. 14 Menschen erreichten dort vor zwei Tagen die Grenze und wurden von UNHCR-Mitarbeitern versorgt. Ein echter Strom jedoch blieb auch hier aus. Gähnende Leere herrscht auch in den Stationen in der Nordtürkei: "Niemand kann voraussehen, wann die Menschen sich zur Aufgabe ihrer Häuser entscheiden", sagt Rupert Colville vom UNHCR, "einen Krieg kann man eben nicht planen". Deshalb fahren die Helfer mit Teams an der Grenze auf und ab und halten nach Gruppen von Menschen Aussicht. In den Irak selber dürfen sie nicht, die Grenzen sind von den Türken geschlossen worden.

Hilfe im Irak bisher unmöglich

Die bisher hilflosen Helfer werden viel dringender im Irak gebraucht. Bisher aber ist die Arbeit im Land wegen der Kämpfe und andauernden Bombardements durch die USA einfach zu gefährlich. Am Dienstagabend machte sich in Amman ein Lastwagen der Organisation "Ärzte ohne Grenzen" mit Medikamenten, Verbandsmaterial und technischer Ausrüstung auf den Weg nach Bagdad. Doch der Weg durch die Wüste ist gefährlich, da die USA schon mehrere Fahrzeuge bombardiert haben und die Straße mehrmals unterbrochen sein soll. Ob sie es schaffen? Wer mag darauf wetten?

In Kuweit bereiten mehrere Organisationen Lastwagen mit Essenrationen und Wasser für die noch umkämpfte Stadt Basra vor. Gerade dort droht nach Meinung aller Organisationen schon jetzt eine humanitäre Katastrophe. Seit drei Tagen gibt es dort kein Wasser und keinen Strom mehr. Auch die Essensvorräte gehen zur Neige. UNHCR und Unicef rechnen bei einer weiteren Isolation der Stadt bereits mit bis zu 100.000 Opfern. Vor allem die Kinder unter fünf Jahren litten unter den Mängeln, sagte ein Sprecher der Helfer in Amman. Dass die Militärs die Stadt Basra nun im Häuserkampf einnehmen wollen, beruhigt bei den Helfern niemanden, denn das kann dauern.

Auch in al-Ruweisched bereiten sich die Helfer auf ihren Einmarsch vor. Sie wollen mit den LKW rein, sobald Bagdad auch nur halbwegs sicher ist. Doch sie wissen: Es wird gefährlich werden.