Das Leiden von Basra

Artikelinfo
Datum: 
30.03.2003
Autor: 
Elias Bierdel
Quelle: 
Die Welt wams.de

Seit über einer Woche tobt der Kampf um Basra. Die Meldungen überschlagen sich. Vor einer Woche hatten die Alliierten bereits die Eroberung der zweitgrößten Stadt des Irak gemeldet. Am Freitag räumte ein britischer Oberst ein, dass Basra nicht unter alliierter Kontrolle ist; tausende von Menschen flüchten aus der Stadt.

Ich verfolge die Nachrichten mit Entsetzen. Die Bilder können keinen ruhig lassen, erst recht nicht, wenn man diese Stadt kennt - und die Menschen, die dort leben. Zum letzten Mal hatten wir vor einer Woche einen telefonischen Kontakt nach Basra, der jetzt nicht mehr funktioniert. Damals ging es den Einwohnern noch vergleichsweise gut, das Wasser war erst seit ein paar Tagen weg. Inzwischen muss der Zustand katastrophal geworden sein. Schon vorher erreichte die Versorgung nur 60 Prozent der Bevölkerung. Wenn man sich vorstellt, dass die Wasserzufuhr auch nur tageweise nicht funktioniert, kann man sich ausmalen, was das bedeutet.

Knapp drei Wochen ist es her, dass ich mit einer Delegation von "Cap Anamur" in Basra war. Schon damals war diese einstmals so wunderschöne, weltoffene Hafenstadt am Schatt el-Arab nur noch ein Schatten ihrer selbst. Der Krieg ist dort seit zwölf Jahren Alltag. Denn schon bevor die Alliierten kamen, gingen hier mehrmals täglich die Sirenen, donnerten die Bomber der Alliierten über die Stadt. Ihre Ziele waren "militärische Einrichtungen" in der südlichen Flugverbotszone. Opfer waren aber immer wieder Männer, Frauen und Kinder, die in ihren Wohnungen verschüttet oder auf der Straße von Splittern durchsiebt wurden.

Bereits vor Beginn des Krieges hatte die Inflation die Löhne aufgefressen: Ein Arzt verdiente umgerechnet zwischen fünf und zehn Euro im Monat, ein einfacher Arbeiter kam auf 1,50 Euro, wenn er eine Stelle fand. Schätzungsweise 80 Prozent der Bevölkerung in Basra lebten unter der absoluten Armutsgrenze. In der Stadt versuchte der katholische Bischof des Südirak, Gabriel Kassap, die größte Not zu lindern. Die Diözese betreibt eine Armenküche, Kindergärten und ein Altenheim, verteilt Kleidung und Medizin an Bedürftige. Auf dem Kirchengelände werden obdachlose Familien beherbergt. "Wir versuchen allen zu helfen, die in Not sind", sagte der Bischof zu uns, "ganz gleich, wie sie den Gott nennen, zu dem sie beten." 90 Prozent der Kindergarten-Kinder stammen aus Moslem-Familien.

In der Kinderklinik von Basra führte man uns die hoffnungslosen Fälle vor: Leukämie, Hodgkin-Syndrom. Die Krebsraten bei Minderjährigen sind in den vergangenen Jahren steil angestiegen. Die Ursachen sind unklar, aber wahrscheinlich spielen auch hier die vergangenen Kriege eine entscheidende Rolle. Hier sind sowohl die irakischen Giftgasangriffe zu nennen wie die Verwendung amerikanischer Uran-Munition.

Ein Mädchen, die zwölfjährige Nur, hatte am ganzen Körper riesige Geschwüre - eines zog sich von der linken Gesichtshälfte herunter bis auf den schmächtigen Brustkorb. Sie versuchte zu lächeln. Die Ärzte konnten dem Mädchen nicht helfen, weil es weder Strahlenkanonen gab noch Medikamente für die Chemo-Therapie.

Man berichtete uns, dass die UN die Einfuhr nicht erlaubt hatte. Allzu oft steht die lebensrettende Hilfe im Verdacht einer möglichen militärischen Nutzung (double use) und fällt somit unter die Embargo-Bestimmungen - der Plasma-Kühlschrank in der Blutbank ebenso wie simple Augentropfen, Herzmedikamente oder eben die Infusionen der Chemotherapie. "Smart sanctions" heißt das dann im Jargon der Diplomatie.

In der Klinik traf ich auch eine Ärztin, die mich tief beeindruckte - wie so viele Menschen in Basra. Sie hatte eine Ausbildung, um zu helfen und konnte es doch nicht tun, weil es an allem fehlte. Jeden Tag ging sie zur Klinik und wusste, dass viele ihrer kleinen Patienten sterben würden. Dennoch strahlte sie eine ungeheure Stärke aus.

Auch eine andere Begegnung ist mir im Gedächtnis geblieben: Wir saßen in der winzigen Wohnküche einer Frau und tranken Tee. Ihre vier Töchter, zwischen acht und zwölf Jahre alt, hatten dunkle Ringe unter den Augen. "Sie schlafen schlecht", erklärte die Mutter. "Seit auch in unserer Nachbarschaft bombardiert worden ist, weiß ich nicht mehr, wie ich die Kinder trösten soll." Sie zeigte uns ihre Vorräte. Es waren ein paar Flaschen Wasser, ein Sack Reis, Mehl und etwas Zucker. Zum Abendbrot gab es ausnahmsweise eine Tomate für jedes der Mädchen.

Das Bild dieser Frau und ihrer vier Töchter habe ich permanent vor Augen. Es ist ein namenloses Entsetzen für uns, zu wissen, in welcher Gefahr die Menschen dort nun leben. Denn in Basra gibt es keine Bunker, nicht einmal Keller. Der Grundwasserspiegel ist zu hoch. Die Stadtbevölkerung, weit mehr als eine Million Menschen, ist deshalb jedem Angriff vollkommen schutzlos ausgeliefert.

Aber die größte Angst der Menschen ist, was nach dem Krieg passiert. Die Bevölkerung ist mehrheitlich schiitisch, es gibt eine starke christliche und eine jüdische Gemeinde. Von einigen Parteifunktionären abgesehen, gibt es niemanden dort, der sich für Saddam und sein Regime erheben würde. Aber die Menschen haben kein Vertrauen in die Briten und die Amerikaner, die sie jetzt bombardieren. Noch immer klingt mir die Frage eines irakischen Familienvaters im Ohr, die er nicht anklagend, sondern eher beiläufig stellte: "Sind wir denn Tiere, dass man uns hier einfach so abknallen darf?"

Der Autor ist Vorsitzender der Hilfsorganisation "Cap Anamur"