Der Irak ist kein Dritte-Welt-Land

Artikelinfo
Datum: 
15.04.2003
Autor: 
Rupert Neudeck
Quelle: 
Die Welt

Die Lage im Irak wird sich verbessern. Es erreichen uns erste Nachrichten aus Bagdad von Emad Mubarak Ghanim: Er lebt nicht nur, er hat mit den 15 anderen irakischen Mitarbeitern die Lagerhäuser und die Kliniken der Münchner Organisation APN bewahren und weiterarbeiten können. Allerdings hat er einen eigenen Sicherheitsdienst vor den Plünderern aufbauen müssen. Sonst wäre auch in diesen Ambulanzen in Saddam City alles weggelootet worden.

EmadMubarak, 28 Jahre alt, haben viele Journalisten in der Zeit vor dem Krieg, also vor dem 20. März kennen gelernt: Er arbeitete als wichtigster Mitarbeiter von Alexander Christof, dem Münchner Architekten in Bagdad. Christof hatte in anderthalb Jahren Teile der knochenharten irakischen Bürokratie gegeneinander ausgespielt und sogar ein Netzwerk von zwölf kleinen Ambulanzen oder Kliniken in Saddam City, dem größten Teil von Bagdad, aufbauen können. Und das, obwohl er dort gar nicht hindurfte: Das war No-Go-Area! Der größere Teil von Bagdad ist nicht das Bagdad, das wir in den täglichen Zuschaltungen vor dem Krieg gesehen haben, also das Luxus-Bagdad, sondern das armselige Saddam City, in dem drei Millionen Schiiten und wenige Christen vermutet wurden.

In anderthalb Jahren hatte Alexander Christof ein kleines, vertrauenswürdiges Netzwerk von Mitarbeitern aufgebaut, darunter als ihren Anchorman den Germanistikstudenten Emad Mubarak Ghanim. Emad Mubarak stammt aus der Nähe von Basra und hatte mir erzählt, wie er zum Studium der deutschen Sprache gekommen ist. Er sah - als er gerade das Abitur gemacht hatte - das Stück "Draußen vor der Tür" des deutschen Schriftstellers Wolfgang Borchert und war tiefinnerlich bewegt. Borchert hatte die Seelenlage der Iraker getroffen.

Nun hat er sich telefonisch bei Alexander Christof in Amman gemeldet. Das Haus mit dem kleinen Lagerhaus für Medizin und Nahrungsmittel sei intakt, nichts sei geplündert. Er sei auch in Kontakt zu den zehn Ärzten des Irak, die in den zwei Kliniken in Saddam City Ambulanz machen. Aber - Emad sagt auch, die Vorräte an Narkosemitteln, an Antibiotika und anderen wichtigen Medikamenten für Kriegsverletzte und Traumatisierte gehen zu Ende. Also wird Alexander Christof in dieser Woche wieder nach Bagdad gehen und mit seiner kleinen Organisation mit Namen APN (Architects for People in Need) die Arbeit fortsetzen. Der Geschäftsträger der deutschen Botschaft, Claude Robert Ellner, der sich seit ein paar Wochen in Amman aufhält, will die Berufsausbildung fördern. Humanitäre Hilfe ist gefragt.

Die deutschen Organisationen müssen nicht viele Experten von außen schicken. Diese hat der Irak selbst in einer großen Zahl zur Verfügung. Es wird nach meiner Kenntnis der Situation etwa zwölf bis 18 Monate dauern. So lange wird der Irak auf humanitäre Hilfe angewiesen sein, dann aber wird er es selbst wieder leisten können, seine Bevölkerung zu ernähren. Es wird natürlich davon abhängen, ob die kurdischen Parteien KDP und PUK in Erbil und Suleimanija weiter so vernünftig bleiben und lediglich eine Provinz mit kultureller Autonomie innerhalb eines föderalen Irak werden wollen. Oder, wie es mir der Deutsch sprechende Parlamentspräsident in Erbil sagte: "wie ein Freistaat Bayern".

In diesen Tagen wird Emad nach New Bagdad (das ist ein weiterer Stadtteil, in den Journalisten vor dem Krieg nicht hineingehen durften) fahren, um die Gemeinde von Pater Bachar zu besuchen. Die St.-Elyas-Gemeinde baute dort unter Anleitung des Paters im Februar 2003, als ich den chaldäisch-katholischen Pfarrer besuchte, gerade ihren unterirdischen Bunker. Auch diese christlichen Gemeinden sind die Stützpunkte der humanitären Hilfe, auf die man sich in Zukunft verlassen kann.

Der Irak könnte seine großen Chancen und seinen Charme jetzt in die Region ausstrahlen, wenn sich das Land in der Post-Saddam-Zeit besser organisiert, unter so wenig ausländischer Fürsorge und Obhut wie möglich. Er ist eines der ganz wenigen Länder im arabischen Nahen Osten, das eine säkulare Verfassung hat. Die seinerzeit mal sozialistisch und sozialdemokratisch angehauchte Partei, die Baath-Partei, hatte es nicht zugelassen, dass der Irak sich die Zwangsjacke der Islamischen Republik überstülpen musste wie eine Burka. Die Baath-Partei hatte auch immer wieder Kontakte mit der Sozialistischen Internationalen, die in ihren aktiven Zeiten auch viele Gesprächsmöglichkeiten in Bagdad ausnutzte.

Die 800 000 Christen im Irak können atmen, sich bewegen, ihren Gottesdienst feiern und ihre karitativen Aktivitäten in der Gesellschaft durchziehen. 53 Kirchen in der Sechs-Millionen-Einwohner-Stadt Bagdad zeugen von dieser unbestrittenen Christenpräsenz. Wenn alles ganz gut kommt, könnte der Irak unter einer Regierung, die in jedem Fall besser sein wird als die von Saddam Hussein, unser Ankerplatz sein, für die Europäer wie für die USA. Emad Mubarak hat es in der Hand, Hilfe nicht nur für die 400 Germanistikstudenten der Universität Bagdad anzuregen. Er hat es auch in der Hand, die medizinische Versorgung und die Wasserversorgung in Saddam City, an den verschiedenen Stationen des Euphrat bis Syrien und in den Squatterstädten außerhalb von Bagdad zu organisieren.

Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisation "Cap Anamur", arbeitet als freier Journalist