Cap Anamur: Projekte sollen nicht aufgegeben werden

Artikelinfo
Datum: 
28.10.2003
Quelle: 
Deutschlandfunk
Müller: Wir bleiben beim Thema Irak, wir bleiben beim Thema Reaktionen der Hilfsorganisationen. Bei uns im Studio begrüße ich nun Elias Bierdel, Vorsitzender von Cap Anamur. Guten Tag.

Bierdel: Guten Tag.

Müller: Herr Bierdel, fünf Mitarbeiter von Cap Anamur sind derzeit in Bagdad. Haben Sie gestern mit ihnen Kontakt aufnehmen können?

Bierdel: Selbstverständlich. Wir stehen jetzt im Augenblick sozusagen rund um die Uhr in Kontakt, über Satellitentelefon, über E-Mail vor allen Dingen, weil wir eben jetzt gemeinsam überlegen müssen, wie es weitergehen soll. Die Sicherheitslage in der Stadt, die von vorneherein für uns eine sehr, sehr schlechte gewesen ist, vor allen Dingen für die irakische Bevölkerung eine sehr schlechte Lage ist, die wird jetzt tatsächlich noch schlechter, was sich kaum jemand hat vorstellen können. Und das heißt, wir müssen natürlich darüber nachdenken, wie Konsequenzen aussehen können.

Müller: Für Sie vielleicht eine zynische Frage: aber, kennen die Helfer inzwischen Angst?

Bierdel: Auf jeden Fall. Also, das ist nun keine zynische Frage, das ist eine sehr wichtige, jeder muss seine Angst auch wahrnehmen in solchen Situationen. Wir sind hereingefahren dort, ich war ja selbst dabei, wenige Tage nach dem Fall von Bagdad, durch rauchende Trümmer, vorbei auch an Plündernden und seit diesem Zeitpunkt wird im Grunde jede Nacht, jeden Tag dort weiter gekämpft. Hier ist nun immer von Anschlägen, von Terrorismus die Rede, ich verstehe das auch, aber man muss auch noch einmal darauf hinweisen, dieses Land befindet sich weiterhin im Krieg. Denn der Krieg ist nicht beendet worden, das kann er nur dadurch, dass der Frieden erklärt wird, das ist nicht passiert. Also, wenn jemand irgendwo einen Raketenwerfer aufstellt und dann auf ein Hotel schießt, in dem die Besatzungstruppen ihr Hauptquartier, oder wenigstens wichtige Teile haben, ist das eine Kriegshandlung. Ich weiß nicht, ob das mit Terrorismus richtig bezeichnet ist. Klar ist aber, die Sicherheit in diesem Land ist nicht gewährleistet und das ist wahrscheinlich das Schlimmste und skandalöse Versagen der Besatzungsarmeen, dass sie es nicht geschafft haben, ja möglicherweise nicht einmal versucht, wenn man sich klar macht, dass jetzt mit 130 000 Soldaten der ganze Irak besetzt werden sollte, während es damals nur um Kuweit ging mit immerhin 650 000 Soldaten.

Müller: Sie haben mit Ihren Mitarbeitern in Bagdad vor Ort gesprochen, gibt es in irgendeiner Form eine Änderung in der Einstellung auf der einen Seite, aber vor allem im praktischen Verhalten? Heißt das im Moment, sie dürfen das Gebäude nicht verlassen?

Bierdel: Um das mal ganz praktisch zu erzählen, die Entscheidung, die erste ist, wo bezieht man sein Quartier, von wo aus arbeitet man und wo. Wir haben uns damals entschieden, wir beziehen Quartier innerhalb der Stadt Bagdad, arbeiten aber in den Slums im Norden und Nordosten der Stadt. Dort betreiben wir kleine Kliniken, haben jetzt wieder ein Krankenhaus aufgebaut, bauen Schulen und ähnliches. Man muss also fahren, so oder so, zwischen dem Projektgebiet, um Material zu beschaffen, um Leute ranzuholen. Und das ist das Gefährlichste gewesen von Anfang an, die Wege also zwischen dem Ort, wo man untergebracht ist und den verschiedenen Plätzen, an denen man eben arbeitet. Wir haben alle Leute angewiesen, nur noch zu zweit in den Fahrzeugen zu sein, auf jeden Fall die Türen geschlossen zu halten, was wir aber nicht machen, ist, uns irgendwie auf bewaffneten Geleitschutz zu verlassen, oder aber uns mit Betonwällen oder Ähnlichem einzuigeln, wie es auch einige Organisationen tun. Ich verstehe das, aber das heißt für uns, dann wäre es konsequenter ganz abzurücken, wenn man eben nicht mehr arbeiten kann unter den Gegebenheiten, die man vor Ort findet.

Müller: Bleiben wir doch vielleicht bei dem Aspekt, militärischer Schutz. Da haben sich heute mehrere Stimmen gemeldet, die da gesagt haben, warum unterstellen sich die Hilfsorganisationen, und zwar in ihrer Gänze, dem militärischen Schutz der Amerikaner? Warum nicht?

Bierdel: Noch einmal. Dies ist ein Land im Krieg, wir halten uns selbstverständlich komplett raus in der Frage, welche militärischen Einheiten unter welchen Motivationen da gegen wen kämpfen. Wir konzentrieren uns auf die Lage der Iraker, die ist nun verzweifelt genug. Die ganze Zeit über, über viele Jahre hinweg schon. Und das ist ja das eigentlich Schreckliche, dass diese Menschen jetzt weiterhin ohne jede Perspektive, ohne jede Hoffnung sind, nichts mehr haben, woran sie glauben können. Selbst die paar, die selbstverständlich froh waren, dass man ihnen jetzt von außen auch diesen schlimmen Diktator da weggenommen hat zunächst einmal. Aber, sie sehen jetzt, dass es weiterhin kein Wasser gibt, dass es kein Strom gibt, dass es im Alltag nicht weitergeht. Und sie sind sehr, sehr enttäuscht. Und auch diese Enttäuschung, die jetzt aufläuft, richtet sich eben immer mehr gegen eine ausländische Präsenz ganz allgemein in ihrem Land. Und das heißt dann eben auch gegen humanitäre Helfer, deren Motivationslage ist ja für den einzelnen Iraker auch nicht ohne weiteres so leicht zu durchschauen. Irgendwann ist es dann vielleicht mal soweit, dass man einfach auf einen Jeep mit Ausländern schießt, nur weil es Ausländer in einem Jeep sind. Und dann allerdings ist ein Punkt erreicht, wo ich auch nicht mehr verantworten kann, dass unsere Mitarbeiter länger in diesem Land sind.

Müller: Das heißt zusammengefasst: ein Helfer kann sich nur selbst helfen?

Bierdel: Der Helfer ist da, um den Irakern zu helfen und wir kommunizieren das natürlich ganz klar und dort wo wir arbeiten ist das auch überhaupt gar kein Problem, da verstehen das die Leute. Wir kennen uns, sie kennen uns, wir kennen sie. Das ist im Prinzip was auf der ganzen Welt für uns sehr gut funktioniert. Aber ich sage noch einmal, es gibt eben lange Wege zurückzulegen und unterwegs ist nicht mehr klar, ob man noch als der wahrgenommen wird, der man ist, ein Helfer, oder ob man vielleicht als jemand gesehen wird, der sich widerrechtlich und aus vielleicht niederen Motiven in diesem Land aufhält.

Müller: Wie schwierig, Herr Bierdel, ist es in der jetzigen Situation für Cap Anamur zu entscheiden, ob ein Verbleib in Bagdad zu verantworten ist?

Bierdel: Wir haben unsere laufenden Projekte. Und natürlich die aufzugeben, die preiszugeben, das wäre das aller, aller Letzte, was wir tun wollen. Insofern versuchen wir die natürlich noch zu einem guten Ende zu bringen. Aber, ich sage das auch noch einmal, wir müssen natürlich jetzt jeden Tag neu überlegen, ob wir unter den sehr rasch sich verschlechternden Bedingungen das noch weiter verantworten können. Im Augenblick ist das so "lala", wir stimmen uns ab mit dem Team, die im Augenblick auch der Auffassung sind, wir können die Arbeit da noch weiter fortführen. Aber, es kann ein Punkt erreicht werden, wo wir dann auch sagen müssen, hier aus Köln: Abmarsch, und zwar jetzt sofort und nicht mehr länger warten. Wir hatten einen Einschlag sozusagen siebenhundert Meter entfernt vom Team in der vergangenen Woche, eine große Autobombe. Diese gestern nun war vierhundert Meter entfernt von unseren Leuten, die auf dem Weg waren ins Projekt, wir wollen nicht abwarten bis unsere Mitarbeiter selbst dann tatsächlich auch mit zum Opfer werden können von einem solchen Anschlag, einer solchen Aktion.

Müller: Beraten Sie sich auch mit den so genannten Großen, mit dem Roten Kreuz?

Bierdel: Wir haben uns natürlich immer ins Benehmen gesetzt vor Ort über die ganz alltäglichen Fragen, auch die Sicherheit. Es ist schon wichtig sich zu besprechen. Nur ist es jetzt aber so, de facto ist die ganze große Hilfe ja schon abgezogen, die arbeiten aus dem Ausland heraus mit einheimischen Mitarbeitern oder sie igeln sich komplett ein in ihren Hotels, in ihren Hauptquartieren, oder wie auch immer. Das ist für uns keine Alternative, entweder wir können arbeiten und wir machen das so, wie wir das gewohnt sind bei den Leuten, mit den Leuten, oder wir können nicht mehr arbeiten und dann müssen wir gehen.

Müller: Letzte Frage. Das Rote Kreuz denkt ja auch darüber nach, seine Mitarbeiter jetzt abzuziehen. Wäre das ein fatales Signal?

Bierdel: Das wäre ein furchtbares Signal, natürlich. Aber, wir sehen ja hier: das Grundproblem ist, es gibt keine zivile Koordination, das könnte nur die UNO machen, die UNO darf es aber nicht, soll es aber nicht. Die Amerikaner ziehen das Recht dort an sich und bestehen darauf, dass sie weiter das Sagen haben, aber sie schaffen es nicht, die wichtigsten Fragen zu regeln. Das ist das eigentliche Dilemma und das ist der eigentliche Skandal: das Versagen dieser Besatzungsarmee im Irak.

Müller: Bei uns im Studio der Vorsitzende von Cap Anamur, Elias Bierdel. Vielen Dank für das Gespräch.