Die geschockten Helfer: Terror im Irak

Artikelinfo
Datum: 
28.10.2003
Autor: 
Stefan Ulrich
Quelle: 
Süddeutsche Zeitung

Der Angriff auf das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in Bagdad hat die noch im Irak tätigen Hilfsorganisationen und die Verwantwortlichen der Vereinten Nationen schockiert und ratlos zurückgelassen. Viele Mitarbeiter fühlen sich in ihrem Selbstverständnis als neutrale und dadurch geschützte Helfer getroffen. Auf Krisensitzungen berieten die Führungsgremien am Montag darüber, ob sie ihr in den letzten Wochen ohnehin stark eingeschränktes Engagement in Bagdad weiter reduzieren oder ganz aufgeben müssen.

Ein Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf sagte der Süddeutschen Zeitung: "Wir müssen extrem schwierige Beschlüsse treffen, da wir sowohl unseren Mitarbeitern als auch den hilfsbedürftigen Menschen im Irak gegenüber verpflichtet sind." Wegen der prekären Sicherheitslage sei die Arbeit bereits während der vergangenen Monate äußerst erschwert gewesen, zumal das IKRK im Interesse seiner Unabhängigkeit nie um bewaffneten Schutz gebeten habe.

"Völlig unverständlich, dass wir zum Ziel genommen werden"

Die Anzahl der humanitären Mitarbeiter im Irak sei bereits von 120 auf etwa 30 reduziert worden. Schon am heutigen Dienstag sollen weitere Helfer das Land verlassen. "Wir waren seit 1980 auch in schlimmsten Zeiten im Irak tätig und haben gezeigt, dass es uns nur um die humanitäre Arbeit geht und wir von keiner Konfliktpartei abhängig sind", sagte der Sprecher. "Deswegen ist es uns völlig unverständlich, dass wir jetzt zum Ziel genommen werden."

Ähnlich äußert sich ein Vertreter des UN-Kinderhilfswerks Unicef: "Dass Helfer bewusst zur Zielscheibe gemacht werden, um Instabilisierung und Chaos herbeizuführen, war bisher eigentlich unbekannt." Diese Strategie könne darauf abzielen, "dass sich kein Ausländer mehr in den Irak traut und dass dort ein Kampf jeder gegen jeden losgeht".

Die UN hatte tausende Helfer im Einsatz - geblieben sind 40

Viele ausländische Helfer hätten bei ihren Missionen bislang das Gefühl gehabt: "Wir sind unantastbar." Aus diesem Grund hätten sie sich manchmal nicht genug um ihre Sicherheit gekümmert. Unicef selbst habe derzeit keine ausländischen Mitarbeiter mehr im Irak. Die Arbeit werde wie bei vielen anderen Hilfsgruppen von Ortskräften gemacht und vom Ausland aus koordiniert und unterstützt.

Die UN-Organisationen insgesamt hätten zeitweise mehrere tausend internationale Helfer im Einsatz gehabt. Davon seien heute nur noch etwa 40 im Irak. Die Arbeit der UN sei daher stark eingeschränkt. Und die wenigen verbliebenen ausländischen Mitarbeiter privater Hilfsorganisationen seien "weitgehend damit beschäftigt, sich selbst zu schützen".

Zuerst rein anti-amerikanisch, jetzt gegen alle Fremden

Das deutsche Notärzte-Komitee Cap Anamur hilft dagegen nach wie vor mit fünf Mitarbeitern in den Slums von Bagdad und will daran auch vorerst festhalten. "Doch die Anschläge kommen näher", meint der Leiter von Cap Anamur, Elias Bierdel. "Vorige Woche ging ein Sprengsatz 700 Meter von unseren Leuten hoch, heute waren es noch 400 Meter. Solche Zeichen dürfen wir nicht unterschätzen."

Die Stimmung in Bagdad, die zunächst rein anti-amerikanisch gewesen sei, beginne sich nun allgemein gegen Ausländer zu wenden. "Wir weisen schon von weitem hin, dass wir keine Amerikaner sind", sagt Bierdel. "Aber das bietet jetzt auch keinen wirklichen Schutz mehr." Viele Hilfsorganisationen hätten sich daher aus dem Irak zurückgezogen - "eine furchtbare Entwicklung für die Iraker".

Organisationen verkleinern Teams oder ziehen ab

Die "Ärzte ohne Grenzen" kündigten am Montag an, ihr Team von sieben Ausländern in Bagdad zu verkleinern. Die Gruppe Help will ihre Arbeit zwar fortsetzen, hat ihre Mitarbeiter allerdings angewiesen, das Büro vorerst nicht mehr zu verlassen. Caritas international hält ohnehin nur noch einen internationalen Mitarbeiter im Land. "Wir versuchen, es zu vermeiden, vor Ort zu sein", sagt Jürgen Lieser, Leiter der Katastrophenhilfe.

Die Attentate richteten sich mittlerweile gegen alles, was mit dem Westen identifiziert werde. Die Caritas könne aber gut über ihre starke nationale Organisation in Bagdad helfen. "Diese muss mit den miserablen Sicherheitsbedingungen leben. Die Caritas Irak kann sich schließlich nicht selbst abziehen."