"Bagdad war völlig eingestaubt"

Artikelinfo
Datum: 
26.11.2003
Quelle: 
Islamische Zeitung

Dr. Zuhal Al-Dulaimi ist im Irak geboren und kam als 8-jährige im Jahre 1979 mit ihrer Familie aus politischen Gründen nach Deutschland. Hier hat sie Medizin studiert und arbeitet als Frauenärztin in einem Dortmunder Krankenhaus. 23 Jahre lang konnte sie nicht in den Irak einreisen. Kurz nach Kriegsende flog sie mit der Hilfsorganisation Cap Anamur nach langer Zeit wieder in ihre Heimat.

Islamische Zeitung: Sehr geehrte Frau Al-Dulaimi, was waren Ihre Beweggründe, nach 23 Jahren wieder in den Irak einzureisen?

Dr. Al-Dulaimi: Die Beweggründe lagen im Krieg, der im Irak ausgebrochen ist. Ein sehr ungerechter Krieg, wie ich meine, unter dem die irakische Bevölkerung sehr zu leiden hatte. Kurz nach dem Krieg begab ich mich im Mai in den Irak, um nach meinen Verwandten zu sehen, zu denen die Verbindung während des Krieges gänzlich abgebrochen war. Trotz all der Jahre, in denen ich und meine Familie nicht in den Irak durften, pflegten wir stets sehr gute Kontakte zu unseren Verwandten im Irak. Ich wollte sehen, ob es ihnen gut geht, ob sie die Angriffe überlebt hatten und wo sie sich zur Zeit befanden.

Islamische Zeitung: Wie haben Sie sich gefühlt, als sie den Irak wieder betreten haben? Bei der Ausreise damals waren Sie ja noch ein Kind.

Dr. Al-Dulaimi: Ich habe versucht, mich an meinen Kindheitserinnerungen zu orientieren und herauszufinden, was nach all den Jahren gleich geblieben ist und was sich verändert hat. Es erschien plötzlich alles viel kleiner, als ich es in Erinnerung hatte. Die Stadt, aus der ich kam, Bagdad, war völlig eingestaubt. In meinen Kindheitserinnerungen war sie viel bunter und lebendiger; ich hatte das Bedürfnis, ein Staubtuch hervor zu holen und den Staub über der Stadt weg zu wischen. Die Lage der Menschen war wirklich sehr schlimm. Im Gespräch mit ihnen erschienen sie mir sehr müde. Sie waren geschwächt und nicht in der Lage, noch mehr kriegerische Auseinandersetzungen zu verkraften. Das, was jetzt auf die Bevölkerung zugekommen ist, hat die Situation der Menschen um ein Mehrfaches verschlechtert. Vorher wussten die Menschen einfach, dass es Saddam gibt und jeder wusste auch, dass Saddam ein schlechter Mensch ist, jedoch hatte man einfach gelernt, sich damit zu arrangieren. Jetzt ist es so, dass wir die Amerikaner haben, und gar nicht wissen, was uns erwartet und was auf uns zukommt. Es herrscht ständige Gefahr auf den Straßen. Spätestens ab 18.00 Uhr muss jeder in Sicherheit sein, entweder zu Hause oder anderswo, weil dann die Schießereien beginnen.

Islamische Zeitung: Sie sind im Mai dieses Jahres mit Cap Anamur in den Irak gefahren. Warum engagieren Sie sich bei Cap Anamur?

Dr. Al-Dulaimi: Unmittelbar nach dem Krieg habe ich mich nach Hilfsorganisationen umgeschaut, welche im Irak Tätigkeitsfelder haben und dort Engagement zeigen. Ich habe über all diese Hilfsorganisationen im Internet recherchiert. Viele Organisationen, wie UNICEF zum Beispiel, schicken jedoch derzeit keine Mitarbeiter in den Irak. Die Philosophie von Cap Anamur gefiel mir am besten. Ich habe mich daraufhin bei Cap Anamur gemeldet und meine Hilfe angeboten. Ich hatte einfach als Mensch das Bedürfnis, nachdem ich mein Studium als Frauenärztin beendet hatte und viele meiner Ziele verwirklicht habe, das, was ich von diesen Menschen als Kind bekommen und genossen habe, ihnen jetzt in Form von Hilfe zurückzugeben.

Islamische Zeitung: Was haben Sie mit Cap Anamur nach Ihrer Ankunft im Irak gemacht?

Dr. Al-Dulaimi: Im ehemals so genannten Stadtteil "Saddam City", wo mehr als drei Millionen Menschen leben, befand sich ein großes Krankenhaus, bestehend aus einer Frauen- und Kinderabteilung, welches zusammengelegt worden ist. Als ich dort ankam, bemerkte ich, dass alle Arzte das Krankenhaus verlassen hatten, auch Pflegepersonal war nicht aufzufinden. Wir als Cap Anamur haben versucht, das Krankenhaus erneut in Betrieb zu nehmen und durch die Zulieferung von Medikamenten, Verbandsmaterial und vor allem durch unsere ärztliche Kompetenz das Krankenhaus in einen stabileren Zustand zu bringen. Zudem haben wir noch zwei weitere Projekte verwirklicht: Eines davon war, dass wir mitten im Slum mehrere Gesundheitsstationen für die Bevölkerung aufgebaut haben. Täglich hatten wir einen Ansturm von bis zu 800 Menschen, die sich dort behandeln lassen wollten. Vor allem Kinder, welche aufgrund der schlechten Wasser- und Stromversorgung an Durchfallerkrankungen litten. Mittlerweile habe ich mitbekommen, das sich die Zahl der Bedürftigen auf 300 bis 400 reduziert hat, pro Tag wohlgemerkt.

Islamische Zeitung: Könnten Sie sich vorstellen, als Frauenärztin für immer im Irak tätig zu sein und dort zu bleiben?

Dr. Al-Dulaimi: Für immer und ewig könnte ich dort nicht leben. Ich denke, in der jetzigen momentanen Situation im Irak ist es schwer durchzustehen für jemanden, der in Europa groß geworden ist, dort zu leben, vor allem, weil dort drüben eine sehr unsichere Situation herrscht. Allerdings kann ich nicht sagen, wie meine Entscheidung in ein paar Jahren ausfallen würde, wenn sich die Sicherheitslage eventuell stabilisiert hat und wieder Ruhe in das Land eingekehrt ist.