Bierdel prangert verfehlte Irak-Politik der USA an

Artikelinfo
Datum: 
13.04.2004
Quelle: 
Deutschlandfunk
Engels: Angesichts der nun massenhaften Entführungen von Ausländern im Irak müssen sich die Hilfsorganisationen entscheiden ob und wie sie ihre Arbeit in der Region fortsetzen können. Ins Kölner Studio gekommen ist Elias Bierdel, er ist Leiter der Hilfsorganisation Cap Anamur. Arbeitet Cap Anamur derzeit noch im Irak?

Bierdel: Ja, wir arbeiten noch. Wir haben unsere beiden Kliniken, die wir mit Medikamenten ausstatten und weiter aufbauen. Wir werden im Juni die nächste Klinik in den Außenbezirken von Bagdad in den Ghettos der Schiiten, wenn es einigermaßen klappt, neu einweihen können. Die Arbeit setzen wir fort, aber wir können sie nicht so fortsetzen, wie wir das eigentlich gewohnt sind, nicht mit den Teams, die wir normalerweise dort am Boden haben, nicht in der Effizienz, wie wir normalerweise arbeiten, das macht uns sehr wütend und auch traurig mit Blick auf die Menschen dort. Wir mussten also unsere deutschen Mitarbeiter zum Jahreswechsel dort abziehen beziehungsweise haben das Team nicht mehr ersetzt, denn es war zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass das Risiko aus unserer Sicht unvertretbar hoch war für ausländische Mitarbeiter im Irak.

Engels: Das heißt, Sie sind von der Entwicklung der vergangenen Tage nicht überrascht?

Bierdel: Nein, das ist ganz eindeutig eine Tendenz, die wir gesehen haben über Monate hinweg schon und die eigentlich alle Organisationen, mit denen wir da auch in Kontakt stehen, zu denselben Folgen gezwungen hat. Entweder sie haben ihre ausländischen Mitarbeiter irgendwo eingebunkert und denen quasi verboten, noch vor die Tür zu gehen - dann ist natürlich auch keine Arbeit mehr möglich - oder sie haben sie ins nahe Ausland abgezogen und dann versucht, von dort aus die Arbeit fortzusetzen. Darin sehen wir keinen Sinn. Warum sollen irgendwelche Leute in Hotels sitzen in Amman oder sonst wo. Da haben wir gesagt, da tauschen wir das Team lieber nicht mehr aus, ziehen die deutschen Mitarbeiter von dort ab und setzen die Arbeit jetzt mit regionalen Leuten fort, das heißt, mit arabischstämmigen Mitarbeitern, die sich jedenfalls einigermaßen noch einigermaßen sicher im Land bewegen können, die besser hören und die Zeichen besser deuten können, denn darauf kommt es jetzt ganz entscheidend an. Jede Minute kann sich die Lage da ändern und das wirklich Gefährliche sind eben die Fahrten, sich zu bewegen in diesem Land. Auch unser Team hat mir gerade in diesen Tagen berichtet, wie unglaublich schwierig es war, dort in der letzten Zeit unterwegs zu sein. Es ist ganz klar: Wir wollen weiter bei den Menschen stehen, für die wir ja auch eine bestimmte Verantwortung wahrnehmen, denen wir Hoffnung geben dort, aber wir müssen das tun mit einem ganz strengen Blick auch auf die Sicherheitsbedingungen für unsere eigenen Leute.

Engels: Sind denn die irakischen und jordanischen Helfer, die sie noch im Land haben auch bedroht? Wie können sie im Alltag überhaupt arbeiten?

Bierdel: Es geht ja hier um Kliniken, um medizinischen Bedarf, um Ärzte, die wir unter der einheimischen Ärzteschaft dort rekrutieren konnten. Wir haben eine Gesundheitsversorgung aufgebaut in einer Gegend, in der es die bis dato überhaupt nicht gegeben hat. Das funktioniert ganz gut, darüber sind wir froh. Für diese Menschen gibt es natürlich eigentlich im Moment kein erhöhtes Risiko, denn sie sind ja unter ihresgleichen. Das wäre ja völlig verrückt, gleichwohl muss man vielleicht befürchten, wenn dieser Hass sich weiter so aufbauen sollte gegen alles, was ausländisch ist, dass dann möglicherweise auch mal jemand, der zusammenarbeitet mit ausländischen Organisationen, selbst mit Cap Anamur, dann einem höheren Risiko ausgesetzt ist. Das ist im Moment nicht absehbar, das könnte natürlich passieren, und da sind wir natürlich an der Stelle, wo wir überlegen müssen: Woher kommt denn dieser unglaubliche abgrundtiefe Hass und da geht der Finger allerdings sehr schnell auf diese Besatzungsmacht und die völlig verfehlte Politik, die sie von Anfang an dort betrieben hat.

Engels: Wieso wird nicht unterschieden zwischen den Besatzungstruppen, die viele Iraker loswerden wollen und den Helfern, die ja eigentlich wie Cap Anamur wichtige Hilfe leisten?

Bierdel: Das liegt ganz einfach daran, dass auch diese Besatzungsmacht nicht davor zurückschreckt, zivile Fahrzeuge zu benutzen. Alle Organisationen haben von Anfang an darauf hingewiesen, dass das unsere Leute einem höheren Risiko aussetzen wird, sie werden verwechselbarer dadurch und genau das passiert auch. Es sind ja nicht nur die offiziellen Besatzungssoldaten oder die dubiosen Geschäftemacher aller Natur, die Sie dort jetzt antreffen können, es sind ja auch noch ungefähr 20.000 Leute privater Sicherheitsdienste, das sind Söldnertruppen. Man weiß gar nicht genau, welchem Kommando und Gesetz die eigentlich gehorchen und unterliegen. Leute, die irgendwo rumballern und schwerstbewaffnet auch in zivilen Fahrzeugen rumfahren - am Ende eben ist das Bild dann für den normalen Iraker nicht mehr zu unterscheiden. Er sieht ein weißes Zivilfahrzeug, sieht Ausländer darin und wenn er sich gegen diese Methoden der Besatzung in seinem Land wenden möchte, wird er möglicherweise dieses Fahrzeug zum Ziel nehmen und darin könnten eben auch unsere Mitarbeiter sitzen.

Engels: Auf der anderen Seite scheinen ja die irakischen Polizeikräfte nun wahrlich noch nicht gegen die Banden im Land ankommen zu können.

Bierdel: Nein. Und das gehört ja nun eben zu dem skandalösen, entsetzlichen Versagen insgesamt dieser Besatzungsmacht. Warum hat sie es nicht geschafft, diese Polizeitruppe? Man wusste, wie wichtig sie ist, sie entschiedener aufzubauen, wenn es nun schon so ist, dass man im Irak steht. 7.000 Mann sind es, sie sind schlecht trainiert, schlecht ausgerüstet. Die Amerikaner selber beklagen das jetzt, aber sie tragen dafür die Verantwortung und die Folgen jedenfalls für die irakische Bevölkerung sind ganz entsetzlich.

Engels: Haben Sie Hoffnung, dass auch internationale und deutsche Helfer bald nach Bagdad und in die Region, wo Sie helfen, zurückkehren können?

Bierdel: Im Augenblick sehe ich das nicht, nein. Die Entwicklung ist ganz negativ, eindeutig und ich habe noch jetzt am Wochenende mit unseren Mitarbeitern dort lange telefoniert und sie fragten eben auch, ob ich etwa vorhätte, selber noch mal in die Region zu fahren und haben mir sehr davon abgeraten. Es ist wirklich so, dass unsere normalen Wege über die Autobahnen und Straßen dort im Augenblick für Ausländer kaum noch zu benutzen sind.

Engels: Elias Bierdel, er ist Leiter der Hilfsorganisation Cap Anamur hier direkt im Studio, vielen Dank.