Der erste Medizintransport in den Irak

Artikelinfo
Datum: 
17.04.2003
Autor: 
Elias Bierdel aus Bagdad

Das Nichtstun war das Schlimmste. Das Nichthelfenkönnen. Wochenlang hatte das Ärzte-Team an der jordanisch-irakischen Grenze ausgeharrt in der improvisierten Zelt-Klinik für Flüchtlinge. Doch die Flüchtlinge blieben aus. Dafür kamen die Sandstürme, die an Zeltplanen wie Nerven gleichermaßen zerrten. Am Ende stand der Entschluss fest, das Material in Amman einzulagern und das Team vorläufig abzuziehen. Doch der Krieg endete dann doch schneller als erwartet. Und das Ziel stand fest: Den Menschen im Irak so schnell wie möglich dort beizustehen, wo ihre Not am größten ist.

Am Osterwochenende war es soweit. In der Grenzstation auf irakischer Seite war kein Iraker mehr zu sehen. In den Ruinen der Zollwache hatten sich die Marines einquartiert. Alle Saddam-Porträts waren auftragsgemäß zerstört. Nur das bronzene Reiterstandbild des "Rais", des großen Führers, stilsicher umrahmt von vier Nachbildungen irakischer Lenkwaffen, stand noch an seinem Platz. Wir gaben Gas - vor uns lagen noch 550 Kilometer Wüste.

Schon von Weitem waren die Rauchwolken zu sehen. Schwarzer Qualm verdunkelte den Himmel über Baghdad, als wir die westlichen Stadtteile erreichten. Hier hatte offenbar eine Panzerschlacht stattgefunden. Zwischen den ausgebrannten Wracks der T-72 waren junge Männer zu sehen, die Büromöbel, Baustahl, eine Leiter, einen Kühlschrank und andere Beute aus einer nahegelegenen Fabrik abschleppten. Die meisten Plünderer trugen die Kalaschnikow über der Schulter. Das Fabrikgebäude stand in Flammen, es stank nach verschmortem Kunststoff.

Auch im Stadtzentrum waren amerikanische Soldaten nur an wenigen strategischen Punkten zu sehen. Wir bezogen unser Quartier im Norden Baghdads, in einem vorwiegend christlichen Wohngebiet. Auch dort wurde nach Einbruch der Dunkelheit heftig geschossen. Offenbar versuchten bewaffnete Räuber, in die von Plünderern bisher verschonten Viertel einzudringen - Bürgerwehren verteidigten ihren Besitz mit Maschinenpistolen.

Im riesigen Slum von "Revolutions-Stadt" (bis zum Sturz des Regimes unter dem Namen "Saddam-City" bekannt) gingen die Schießereien auch am hellichten Tag weiter. Man hatte uns eindringlich gewarnt, die Gegend zu betreten. Kurz nach unserem Eintreffen im "Ibn al Balady"-Kinderkrankenhaus begann unmittelbar vor dem Eingang ein Feuergefecht. Nach etwa einer Viertelstunde gelang es den schwerbewaffneten Krankenhaus-Wächtern, die Angreifer fürs Erste in die Flucht zu schlagen.

Drinnen entschuldigte man sich bei uns für die entstandenen Unannehmlichkeiten. Rund 30 Ärzte hatten durch den Krieg hindurch den Betrieb in der 320-Betten-Klinik aufrechterhalten. Nun waren die Medikamenten-Vorräte ebenso erschöpft wie das Krankenhauspersonal. Es fehlte an Schmerzmitteln ebenso wie an medizinischen Apparaten und Ersatzteilen. Die sanitären Verhältnisse waren katastrophal, weil durch den wochenlangen Stromausfall die Abwasser-Pumpen nicht funktionierten. In der Halle drängten sich die Menschen - fast 800 kleine Patienten wurden an diesem einen Tag zur ambulanten Behandlung gebracht.

Ein Rundgang durch die spartanisch eingerichteten Stationen zeigte das ganze Ausmaß der Not: Durch Bombensplitter verletzte Kinder für die kein Verbandsmaterial mehr da war. Unterernährte Säuglinge ohne Kanülen für die lebensrettende Infusion. Ein zweijähriges Mädchen, das im Sterben lag, weil es an einem Beatmungsgerät fehlte. Und immer dabei die verzweifelten Mütter und Väter, stumme Blicke.

Die Einigung mit der Klinikleitung war schnell herbeigeführt: Cap Anamur übernimmt bis auf Weiteres die Ausstattung des "Ibn al Balady"-Krankenhauses. Schon am nächsten Tag konnten erste, dringend benötigte Medikamente geliefert werden. Erst später erfuhren wir: Es war der erste Hilfstransport mit Medizin aus Deutschland, der Baghdad seit Kriegsende erreicht hat. Wir haben uns verpflichtet.

Unsere Ärzte, Techniker und Pfleger werden ihren tapferen irakischen Kollegen zur Seite stehen, solange das nötig ist. Zumindest, bis das staatliche Gesundheitssystem wieder arbeitet. Oder die UNO diese Rolle übernimmt. Oder ein anderes Wunder geschieht.