Kenia: Shangilia Mtoto wa Afrika

Artikelinfo
Datum: 
05.04.2006
Autor: 
Doerthe Beer

Morgens um fünf in Shangilia: 150 Kinder wachen auf, sausen in die neu renovierten Waschräume, suchen ihre Sachen zusammen, frühstücken und machen sich fertig für die Schule. Die nächsten zwei Stunden sind voller Leben. Die einen machen sich auf den Weg, um in benachbarte Tagesschulen zu gehen, ein Bus bringt die älteren in eine weiterführende Schule am anderen Ende der Stadt. Die kleineren Kinder, bis zur fünften Klasse, gehen im Projekt selbst zur Schule, sie machen sich fertig für die Morgenparade.

Bei der Parade, die immer von einem Lehrer begleitet wird, sprechen die Kinder über Tagespläne, über Dinge, die gut oder schlecht gelaufen sind, sie singen und begrüßen den neuen Tag. Die kleinsten (2 bis 5 Jahre) werden anschließend von zwei Vorschulerzieherinnen in Baby- und Nurseryclass, der kenianischen Kindergartenform, begrüßt und lernen auf spielerische Art Lieder, Tänze, aber auch Buchstaben und Zahlen kennen. Die restlichen Kinder verteilen sich in die Klassen und gehen dem normalen Lehrplan nach. Die Pausen sind laut und sehr lebendig, um 12:00 Uhr gibt es Essen und um 15:00 Uhr ist der Unterricht vorbei. 

An manchen Tagen gibt es an den Nachmittagen verschiedene Angebote. Die Kinder können sich entscheiden, ob sie mehr über Tiere und Natur erfahren, bei den Pfadfindern sein, malen, Theater spielen oder Handarbeiten lernen wollen. Oder: alle zusammen nehmen an einer Diskussion teil, deren Thema vorher auf einer Tafel angekündigt wird. Letzte Woche haben wir mit größter Ernsthaftigkeit besprochen, ob man lieber als Angestellter oder doch lieber selbständig arbeiten möchte. Das sind wunderbare Momente, in denen die Fantasie aller gefragt ist, Meinungen gebildet und Gemeinschaft gefördert wird. Für die sportliche Betätigung kommen wahlweise ein Akrobatik- oder ein Taekwondolehrer, eine Tanz- und Gesangslehrerin in die Schule und manchmal übernehmen auch schon mal die erfahrenen Schüler das Training der Kinder. Bis 17:00 Uhr werden Flugrollen, Spagat, Ausdauer, Balance und Geschicklichkeit geübt. Die Kinder können sich austoben, sich messen, Körperbezug aufbauen und Spaß haben. Ist der Sportunterricht vorbei wird sich gewaschen und das Abendessen vorbereitet. 

Nach und nach kommen die Schüler aus den anderen Schulen zurück. Schuluniformen werden abgelegt, es wird über den Tag gesprochen, gegessen und im Anschluss daran werden Hausaufgaben gemacht. Für die Kleinen ist der Tag dann auch schon fast vorbei. Die Kinderfrau, die von allen Mama genannt wird, badet die ca. 20 Kleinen, zieht sie um und bringt sie nacheinander ins Bett. Im hintersten Schlafsaal kehrt Ruhe ein. Die anderen Schulkinder gehen spätestens um 22:00 Uhr in die Schlafräume. Es dauert eine Weile bis alle in ihren Betten sind, doch dann senkt sich eine am Tag noch unvorstellbare Stille über Shangilia - Kinder und Mitarbeiter schöpfen Kraft für einen neuen Tag. 

Seit fast vier Monaten arbeiten wir als Cap Anamur Mitarbeiter mittlerweile in und mit Shangilia. Das Straßenkinderprojekt liegt in Kangemi einem Slumgebiet im Westen Nairobis und bietet derzeit 230 Kindern ein Zuhause. 150 Kinder wohnen innerhalb des Projektes, die anderen 80 Kinder besuchen Internate und kommen nur in den Ferien, das heißt in Kenia dreimal im Jahr für einen Monat, zurück. Shangilia besteht aus einem Heim, einer Schule und einem Theater- und Akrobatikprogramm. Diese besondere Mischung macht das Projekt einzigartig und zu einem besonderen Zuhause für die Kinder. Ein solches Projekt am Laufen und am Leben zu erhalten setzt den vollen Einsatz aller Mitarbeiter voraus. Für 230 Kind zu sorgen ist eine sehr große Herausforderung und es erfordert viel Zeit und Energie, um die Kinder zu ernähren, zu kleiden, eine Schule und eben ein Zuhause zu organisieren. Der Schule und dem Unterricht muss größte Aufmerksamkeit geschenkt werden, da die Leistungen der Schüler sehr unterschiedlich sind, je nachdem wann die Kinder nach Shangilia gekommen sind und wie ihr familiärer und sozialer Hintergrund ist. Es arbeiten Sozialarbeiter im Projekt, die sich den Kindern widmen, ihre Fälle jeweils einzeln dokumentieren und die Herkunft der Kinder zurück verfolgen, den Kontakt zu eventuell vorhandenen Verwandten aufrecht erhalten und psychologische Betreuung bieten. Der Blick ist dabei immer auch in die Zukunft gerichtet und auf den Moment, in dem die Kinder nach abgeschlossener Ausbildung ein selbständiges Leben führen sollen, in das wir sie bestmöglichst begleiten wollen. 

Wir als Cap Anamur Mitarbeiter arbeiten an all diesen inhaltlichen und strukturellen Prozessen mit. Die Aufgaben, vor denen wir stehen sind sehr vielfältig. Die Schule muss sich Veränderungen anpassen. Wir wollen versuchen die Organisation des Projektes zu optimieren, die Schwerpunkte der schulischen Ausbildung neu zu bedenken und zu strukturieren. Die Gebäude des Projektes müssen dringend renoviert werden. Die Kinder brauchen mehr Platz und die hygienische und medizinische Versorgung muss verbessert werden. Bei all diesen Aufgaben arbeiten wir Hand in Hand mit den Mitarbeitern vor Ort. Was alle verbindet, ist der Wunsch, Shangilia zu einem immer besseren Ort zu machen und an Mängeln zu arbeiten, um auch in Zukunft Kindern ein Zuhause bieten zu können. Wir sind uns bewusst und erleben es täglich, dass das Problem der Straßenkinder, der Waisen, der, die kein Zuhause haben, in nächster Zeit hier in Nairobi noch drängender werden wird.