Das Ende der Gefangenschaft der Kosovaren

Artikelinfo
Datum: 
12.06.2002
Autor: 
Rupert Neudeck

Am 13. Juni 1999 ging Cap Anamur mit seinen Kosovo-Flüchtlingen aus dem albanischen Kukes wieder zurück in den Kosovo. Also vor genau drei Jahren haben wir den 7015 Kosovo-Flüchtlingen in unserem Camp in Gostil gesagt, daß sie ihre Zelte einpacken und alles, was ihnen von Cap Anamur gegeben wurde, mitnehmen dürfen. Mit großem Enthusiasmus machten sich alle daran zu packen. Als am 12. Juni deutsche Bundeswehrsoldaten durch die albanisch-kosovarische Grenzstadt Kukes kamen, wollten einige aus Dankbarkeit die schweren deutschen Panzer berühren.

Am Morgen des 13. Juni machten wir uns auf zur Grenze, um in den Kosovo zu fahren, was ich meiner Familie nicht sagen durfte, weil tags zuvor zwei deutsche Reporter vom "Stern" ermordet worden waren, als sie auf dem Weg von Prishtina nach Prizren waren - einen Tag zu früh. Dennoch ließen wir uns nicht davon abbringen, in den Grenzort Morina zu fahren. Die Bundeswehr hielt uns kurz zurück, weil sie noch einmal einen gepanzerten Wagen über die Straße nach Prizren schickte, um uns dann mitzuteilen, daß der Weg frei sei. Wir fuhren unter Tränen der eigenen Mitarbeiter los über Zur nach Prizren.

Unsere Mitarbeiter Nedim Goletic aus Deutschland und der kosovarische Mitarbeiter Zeka waren bei uns, ebenfalls Agim von "Mutter Theresa". Wir hatten seit dem 24. März zweieinhalb Monate ausgehalten, zumeist hausend und schlafend in Zelten mitten in unserem Flüchtlingslager. Wir hatten uns absichtlich mit unserem Zelt in die Mitte des Lagers begeben, weil die Flüchtlinge sich dadurch sicherer fühlten. Mitten im Lager hatten wir ein großes weißes Laken aufgehängt, auf dem in großen Buchstaben stand: Mire e Pawshim ne Kosoves - Auf Wiedersehen im Kosovo!

In Prizren war noch eine gemischte Stimmung. Wir besuchten das Haus des Arztes und Vaters von Bujar Bukoshi (Dr. Bujar Bukoshi - ehemaliger Ministerpräsident der Republik Kosova); wir besuchten Freunde, die uns etwas zu essen gaben. Wir sollten diese Tage und Wochen der babylonischen Gefangenschaft der Kosovaren nicht so schnell vergessen, weder in Deutschland noch im Kosovo. Ich werde nicht vergessen, daß 850.000 Kosovaren in ihre zerstörten Heimatdörfer zurückkehrten und sich nicht eine Stunde davon abhalten ließen.

Heute ist das Land Kosova in einem großen Umbruch. Cap Anamur hat die 58,2 Mio. DM, die uns die deutschen Spender anvertraut haben, so nützlich ausgegeben, daß uns die Menschen an jeder Straßenecke noch immer wieder sagen: Faliminderit sum! "Danke sehr!" Jetzt hat das Land eine Regierung, einen Premierminister, einen aktiven Parlamentspräsidenten, einen Präsidenten namens Ibrahim Rugova. Es wird die Rückkehr der Flüchtlinge vorbereitet. Es werden die ersten Wirtschaftsprojekte beraten. Es bewegt sich was im Kosovo. Auch Cap Anamur ist in so guter Erinnerung, daß wir uns vorstellen können, noch einmal für die Rückkehr der Flüchtlinge etwas zu tun.