LIBANON | Ein neues Projekt für syrische Bürgerkriegsflüchtlinge

Artikelinfo
Datum: 
14.09.2016
Autor: 
Office Cap Anamur

Offiziell leben 4,3 Millionen Libanesen in ihrem Geburtsland, das noch nicht einmal halb so viel Fläche hat wie Bayern. Darüber hinaus leben seit mehr als 60 Jahren eine halbe Million Palästinenser in ihren Camps – und nun, seit einigen Jahren, auch syrische Flüchtlinge. Genaue Zahlen, wie viele es sind, gibt es nicht. Doch zu den rund 1,2 Millionen offiziell registrierte Syrern kommt eine Dunkelziffer von bis zu 500.000. Das bedeutet, etwa die Hälfte der derzeitigen Population besteht aus Flüchtlingen.

„Es ist erstaunlich, wie dieses kleine präsidentenlose Land diese großen Probleme stemmt“, berichtet Volker Rath, unser Logistiker vor Ort. „Ein Land, das momentan nur über den Flughafen in Beirut zu erreichen und zu verlassen ist, denn die südliche Grenze zum Erzfeind Israel ist geschlossen und die östliche und nördliche Seite führt in das kriegsumkämpfte Syrien.“

LEBANON | A new project for Syrian Civil War refugees

Officially, 4.3 million Lebanese live in Lebanon, a country about half the size of Bavaria. For over 60 years, half a million Palestinians have also been living in camps in the country - and starting a few years ago, Syrian refugees also live here. There are no figures on exactly how many are here but there are thought to be another 500,000 on top of the 1.2 million officially registered Syrians. This means that around half of Lebanon's population are refugees.

"It is unbelievable how this small country without a president is stemming these major problems", says Volker Rath, our logistics expert in Lebanon. "This is a country where currently the only entry and exit point is Beirut airport, as it southern border with its archenemy Israel is closed and to the north and east, it shares a border with war-torn Syria."

An der Grenze der Belastbarkeit

Selbstverständlich sind die Auswirkungen dieser Situation vielerorts spürbar: Die gesamte Logistik des Landes arbeitet an der Grenze ihrer Belastbarkeit. Die Müllbeseitigung kann wegen mangelnder Fahrzeuge beziehungsweise Instandhaltung die Mengen nicht mehr transportieren, die Wasserversorgung ist knapp, Strom wird überwiegend über private Generatoren produziert und die Kapazitäten in den Gesundheitsstationen, Krankenhäusern und Schulen reichen bei Weitem nicht aus.

Insbesondere in den sozialen Bereichen mangelt es an Fachpersonal. Hinzu kommt, dass durch die Vielzahl der jetzt zur Verfügung stehenden Tagesarbeiter der Lohn enorm gesunken ist: Hat ein syrischer Wanderarbeiter vor zehn Jahren noch 18 US-Dollar am Tag verdient, bekommt er heute nur noch knappe sieben US-Dollar. Dieser Verfall ist nicht nur mit dem Überangebot an ungelernten Arbeitskräften, sondern auch mit den abgeschnittenen Transportwegen durch Syrien zu begründen. Denn der Export libanesischer Güter über die Straßenwege steht faktisch still.

At the limits of endurance

Understandably, the consequences of this situation can be felt in many locations. The country's logistics system is at absolute capacity. Garbage collection is no longer possible due to a lack of vehicles, water is in short supply, most of the electricity is being produced by private generators, and the capacity of health centers, hospitals and schools is nowhere near sufficient. There is also a particular lack of trained staff in the social sectors.

Meanwhile, wages have fallen considerably due to the high number of day-laborers. If a Syrian foreign worker earned $18 a day ten years ago, today he will earn just $7. This situation is not simply caused by the oversupply of unskilled labor, it is also due to the transport routes through Syria being cut off - the export of Lebanese goods via road is practically at a standstill.

Siedlungen übers Land verstreut

Ein Großteil der syrischen Flüchtlinge lebt in der Bekaa-Ebene, einer Hochebene im Osten des Landes. Andre ziehen es vor, sich irgendwo im Land eine zumeist schlecht bezahlte Arbeit zu suchen, um ihre Familien versorgen zu können. Gemeinsam ist ihnen der Wunsch, möglichst bald wieder zurück in ihr Heimatland kehren zu können.

Zudem gibt es unzählige sogenannte settlements, Siedlungen, die über das ganze Land verteilt sind und meist an den Stadträndern liegen. „Hier leben bis zu 200 Familien, an anderer Stelle sind es nur fünf“, beschreibt Volker Rath die Situation. „Einige dieser Menschen wohnen in nicht fertig gestellten Rohbauten, andere in Zelten oder Hütten. Manche von ihnen zahlen Mieten zwischen 100 und 200 US-Dollar an die libanesischen Eigentümer, bei anderen springt das Flüchtlingswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) ein. Einige Siedlungen werden von mobilen Kliniken besucht, andere nicht. Manchmal gibt es Verpflegungsrationen oder Hygiene-Kits von Hilfsorganisationen, öfters jedoch nicht. Einige Männer und leider auch Kinder haben manchmal eine Arbeit, die meisten aber nicht.“

Settlements scattered across the country

A large number of the Syrian refugees live in the Bekaa Valley, a plateau in the east of the country. Others have chosen to move to areas where that may at least find a badly paid job so that they can look after their families. One wish they all share is to return to their homes as quickly as possible.

There are also countless settlements scattered across the country, mostly on the edges of towns. "Up to 200 families can live in one settlement, with just five in another", Volker Rath explains. "Some of these people live in unfinished buildings, others in tents or shacks. Some pay Lebanese landlords between $100 and $200 in rent, while others are housed by the United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR). Certain settlements are visited by mobile clinics, others are not. Sometimes, charities distribute ration packs or hygiene kits, but not always. Some men, and unfortunately also children, have work, although most do not."

Hilfe reicht nicht aus

Dennoch scheint auf den ersten Blick die Hilfe für die syrischen Flüchtlinge relativ gut organisiert zu sein. In vielen Gesundheitseinrichtungen gibt es eine international organisierte finanzielle Unterstützung. Durch die UNHCR-Krankenversicherung sind in der Regel die schweren medizinischen Fälle versorgt und es gibt ein offizielles Ausbildungsprogramm für syrische Kinder an den Nachmittagen. Das Problem: Die Kapazitäten reichen nicht aus. Außerdem gibt es sehr, sehr viele Menschen, denen schlicht das Geld für den Transport zu den Hospitälern oder Schulen fehlt. Ein öffentlich organisiertes Transportwesen gibt es in diesem Land nicht und vor allem: Diese Menschen sind nicht ausreichend informiert oder können sich nicht durchsetzen, um diese Hilfen in Anspruch zu nehmen.

Genau an diesem Punkt setzt unser neues Projekt im Libanon an: Wir sorgen dafür, dass diese Menschen die gebotene Hilfe auch in Anspruch nehmen können.

Aid is not enough

As first glance, aid for Syrian refugees seems to be relatively well organized. Many health centers receive international financial assistance. The most urgent medical cases are usually covered by UNHCR health insurance and an officially-run education program for children takes places in the afternoons. The problem is that capacity of these services does not meet demand. Furthermore, there are just so many people that simply do not have enough money to pay for transportation to hospital or school. The country lacks a public transport system, but above all, people are under-informed or are unable to take advantage of the assistance available.

It is precisely this problem that our new project in Lebanon aims to address. We are working on making sure people are able to take advantage of the help that is on offer to them.

Unser Projekt im Libanon

Im Großraum um Sidon, der viertgrößten Stadt des Landes, gibt es sehr viele der beschriebenen Siedlungen. Der prozentuale Anteil der Flüchtlinge liegt in dieser Region im Süden des Libanons bei über 50 Prozent. Denn viele Syrer sind bereits vor etlichen Jahren wegen der zahlreichen Obst- und Gemüseplantagen hierhergekommen. Mit Ausbruch des Krieges sind mehr und mehr von ihnen geblieben und haben ihre Familien nachgeholt. Aufgrund der hohen Anzahl der Hilfesuchenden ist der Arbeitsmarkt mit Arbeitern überflutet worden. Dementsprechend ist die dortige Wohnsituation katastrophal. Es fehlt an allem.

So haben wir im ersten Schritt Siedlungen identifiziert, die keine oder nur selten Hilfe erhalten haben. „Wir werden vor Ort für die Menschen da sein, sie nicht verwalten“, sagt Volker Rath. „Wir organisieren den Transport in die medizinischen Einrichtungen, in das Labor, manchmal in die Krankenhäuser. Wir reichen den Menschen unsere Hand und verhandeln mit den Ärzten und Verwaltungen, wenn es um Eingriffe geht, die von der UNHCR-Versicherung abgedeckt sein sollten. Wir helfen den Menschen, nicht abgewiesen zu werden und versuchen diese unerträgliche Situation etwas erträglicher zu gestalten.“

Our project in Lebanon

In the metropolitan area around Sidon, the fourth largest city in the country, there are huge numbers of settlements. The proportion of refugees in this southern region of Lebanon is over 50 percent. As many Syrians emigrated to the area decades ago because of the numerous fruit and vegetable plantations, when the war broke out in Syria, more and more chose to stay and brought their families to join them. The high proportion of people requiring assistance has flooded the job market with workers. As a result, the housing situation here is abysmal. There are shortages of everything.

Our first step was to identify settlements that were not receiving any or very little aid. "We will be there for these people, and not just administer", Volker Rath says. "We organize transportation to medical centers, laboratories, sometimes to hospital. We are reaching out to these people and negotiate with doctors and administrators when surgery is needed that is not covered by UNHCR insurance. We prevent people from being cast aside and try to make this intolerable situation a little more tolerable."

Momentan ermöglichen wir monatlich rund 1.000 ärztliche Konsultationen sowie die dann erforderlichen Zusatzleistungen, medizinischen Behandlungen und notwendigen Medikamente für die Syrer, Palästinenser und auch für die sozial schwache libanesische Bevölkerung. Das gelingt und mit einem sehr geringen Personalaufwand: Unser lokales Team besteht derzeit aus drei Mitarbeitern. Darüber hinaus organisieren wir kleine Reparaturen in den Siedlungen. Dabei geht es meist um Wasserpumpen oder Geräte für die Müllbeseitigung, um die hygienische Situation zu verbessern und Krankheiten vorzubeugen.

Bemerkenswert an diesem Land ist die historisch gewachsene, gegenseitige religiöse Akzeptanz und die Gelassenheit aller Menschen, diese schwierige Situation so gut wie möglich zu bewältigen.

Wir bitten Sie, uns bei diesem Projekt zu unterstützen. Jede Spende hilft.

At the moment, we make around 1,000 doctors' consultations a month possible in addition to the necessary auxiliary services, medical treatment and much-needed medicines for Syrians, Palestinians and socially-deprived Lebanese population. This is all achieved despite having only a few members of staff - our local team currently consists of three colleagues. Furthermore, we arrange for small repairs to be made in the settlements - most often on water pumps or waste disposal devices in order to improve hygiene and prevent diseases.

Particularly noteworthy about this country is the long-standing mutual religious tolerance and the quiet manner in which everybody tries to cope with the difficult situation as best as they can.

We ask you to support us with this project. Every donation helps.