Zur Situation in Liberia

Artikelinfo
Datum: 
21.07.2003
Quelle: 
Deutschlandfunk

Liminski: Nachrichten aus Afrika sind seit einiger Zeit in der Regel Horror-Nachrichten: Aids, Krieg, Kindersoldaten, Flüchtlingsmassaker. Der neueste Brandherd heißt Liberia. Gerade aus Liberia zurück ist Elias Bierdel, Chef der Hilfsorganisation Cap Anamur. Er ist jetzt ins Studio gekommen. Guten Morgen, Herr Bierdel.

Bierdel: Guten Morgen, Herr Liminski.

Liminski: Herr Bierdel, Rebellen und Regierungssoldaten haben sich am Wochenende in der Hauptstadt dieses westafrikanischen Staates, in Monrovia, erbitterte Kämpfe geliefert. Kaum jemand schaut bei der Gemengung der Gefechtslage durch. Können Sie uns sagen, worum es geht, wie die einzelnen Gefechtsparteien einzuordnen sind?

Bierdel: Hier könnte man jetzt ein ganz großes, umfangreiches historisches Blatt aufmachen. Das ersparen wir uns. Ganz kurz gesagt: Es ist der gegenwärtige Präsident Charles Taylor, der selbst einst als Rebellenführer über die Grenze gekommen ist, vor wenigen Jahren erst, mit 150 Mann aus dem Nachbarland Elfenbeinküste, der sich jetzt als ein aberwitziger Operettenpräsident etabliert hat, umgeben von seinen ehemaligen Rebellen, wüst gewandeten Gesellen, meist unter Drogen stehend, darunter viele Kindersoldaten, die jetzt aber die regulären Truppen des Landes darstellen. Das nur noch einmal so zur Einschätzung. Dagegen stehen nun neue Rebellengruppen, die sich im Norden des Landes und an der Grenze zur Elfenbeinküste gebildet haben, unter ihnen vor allen Dingen zwei große Gruppierungen: die "Lurd" zum einen, man sagt, mit Unterstützung der Amerikaner. Das weiß keiner so ganz genau. Zum anderen eine relativ neue Gruppierung, die "Model" heißt. Das sind vor allen Dingen aus bestimmten Ethnien stammende Kämpfer, die auch schon in den Kämpfen der vergangenen Jahre eine Rolle gespielt haben, als die entsprechenden Kämpfe in Guyana stattfanden, in der ganzen Region Westafrika. Im Augenblick jedenfalls diese Situation: Taylor und seine Truppen versuchen, die Küstenregion zu halten, vor allen Dingen die jetzt von Flüchtlingen überfüllte Hauptstadt Monrovia, um die Rebellen der Lurd eben vor allen Dingen aus der Stadt zu halten, denn ihnen ist es jetzt in den letzten Wochen mehrfach gelungen, bis in die Stadt vorzudringen. Es gab heftige Kämpfe und Hunderte Tote, und den neuesten Vorstoß an diesem Wochenende, eben wieder in die Hafen-Region hinein, wieder mit heftigen Kämpfen. Es sieht fast so aus, als könnte Monrovia kurz vor dem Fall stehen.

Liminski: Was für eine Rolle spielen die Bodenschätze? Herr Bierdel, sie sind ja meist der Anlass dafür, dass ausländische Mächte sich einmischen, natürlich auch im Namen der Menschenrechte.

Bierdel: Das ist leider so. Natürlich. In der Region ist es weniger das Öl, hier sind es vor allen Dingen Diamanten, die gefunden worden sind. Wir kennen ja den Ausdruck der "Blutdiamanten", die vor allem im Nachbarland Sierra Leone eine ganz große Rolle gespielt haben. Der Vorzug von Diamanten, aus der Sicht solcher Führer wie Charles Taylor, ist, dass man ganz leicht in einem kleinen Beutelchen - kaum eine Hand groß - Millionenwerte zusammenraffen kann. Das hat Charles Taylor auch erheblich getan. Er soll ein Privatvermögen innerhalb der jetzt gerade einmal sechs Jahre Amtszeit, die er hinter sich hat, zusammengerafft haben im Volumen von etwa vier bis fünf Milliarden Dollar.

Liminski: In einem Bericht aus Kapstadt heute Morgen auf diesem Sender haben wir auch erfahren, dass es vor den Küsten Westafrikas jede Menge Öl gibt, und zwar schwefelfreies, das leichte Öl, das keine aufwändige Raffinerie braucht, und dass die USA in Westafrika eine Alternative zu dem Reservoir am politisch labilen Golf aufbauen. Haben Sie Beobachtungen gemacht, die in diese Richtung weisen?

Bierdel: Nein. Natürlich spielt gerade diese Region, gerade Liberia eine ganz große Rolle für die Amerikaner. Sie haben tiefe historische Verbindungen. Dies ist ja eine Staatengründung, die älteste Republik Afrikas aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Eine Gründung ehemaliger in die Sklaverei verschleppter, dann wieder freigelassener Menschen aus Afrika, die man dort angesiedelt hat und die ihren eigenen Staat dort gründen konnten. Diese historische Verbindung gibt es auch immer noch. Die liberianische Flagge sieht genau so aus wie die amerikanische, aber mit nur einem Stern an Stelle der vielen. Gleichzeitig sind die Amerikaner dort immer präsent gewesen. Sie haben dort über viele Jahre ihr CIA-Hauptquartier für den ganzen Kontinent gehabt. Auch heute noch spielen sie eine große Rolle. Sie sind aber abgezogen. Natürlich haben sie strategische Interessen und schielen immer auch aufs Öl. Im Augenblick aber ist es noch nicht so weit. Dies sind strategische Fragen, die für die nächsten Jahrzehnte in Frage kämen. Im Augenblick ist Öl dort - gottlob, möchte man beinahe sagen - noch nicht im Spiel.

Liminski: Wer kann denn in dieser Lage überhaupt Frieden bringen? Die USA, die Uno, oder vielleicht auch die Ecowas, die westafrikanische Staatengemeinschaft?

Bierdel: Es ziehen sich ja jetzt die Verhandlungen angesichts dieses jetzt fünfzehnjährigen Bürgerkrieges in der Region unerträglich lange hin, bis zuletzt jetzt noch in diese Tage hinein, jetzt noch in Akra, also in Ghana, wo man versucht hat, die Parteien zu einer Einigung zu bringen, zu einer friedlichen Lösung. Am Ende wird es nur mit Gewalt irgendwie gehen. Charles Taylor ist angeklagt vor einem UN-Kriegsverbrechertribunal wegen seiner abscheulichen Verbrechen und wegen seiner Einmischung in die Nachbarländer. Die Amerikaner haben aber erklärt, dass sie erst dann mit einer Eingreiftruppe kommen würden, wenn Charles Taylor das Land verlassen hat. Charles Taylor aber sagt: Ich gehe erst, wenn die Truppe da ist. Das besonders Fatale ist, in diesem Falle hat der Diktator, hat der Potentat in Liberia eigentlich Recht. Wenn Taylor ginge, bevor klar geregelt ist, wer denn dann das Sagen haben soll, würde ein grauenhaftes Chaos ausbrechen. Stellen Sie sich vor: Die Stadt Monrovia ist auf das Dreifache ihres Volumens angeschwollen. Völlig verzweifelte Flüchtlinge befinden sich jetzt dort, 46.000 davon alleine im Stadion, viele, viele Tausende in allen anderen öffentlichen Gebäuden. Wir haben in der vergangenen Woche dort ein Hilfsschiff hinbekommen. Wir haben ein bisschen Nahrungsmittel bringen können. Wir haben Plastikplanen gebracht, denn die Menschen in Westafrika sind dort jetzt in der Regenzeit völlig ohne Schutz. In all diesem Chaos, wenn jetzt auch noch die Restordnung zusammenbricht, bevor eine Truppe hineinkommt, müsste man das Allerschlimmste befürchten. Die Amerikaner sind von allen Seiten anerkannt, die Amerikaner sind auch militärisch in der Region präsent, sie könnten leicht diesen Schritt gehen. Warum sie es bis heute nicht getan haben, kann ich nicht nachvollziehen.

Liminski: Gibt es auch Erwartungen an Europa, an die EU?

Bierdel: Europa spielt dort im Moment keine große Rolle. In den Nachbarländern sehr wohl. Sie wissen, in der Elfenbeinküste auf Grund der Tradition, der Geschichte, der kolonialen Geschichte ist Frankreich dort sehr stark und tut schon, was es kann. Auf der anderen Seite, in Sierra Leone, sind es die Engländer, die dort eine gute Rolle spielen. Da ist aber im Augenblick auch die Uno mit 12.500 Soldaten vertreten, mit einer sehr großen Mission mit Erfolg. Hier geht es darum, dass ein neues Mandat für die eigene afrikanische Eingreiftruppe schon da ist unter nigerianischer Führung. Die Nigerianer wollen auch kommen, sagen sie, aber sie haben es noch nicht getan. Jetzt läuft die Zeit weg, die Menschen hungern, es wird gekämpft in der Stadt, und wir fragen uns alle, wann es denn endlich so weit sein solle.

Liminski: Zu der humanitären Lage. Sie haben eben einige Informationen erzählt, was Sie dort tun. Sie sind vor Ort. Was können denn Hilfswerke wie Cap Anamur noch tun? Werden Sie in Ihrer Arbeit behindert?

Bierdel: Die Verhältnisse sind ganz grauenhaft - unübersichtlich und gefährlich. Wir sind ja letzte Woche mit dem Schiff in den Hafen reingekommen, der eigentlich wochenlang umkämpft war, wo kein Schiff anlegen konnte. Jetzt am Wochenende ist es wieder soweit, dass man nicht mehr anlanden kann. Wir versuchen, einen Pendelverkehr einzurichten, um die nötigsten Hilfsgüter, darunter auch Nahrungsmittel wie Reis, bestimmte Basismedizin oder einfache Dinge wie Plastikplanen in dieses Land zu bringen. Das ist möglicherweise in den nächsten Tagen wieder gar nicht möglich. Wir hoffen darauf, es bald zu tun. Wir haben im Augenblick ein dreiköpfiges Team dort am Boden. Zu diesem Team haben wir über die letzten Stunden der Nacht keinen Kontakt mehr gehabt. Das beunruhigt mich sehr. Ich hoffe, dass es im Laufe dieses Tages möglich sein wird, eine Verbindung aufzubauen, denn es ist in der Tat ein sehr, sehr gefährlicher Einsatz.

Liminski: Ist nur der Seeweg möglich als Verbindung?

Bierdel: Der Flughafen ist ebenfalls offen. Nun ist es so, dass dies zum einen ein sehr viel teurerer Transportweg ist, wenn man Dinge hineinbringen möchte. Außerdem kann man durch die Luft keine großen Volumina transportieren. Das ist dann maximal ein Transport von vierzig Tonnen oder ähnlichem. Wir haben deshalb den Seeweg ausprobiert. Natürlich: Wenn das nicht gehen sollte, müsste man versuchen, am Flughafen zu landen. Die Lage dort ist aber so ungewiss. Es gibt eigentlich keine Alternative als einen raschen internationalen Einsatz, nach Möglichkeit unter amerikanischer Führung. Wie gesagt, zur Stunde bleibt er noch aus, und man fragt sich: Worauf warten sie eigentlich noch?

Liminski: Das war Elias Bierdel, Chef von Cap Anamur, gerade aus Liberia zurück. Besten Dank für das Gespräch.

Bierdel: Ich danke Ihnen auch.


Hinweis: Siehe auch Artikel
 "Das lange Warten auf Charlyman"