Vertrauen der Menschen in Friedensprozess stärken

Artikelinfo
Datum: 
14.11.2003
Quelle: 
Deutschlandfunk

Elke Durak: Liberia, Sierra Leone, Guinea, Elfenbeinküste - kurz: Westafrika: War da nicht was? Ja, das gab es Bürgerkriege, vor allem mordend durch die Länder ziehende Kindersoldaten, Hunger, Unmenschlichkeit jeglicher Art, Vertreibung, Millionen von Flüchtlingen ohne woher, ohne wohin. Mühsam, wir erinnern uns, hatte sich die internationale Weltgemeinschaft für ihren Hinterhof interessiert und letztlich die UNO bemüht, Friedenstruppen und Vermittler geschickt, in der Hoffnung, das Elend aufzuhalten. Was aber ist erreicht? Diese Frage stellen sich Hilfsorganisationen wie Cap Anamur und zwar nicht nur von Deutschland aus, wie wir wissen. Der Vorsitzende von Cap Anamur, Elias Bierdel, war bis gestern in den Ländern unterwegs mit wachen Augen und Ohren. Ihr Bild heute, Herr Bierdel, gab es oder gibt es dies immer noch?

Elias Bierdel: Nein, das Elend ist immer noch ganz unvorstellbar groß. Es gibt schlimme Verwüstungen durch die vielen Jahre, teilweise Jahrzehnte des Bürgerkriegs, der Metzeleien, die sich ja auch zu uns herumgesprochen haben. Verwüstung, die man in den Straßen in unendlichen Ruinen und großen Flüchtlingsansammlungen sieht. Wenn Sie jetzt etwa Liberia nehmen, dort ist die Hauptstadt Monrovia noch immer völlig überflutet, überlaufen von Menschen. Hunderttausende sind dort und diese Stadt ist ja bekanntlich seit Jahrzehnten ohne Strom und richtige Wasserversorgung, Sie können sich denken, dass es schon zum Teil eine sehr verzweifelte Lage ist. Dabei ist es geblieben, vielleicht schlimmer noch die Verwüstung in den Menschen, das, was dieser Krieg, was sie dort ertragen aber auch mitgemacht haben, bei ihnen angerichtet hat.

Durak: Empfinden die Flüchtlinge und diejenigen, die sich in den großen Städten aufhalten, überhaupt dass jetzt so etwas wie Frieden sein soll?

Bierdel: Für sie hat sich zunächst mal nicht viel geändert. Wenn Sie beim Beispiel Liberia bleiben, dann sind das Menschen, die zum Teil eben seit vielen Jahren auf der Flucht sind, die von einem Lager zum anderen ziehen und jetzt letzten Endes in der Hauptstadt angekommen sind. Im Moment hat das Schießen aufgehört, das ist auf jeden Fall gut, das bemerken sie auch. Die Versorgung ist relativ leicht herzustellen, es sind große Kontingente der UNO und anderer Organisationen dort, das bezieht sich auf Monrovia und die unmittelbare Umgebung. Wenn sie aber hinausgehen in die Provinzen, was wir mit Cap Anamur auch tun, dann sieht es schon ganz anders aus und man stellt fest, dass weite Teile des Landes völlig unkontrolliert sind und die Frage, ob sich Menschen dorthin zurücktrauen können, ist weiterhin offen.

Durak: Es ist gesagt worden, dass Flüchtlinge in Liberia von Rebellen zu Sklavenarbeit getrieben und missbraucht werden. Haben Sie davon etwas gesehen und gehört?

Bierdel: Nein, das ist ja nun eine sagen wir mal gängige Praxis über viele Jahre in diesem Teil Afrikas. Dort werden Kinder, Jugendliche verschleppt, die Mädchen häufig zur Prostitution oder allerlei häuslichen Diensten gezwungen und Jungen werden an der Waffe ausgebildet. Das beginnt dann häufig damit, dass sie zunächst einmal in ihrem Dorf eigene Familien- oder Stammesangehörige exekutieren müssen und von da an sind sie sozusagen für ein normales Leben verloren, dann sind sie Kämpfer geworden. Die Frage, was mit diesen nun passieren soll ist zum Beispiel eine sehr entscheidende für diese Gegend. Es gibt ein Programm, DDR heißt das, in diesem Fall Disarmament, Demobilization and Reconciliation, also Entwaffnung, Entmobilisierung der Einheiten und dann auch Versöhnung. Aber es ist noch unklar, wer sich diesem Programm unterwerfen wird. Wir wissen, dass es große Einheiten der sogenannten Taylorboys, der früheren Regierungsarmee, das sind ja ebenfalls Mordmilizen gewesen, im Busch irgendwo verstecken. Sie sind bis an die Zähne bewaffnet und ganz schlecht versorgt. Das ist zumindest mal ein Zeichen, das nicht allzu gut ist.

Durak: Das heißt, Sie sind schlecht versorgt, sie besorgen sich, was sie brauchen?

Bierdel: Das sind sie so gewohnt. Es gab nichts Mächtigeres auf der Welt als diese Taylorboys mit ihren Waffen, die einfach rumgezogen sind und sich nahmen, was sie haben wollten.

Durak: Wenn wir also von Ihnen hören, Cap Anamur ist dort, was heißt das konkret, wie viele Menschen arbeiten für Sie dort, was tun sie dort, mit wem arbeiten sie zusammen, was können sie leisten, was nicht?

Bierdel: Wir haben im Juni noch zu Zeiten das andauernden Bürgerkrieges begonnen, dort eine Notversorgung mit Schiffen aus dem Nachbarland aufzunehmen, aus Sierra Leone heraus. Das konnten wir jetzt verstärken, nun wollen wir aber mit einem richtigen medizinischen Team die Arbeit in der Provinz aufnehmen. Ein sehr interessantes Projekt ist das für uns, denn dies ist eine ehemals deutsche Kolonie sozusagen, der größte Arbeitgeber in Liberia über viele Jahre hinweg, bis dann 1990 im Zeichen des Bürgerkrieges alles zum erliegen kam. Die Deutschen haben dort einen sehr guten Ruf und man hat mit sehr großer Freude, aber auch mit ungeheuren Erwartungen nun die Rückkehr von deutschen Ärzten in das dortige Krankenhaus beobachtet. Wir haben im Augenblick zwei Deutsche dort, die zusammen mit einem 29-köpfigen Einheimischenteam, wir schicken aber noch in den nächsten Wochen weitere Ärzte und Techniker dorthin, versuchen, sehr schnell sehr viel zu erreichen, denn wir wissen, es geht jetzt darum, diese Karte zu spielen und zu gewinnen, nämlich ein Vertrauen in einen Friedensprozess hier zu bestärken, Menschen zur Rückkehr zu bewegen, dann aber auch dafür zu sorgen, dass die ganze Sache funktioniert. Das wird nicht einfach.

Durak: Wenn Sie sagen, Sie schicken Ärzte mit medizinischem Gerät und Medikamenten dorthin, das fällt ja nicht vom Himmel. Auch Cap Anamur muss sich das besorgen, das heißt über Spenden. Nun nähern wir uns ja doch ziemlich rasch Weihnachten und wir wissen, dass die Deutschen im Prinzip um Weihnachten herum doch ihre Spendenbereitschaft stärker entdeckt haben als sonst, das Herz ist weiter. Nun haben wir in Deutschland wirtschaftlich nicht so gute Zeiten und die Taschen werden zugehalten. Wie ist denn der Eindruck für Ihre Organisation, deutet sich so etwas an, wie ein Weihnachtsgang in die Spenden oder nicht?

Bierdel: Es gilt auch für uns, dass wir um diese Zeit herum die meisten Spenden erhalten von hunderttausenden einfachen Menschen in Deutschland, die die Arbeit von Cap Anamur unterstützen wollen. Wir haben ja keinerlei staatliche Mittel in unserer Organisation, das wollen wir auch nicht im Interesse unserer Unabhängigkeit. Nun haben viele aus anderen Organisationen über einen Spendenrückgang in diesem Jahr geklagt, bis zu 20, 30 Prozent soll der betragen. Das können wir nicht bestätigen, das heißt, die Menschen unterstützen unsere Arbeit jedenfalls mit unverminderter Wucht und das kann man hier mal sagen: die Deutschen tun das seit vielen Jahren als Spendenweltmeister und das ist ja nun immerhin auch ein Titel, den man diesem Volk mal gerne anhängen kann.

Durak: Sie sprachen von den Taylorboys. Nun haben wir gehört, dass der Präsident der USA so etwas wie ein Kopfgeld ausgesetzt hat auf Taylor und man fragt sich, wieso, wenn man doch genau weiß, wo in Nigeria dieser Taylor sitzt.

Bierdel: Das ist ein Spiel, das wirklich schwer zu durchschauen ist. Wir haben es im Juni erlebt und es war so, dass die Nigerianer im Grunde den Weg frei gemacht haben, indem sie diesen furchtbaren Diktator und Operettenkönig Charles Taylor dort in ihrem Land Asyl angeboten haben. Er ist dann gottseidank gegangen und hat damit auch den Weg freigemacht für die UNO und jetzt wird nachgekartet, jetzt plötzlich wird ein Kopfgeld von Zwei Millionen Dollar ausgesetzt. Taylor lebt im Augenblick im Südosten des Landes, das ist bekannt, in einem kleinen Städtchen und wird dort heftig bewacht. Die Nigerianer verwahren sich gegen diese Einmischung und fühlen sich bei dieser ganzen Aktion geleimt und ich verstehe, warum. Man fragt sich, warum das jetzt auch öffentlich so gespielt wird. Sicherlich, Charles Taylor sollte eines Tages, das wünschen sich ganz viele Menschen dort, vor einem der internationalen Strafgerichte erscheinen, die es in der Region gibt, die dort arbeiten und begonnen haben, die schrecklichen Morde der letzten Jahre und Jahrzehnte aufzuarbeiten. Aber ob dies ein geschickter Schachzug ist in der Region, die durchaus weiterhin labil ist, möchte ich bezweifeln.

Durak: Der Vorsitzende von Cap Anamur, Elias Bierdel, vielen Dank für das Gespräch.