Psychosoziales Projekt in Liberia: Auf der Suche nach Normalität

Artikelinfo
Datum: 
26.03.2004
Autor: 
Daniel Drexler
Quelle: 
Deutsches Ärzteblatt Ausgabe 13
Ein paar Monate nach dem offiziellen Ende des 14-jährigen Bürgerkrieges startet Cap Anamur deutsche Not-Ärzte e.V. im November 2003 ein humanitäres Hilfsprojekt in Liberia - und ich bin dabei. Stützpunkt und Einsatzgebiet ist "Bong Mines", eine ehemalige deutsche Eisenerzmine im afrikanischen Regenwald. Nahezu alles ist zerstört und geplündert. Nur die Kirche und das Krankenhaus stehen noch und sind während der Jahre nur wenig geplündert worden. Die Einwohner von Bong Town hatten die beiden Einrichtungen während des Krieges mit viel Mut verteidigt und sogar ein "community-watch-team" gegründet.

Ein psychosoziales Projekt in Afrika, wie sieht so etwas aus, macht es Sinn, lässt es sich realisieren? Nun ja, ich bin ein "Psycho", ein angehender Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, aber ich hatte nie geplant, Kinder "auf die Couch zu legen"- schon gar nicht in Afrika. Vorgesehen ist ein Projekt, das Möglichkeiten und Hilfsmittel für die Kinder von Bong Town anbietet und nach dem Bürgerkrieg wieder etwas Normalität einkehren lässt.

Aber was ist schon für ein 10-jähriges Kind nach einem 14 Jahre dauernden Bürgerkrieg normal? Nachdem ich am ersten Weihnachtsfeiertag wieder mal von Gewehrschüssen aufgeschreckt werde, höre ich von einer Jugendlichen: "Wenn sie wütend sind, schießen sie, und wenn sie sich freuen, schießen sie. Wie soll man da wissen, woran man ist." Gemeint waren die ehemaligen Rebellen, die ja Mitglieder dieser Dorfgemeinschaft sind und ihre Waffen noch nicht abgegeben haben. Alle warten auf die UN-Truppen, die die Entwaffnung organisieren und durchführen sollen. Wie könnte man Resignation und Hilflosigkeit besser ausdrücken? Manche Eltern haben Angst, ihre Kinder in die Schule zu schicken, weil es in der Vergangenheit passierte, dass Rebellen Kinder aus der Schule entführten und für ihre Truppen rekrutierten.

Anfangs war vor allem unsere Präsenz für die Einwohner wichtig. Wir gaben ihnen das Gefühl, nicht vergessen worden zu sein. Nach und nach motivierten wir die Menschen, ihre eigenen Ressourcen wieder einzusetzen. Wir leisteten Hilfe zur Selbsthilfe und motivierten zum Wiederaufbau. Dem Bauern besorgten wir Saatgut für sein Feld, dem Lehrer ein Stück Kreide, und die Schulklasse freute sich über den Fußball, auf den sie schon so lange gewartet hatte und für den sie das Fußballfeld gepflegt hatte. Dabei war es nicht so einfach, einen Bauern zu überzeugen, sein Feld zu bestellen, nachdem dies in den letzten zehn Jahren immer wieder von Rebellen zerstört oder geplündert worden war.

Es fehlte den Menschen die "langweilige Normalität", also der Alltag, der in unserer Gesellschaft vielen Menschen Schwierigkeiten bereitet. Normalität - dazu gehört auch, dass die Schulkinder in der Schule sitzen können, ohne sich ständig wegen der äußerst lästigen Ameisen überall kratzen zu müssen, oder auch in der Regenzeit in der Schule bleiben können, weil das Dach einigermaßen dicht ist. Wenn diese Basis stimmt, wenn wieder etwas "Normalität" eingekehrt ist, dann kann man auch mit den Kindern arbeiten.

Erst etwas später konnten wir uns der kreativen Arbeit mit den Kindern und Lehrern widmen. Mit einer einheimischen Lehrerin gingen wir in einzelne Grundschulklassen und ließen die Kinder einfach zeichnen. So blieb uns viel Zeit für Beobachtungen, und wir bekamen allmählich ein Gespür dafür, was die Kinder an Unterstützung und Hilfe brauchten. Anschließend regten wir eine Übung an, die wir "drawing hands" nannten: Jedes Kind sollte die Umrisse seiner Hand so malen, wie es ihm gefiel, und dann ausschneiden. Am Ende durfte jeder sein Kunstwerk auf das gemeinsame Plakat aufkleben - ein kleines Projekt, das aber viel Gemeinschaftsgeist und Aktivitäten erfordert und trotzdem das Individuum stark berücksichtigt.

Die Kinder hier brauchen Zeit, keine kurzfristigen Psycho-Trauma-Projekte, sie brauchen das, was in unserer Welt für viele so langweilig und "alltäglich" ist. Erst wenn dies wieder etwas gewährleistet ist, kann man sich der Traumaarbeit zuwenden. Aber eigentlich ist man dann ja schon mitten drin.