"Glückliche Augen" für den deutschen Arzt

Artikelinfo
Datum: 
09.03.2005
Autor: 
Robin Fehrenbach
Quelle: 
WZ

St. Tönis. Rudolf Lohmeyer hat im westafrikanischen Liberia ein sechsmonatiges Abenteuer mit allen Höhen und Tiefen erlebt. Der St. Töniser Chirurg machte sich kurz nach Beendigung eines 14 Jahre herrschenden Bürgerkrieges per Flugzeug von Brüssel aus auf den Weg nach Bong Mine.

"Bong Mine ist ein kleines Städtchen, in dem Erzabbau von einer deutschen Firma betrieben wurde. Der lange Krieg hat fast alles zerstört", berichtet Dr. Lohmeyer.

Das Ziel des 62-Jährigen war, in Bong Mine im Auftrag und mit Hilfe der Kölner Hilfsorganisation Cap Anamur die Chirurgie und Medizin in dem von Aufständischen völlig zerstörten Krankenhaus wieder aufzubauen. "Ich leiste gerne Entwicklungsdienst. Etwas Vergleichbares habe ich auch schon in Tansania gemacht", sagt Lohmeyer.

In Liberia fand er Patienten vor, die am Boden kauernd an der Wand fest gekettet waren. Medikamente, deren Haltbarkeitsdatum längst vorbei war. Der Chirurg versuchte so schnell wie möglich, das Hospital wieder funktionstüchtig zu machen, so dass überhaupt an eine Behandlung von Verwundeten zu denken war.

Unterstützt haben ihn dabei zwei einheimische Ärzte, eine OP-Schwester sowie ein Apotheker. Später war Lohmeyer mit seinem Team dann in der Lage, Operationen vorzunehmen. "Wir haben eine Ambulanz und eine stationäre Behandlung eingerichtet. Am Ende haben wir in einer sterilen Umgebung sechs, sieben Operationen am Tag gehabt", erzählt der Chirurg stolz.

Das Rettungsschiff Cap Anamur spielte beim Wiederaufbau in Bong Mine eine zentrale Rolle. Es lieferte Medikamente, medizinische Geräte und Infusionen in den Hafen der Hauptstadt Monrovia. All das wurde dringend benötigt, da beispielsweise auch zwei große stationäre Röntgengeräte im Krieg zerstört wurden.

Dieser Bürgerkrieg begann damit, dass sich die verschiedenen Stämme gegen die Amerikanisierung auflehnten, die die Nachfahren der ehemaligen Sklaven Amerikas nach Liberia brachten. Genau diese Stämme vertrauten Rudolf Lohmeyer rasch.

"Die Menschen in Liberia sind sehr nett. Ich konnte eine Nähe, eine Kommunikation zu diesen bettelarmen Menschen herstellen", sagt der Arzt. Der St. Töniser hat sich auf Englisch mit seinen Patienten unterhalten und spricht von "glücklichen Augen", als die Wunden und Krankheiten heilten.

Auf der anderen Seite hat Lohmeyer aber auch immer wieder viel menschliches Elend gesehen. "Die Kindersoldaten, kleine Mädchen und Jungen mit Waffe in der Hand, waren mit das Schlimmste. Denen fehlt jede Erziehung, jede Ethik", berichtet der 62-Jährige.

Auch als Arzt wurde er mit schlimmen Situationen konfrontiert. So musste er mehrmals Leistenbrüche operieren, die die Menschen jahrelang quälten. Auch die Begegnung mit einer verzweifelten Mutter hat dem Chirurgen zugesetzt. "Sie hatte zwei Kinder, eines war extrem dürr, das andere halbwegs normal vom Gewicht. Weil die Familie so arm war, hat sie sich entschieden, wenigstens ein Kind durchzubringen", berichtet ein entsetzter Lohmeyer.

Das emotionale Auf und Ab begleitete den Chirurgen während seines gesamten Aufenthaltes in Liberia. Er sei jeden Morgen gelaufen und habe so einen Eindruck von der wunderschönen Landschaft gewonnen, von 20 Meter hohen Bäumen, schillernden Farben, rauschendem Wasser und sanften Hügeln. Als das Abenteuer für Rudolf Lohmeyer vorüber war, hatte das Hospital schon etwa 70 Betten.

"Ich konnte Bong Mine mit gutem Gewissen verlassen. Wir alle haben einen deutlichen Fortschritt gemacht", sagt der St. Töniser jetzt nach der Rückkehr.

Dr. Rudolf Lohmeyer ist morgen, 10. März, um 19.30 Uhr im evangelischen Gemeindezentrum an der Hülser Straße in St. Tönis zu Gast. Dort wird er einen Vortrag über seine Erfahrungen und Arbeit in Liberia halten. Dabei wird er auch von einem Rebellenüberfall erzählen, der sich nachts ereignete. Lohmeyer wird auch viele beeindruckende Fotos zeigen. Eine anschließende Diskussion ist eingeplant.