Buchpreise? Hier gibt es ja nicht mal Buchläden

Artikelinfo
Datum: 
12.10.2009
Autor: 
Volker Weidermann
Quelle: 
FAZ.net

Was machen Sie in Liberia?

Ich bin hier seit November letzten Jahres und arbeite für Cap Anamur, eine deutsche NGO, die hier ein psychiatrisches Krankenhaus betreibt. Es ist das einzige Mental Health Hospital in Liberia. Psychiatrie ist hier ein sehr schwieriges Gebiet, es ist für Spenden nicht gerade attraktiv, und die meisten schrecken davor zurück. Außer Cap Anamur gibt es nur noch eine Organisation, die Psychopharmaka zur Verfügung stellt. Die Patienten kommen von überallher, oft in Ketten, da sie manchmal in Kirchen oder von traditionellen Heilern "behandelt" werden. Während des Krieges waren die Kirchen der einzige Ort, wo psychisch Kranke untergebracht wurden, und auch jetzt sind psychische Erkrankungen extrem stigmatisiert.

Wie kamen Sie dorthin? Was war der Anlass für Ihr Engagement?


Ganz am Anfang wollte ich eine Recherche über den NGO-Betrieb machen, aber dann habe ich beschlossen, eine längere Auszeit zu nehmen, auch eine Pause vom Schreiben.

Sie stehen mit Ihrem Buch "Lichtjahre entfernt" auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Wie wirkt die Vorberichterstattung dazu aus liberischer Sicht?

Davon bekomme ich eigentlich nicht viel mit. Das Internet ist so unberechenbar und langsam, und ich habe auch so viel zu tun, dass ich kaum Zeit habe, mich damit zu beschäftigen. Das Buch ist ja erst kurz vor meiner Abfahrt nach Liberia fertig geworden, und ich habe fast das Gefühl, es geht so seinen eigenen Weg ohne mich, was auch ganz schön ist. Die Eindrücke sind hier so intensiv und überwältigend, dass das Buch in weite Ferne gerückt ist.

Gibt es in Liberia Buchpreise?


Nein. Es gibt ja noch nicht mal Buchläden. Hier in Monrovia, der Hauptstadt, gibt es keinen einzigen normalen Buchladen, wo man neue Bücher kaufen kann. Es gibt ein paar "Buchhandlungen" auf der Straße, wo dann uralte Medizinlehrbücher, vergilbte Romane und religiöse Broschüren aufgestapelt sind. Von Gegenwartsliteratur keine Spur. Die Bücher kommen hier als Beiladungen mit Containern. Für das Krankenhaus haben wir einen ganzen Stapel von einem Händler gekauft, für fünf liberianische Dollar (= fünf Cent) pro Buch, und da waren dann einige kostbare Schätze dabei, Bücher von Updike, Fitzgerald oder Borges. Die Patienten interessieren sich aber nicht so dafür. Am populärsten ist das Buch über Manchester United, das schon ein paar Mal verschwunden, dann aber wieder aufgetaucht ist. Aber viele Patienten können auch gar nicht lesen, was aber zum Teil auch an den Nebenwirkungen der Psychopharmaka liegt.

Haben Sie Kontakt zu liberischen Schriftstellern?


Leider nicht. Ich habe am Anfang versucht, Zugang zur Kunstszene zu bekommen, aber es gibt sie nicht oder sie operiert hier im Geheimen. Es gibt kaum kulturelle Veranstaltungen. Kein Kino, kein Theater, von Oper oder Museen ganz zu schweigen. Aktuelles Kino heißt hier die chinesischen Raubkopien, die man für fünf Dollar kaufen kann. Wenn man Kultur haben will, muss man sich das selbst organisieren.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Ich bin die meiste Zeit im Krankenhaus. Das Krankenhaus sieht nicht gerade wie eine typische Psychiatrie aus. Die Patienten spazieren im Freien zwischen den verschiedenen Gebäuden herum, gekocht wird auf offenen Feuerstellen mit Kohle, und die Security muss manchmal mit anpacken, wenn ein Patient "ruhiggestellt" werden muss. Wir haben ein Haustier, so eine Art Reh, das "Soup" genannt wird, weil einige Patienten es eigentlich lieber essen würden. Die schwierigsten Patienten sind die, die aus den USA kommen oder aus Europa. Immer wieder landen Leute bei uns, die aus den USA abgeschoben worden sind. Neulich hatten wir einen Patienten, der mit zwei großen Felsbrocken auf die Windschutzscheibe von unserem Pick-up losgegangen ist, er war in den USA wegen wiederholten "Fehlverhaltens" langfristig inhaftiert, mittlerweile haben wir ihn entlassen, aber ich mache mir jetzt etwas Sorgen, weil er mit seinem Vater nach Guinea gegangen ist, wo er mit seiner provokanten Art mit dem Militärregime bestimmt in Schwierigkeiten gerät.

Freitags fahren wir ins Gefängnis, das Central Prison Monrovia. Das sind achthundert Häftlinge, und davon nur siebzig rechtskräftig verurteilt, die anderen warten oft Jahre auf ihr Verfahren und haben kaum eine Chance herauszukommen, wenn die Familie kein Geld hat. Zwei Häftlinge haben wir da jetzt herausbekommen und behandeln sie im Krankenhaus. Die eine ist eine Paranoid-Schizophrene, die aus den USA abgeschoben worden ist, und die andere ein junges Mädchen aus dem Landesinneren, das im Zuge einer Postpartum psychosis ihr neugeborenes Kind in den Sumpf geworfen hat. Die Leute aus der NGO-Community denken, dass es bei uns vorwiegend Ex-Krieger und Ex-Kindersoldaten gibt, aber es sind vorwiegend ganz "normale" Fälle.

Schreiben Sie auch, oder kommen Sie da gar nicht zu?


Zum Schreiben komme ich nicht, wobei ich das auch gar nicht versuche. Es ist für mich eine Auszeit und, so komisch es klingt, auch eine Erholung vom Schreiben, eine Art (Arbeits-)Kur, die ich hier mache. Poetische Momente sind manchmal die eigenartig postapokalyptische Atmosphäre in der Stadt mit den zahllosen Ruinen, ausgebrannten oder nicht fertig gebauten Häusern, die Werbeaufschriften auf den aus Europa stammenden Autos. Der ehemalige Bandbus der Band "Käpt'n Glück", den ich immer mal wieder mit Kohle und Fahrgästen beladen vorbeifahren sehe oder den verkrüppelt wirkenden Lastwagen mit der Aufschrift "Sportpferde". Unser indischer Apotheker fährt einen Kleinlaster, der in der Schweiz Bio-Fleisch transportiert hat und jetzt Haldol und Phenobarbiton zu uns bringt.

Kommen Sie zur Buchmesse?

Ich komme kurz zur Buchmesse, und es ist schön, ein paar Tage Pause zu machen, in Deutschland zu sein, fließendes Wasser zu haben, Strom, keinen Generatorlärm und einfach so durch die Stadt zu laufen und ein Weißer unter vielen zu sein.