Liberia: Berichte aus Monrovia

Artikelinfo
Datum: 
23.10.2007
Autor: 
Bernd Göken

Nach jahrelangem Bürgerkrieg ist Hoffnung nach Liberia zurückgekehrt und mit ihr ein Neubeginn. Das Land befindet sich langsam im Aufbau. Es geht nur schleppend aufwärts, denn die Menschen brauchen Zeit die schrecklichen Erlebnisse und Kriegstraumata zu verarbeiten.

Für die seelischen Folgen gibt es wenig Hilfe. CAP ANAMUR betreut seit 2003 die erste und lange einzige psychiatrische Klinik in Liberia. Psychisch kranke Menschen werden in weiten Teilen der Welt ausgegrenzt oder von selbst ernannten Heilern in menschenunwürdigen Verhältnissen untergebracht. Wie Elisabeth: Die erst 14 jährige wurde in einer dieser Einrichtungen angekettet und bis auf die Knochen abgemagert aufgefunden. Sie war auffällig geworden und in dieses Heim abgeschoben. Unsere Schwestern und Pfleger haben sie liebevoll betreut und langsam wieder aufgepäppelt. Sprechen tut sie noch nicht, aber sie hat einige Kilo zugenommen und fängt gerade wieder an zu laufen.

In diesem sogenannten Heim wurde Elisabeth neben ca. zwanzig anderen Menschen wie ein Tier gehalten. Es gab keine Betten, die Kranken mussten 24 Stunden angekettet auf dem völlig verdreckten Boden sitzen und schlafen. Zu essen gab es wenig, medizinische Versorgung oder Medikamente keine, beten war die einzige Therapie.

James aus Nigeria wurde von seiner Familie ausgewählt, um nach Europa zu gehen. Er sollte dort Geld verdienen, um so die bettelarme Familie zu unterstützen. Viele scheitern auf ihrem langen Weg und schaffen es nicht bis zum Mittelmeer. James kam nur bis Liberia. In allen Ländern entlang der Route nach Europa findet man diese Gestrandete, die jede Zuversicht verloren haben. James versuchte in Monrovia Geld für die Weiterreise zu verdienen. Er schaffte es nicht, hoffnungslos kam er in Kontakt mit der Drogenszene. Durch den exzessiven Konsum entwickelte er eine Psychose.

Vor etwa einem Jahr wurde er von der Polizei in die Psychiatrie eingeliefert. Es geht ihm wieder gut und eigentlich gilt er als geheilt. Er könnte nach Nigeria zurück, doch nach Hause kann James nicht, er schämt sich vor seiner Familie, er hat seiner Meinung nach versagt. In Liberia ist und bleibt er ein Fremder. Ein Schicksal das viele junge Männer auf dem Kontinent teilen. Das Hospital ist für ihn zu einem Zuhause geworden.

Der 24 jährige John ist ein Opfer des Bürgerkrieges, als Kind war er von Rebellen entführt und zum Töten ausgebildet worden. Jahrelang streifte er als Kindersoldat durch den Busch. Während ich mit ihm spreche, zieht ein Gewitter über Monrovia mit heftigen Blitzen und Donner. Plötzlich springt er auf und rennt wild durch die Räume, schreit, stürmt nach draußen in den starken Regen. Ich frage mich, was dieser junge Mensch wohl schon alles erlebt hat. Nur mühsam können die Mitarbeiter ihn wieder beruhigen. Der Pfleger erzählt mir, dass so etwas öfters passiert. Gerade bei besonderen Ereignissen, wenn er aufgeregt ist, reicht ein kleiner Auslöser und bei John kommen die schrecklichen Erlebnisse wieder hoch.

Robert ist ein fahrender Händler in der Hauptstadt, viele kennen ihn und seinen Karren. Auch er greift oft zu Drogen. Seine Eltern berichteten, dass er immer merkwürdiger wurde. Als er eines Tages dann alle Kleider von sich warf und durch die Straßen rannte, brachte sie ihn ins Mental Health Hospital. Seine Mutter hatte erst kurz zuvor von unserer Klinik gehört. Ein Glück für Robert, denn oft werden die Kranken in Kirchen oder Einrichtungen, wie oben beschrieben, geschleppt. Dort soll der Teufel ausgetrieben werden, in Ketten und dunklen Räumen. Robert kam zu uns, hier wurde ihm schnell geholfen und nach wenigen Wochen konnte er wieder zu seiner Familie. Als unser Mitarbeiter Rüdiger Asmus Robert nach Hause bringt ist bei allen die Freude groß. Nachbarn und Freunde eilen herbei, Robert wird geherzt und umarmt, ein wunderschönes Bild. Rüdiger Asmus meint sichtlich bewegt, das sind die Momente, die ihn alle Unwägbarkeiten und Entbehrungen bei seiner Arbeit hier in Liberia vergessen lassen.