Das erste Jahr auf der großen Insel

Artikelinfo
Datum: 
12.06.2014
Autor: 
Office Cap Anamur

Cap Anamur unterstützt in Madagaskar an zwei Standorten die ländliche Bevölkerung im Bereich Gesundheitsversorgung. Im Südwesten ist das Team, bestehend aus Krankenschwester, Arzt und Techniker in der Region Atsimo Andrefana tätig. Dort unterstützen wir das Krankenhaus in Bezaha und fünf ländliche Gesundheitsstützpunkte medizinisch als auch technisch und verbessern damit die medizinische Versorgung von rund 65.000 Menschen.

Der mittelgroße Ort Bezaha liegt rund 700 km südlich von unserem zweiten Standort Fandriana in der sogenannten  „Zone Rouge“ (siehe unten: Hintergrund). Weil die Region trocken und wenig fruchtbar ist, fokussiert sich der Lebenssinn der Menschen überwiegend auf den Besitz von Zebu-Rindern. Das Leben hier ist wesentlich beschwerlicher als im so fruchtbaren Hochplateau Madagaskars.

Die von Cap Anamur unterstütze Einrichtung ist das Referenzkrankenhaus für den gesamten Bezirk und verfügt über seine einzige chirurgische Einrichtung. Unser Team wird neben der strukturellen Verbesserung der Chirurgie und Geburtsstation auch die Abteilungen für Innere Medizin und Pädiatrie wiederbeleben. Das Desinteresse und Missmanagement des Chefarztes sowie korrupte Mitarbeiter des Pflegepersonals haben die Situation in den vergangenen Jahren noch verschlimmert.

Neben der Beschaffung von notwendigen medizinischen Gütern und der praktischen Arbeit der Mediziner stehen vor allem der Wissensaustausch und die praxisorientierte Anleitung und Weiterbildung im Vordergrund. So konnten im vergangenen Jahr bereits große Fortschritte bei der Hygiene erreicht werden. Das Krankenhaus wird nun wesentlich häufiger aufgesucht als vor unserem Eintreffen. Insbesondere auf der chirurgischen Station liegen mittlerweile zahlreiche, zum Teil sehr schwer verletzte oder erkrankte Patienten, denen hier nun gut geholfen werden kann.

Mit gezielten baulichen Maßnahmen am Krankenhaus von Bezaha konnten die hygienischen Verhältnisse weiter verbessert und bauliche Missstände behoben werden. So wurde der Operationstrakt, der einzige im Umkreis von drei Fahrstunden, reorganisiert und renoviert. Zudem haben wir weitere Gebäude renoviert, neue Sanitäranlagen gebaut, die Apotheke baulich saniert und neu strukturiert sowie das Ambulanzfahrzeug wieder instand gesetzt.

Madagascar: The first year on the Great Island

Cap Anamur provides health care support for the rural population of Madagascar at two locations. In the Southwest the team, consisting of a nurse, a physician and a technician, works in the region Atsimo Andrefana. Here, we support the hospital in Bezaha and five rural health care stations medically and technically and thereby improve the medical care for approximately 65.000 people.

The medium-sized city Bezaha is located about 700 km south of our second facility in Fandriana, in the so-called “Zone Rouge” (see background information below). As the region is dry and not very fertile, the inhabitants of this region focus their lives mainly on owning Zebu cattle. In this area life is much more burdensome as compared to the very fertile high plateau of Madagascar. The institution supported by Cap Anamur is the referral hospital for the entire district and has its only surgical facility. Our team will implement structural improvements in the surgical- and birth wards and revive the departments for internal medicine and pediatrics. Disinterest and mismanagement on the part of the head of the hospital as well as corrupt employees among the care staff have even aggravated the situation in the past years.

Apart from purchasing the necessary medical goods and the hands-on efforts of the physicians, the focus is mainly on the exchange of knowledge and on practical further education and training. Thus, in the past year, significant improvements regarding hygiene could be implemented. The hospital is frequented more often than before our arrival. Especially the surgical ward is occupied with many patients, injured or ill, some of them seriously, who here can be helped very well.

Specific construction measures could further improve the hygienic situation, structural defects could be repaired. Thus, the operation room, the only one in the area within a three-hour drive, was reorganized and refurbished. In addition, we renovated other buildings, built new sanitary facilities, refurbished and reorganized the pharmacy and repaired the ambulance car.

Der zweite Standort befindet sich in der Landesmitte, in der Provinz Amoron´i Mania. Der Ort Fandriana ist etwa 6 Fahrstunden südlich von der Hauptstadt Antananarivo entfernt. Fandriana ist eine mittelgroße Stadt im zentralen fruchtbaren Hochland. Im Einzugsbereich unseres Krankenhauses leben etwa 100.000 Madegassen. Ziel des Projektes war die Inbetriebnahme einer operativen Einheit, auch in Hinblick auf die relativ gut funktionierende Geburtsstation, damit in Zukunft ein sicherer Kaiserschnitt durchgeführt werden kann.

Da es bisher kein Stationsgebäude für chirurgische Patienten gab, haben wir, auch mit der Unterstützung unseres Architekten Andreas Tsukalas aus dem Projekt in Bezaha ein neues Gebäude errichtet. Derzeit arbeiten wir an der Fertigstellung des chirurgischen Bettentraktes. Für einen reibungslosen Ablauf haben wir auch das Labor wieder in Betrieb genommen. Alle erforderlichen Geräte und die Einrichtung des OP-Blocks wurden bestellt und stehen seit Ende Mai zur Verfügung. Bis Ende Juni werden wir in Fandriana eine funktionelle chirurgische Abteilung aufgebaut haben. Damit gibt es für die rund 250.000 Einwohner des Distriktes eine Alternative zum Regionalkrankenhaus in Ambositra, welches für viele Patienten zu weit entfernt und auch zu teuer ist.

Unsere Ärzte vor Ort, Dr. Friederike Hunstig und Dr. Lothar Winkler, konnten bereits den Bereich der Sonografie einführen und wichtige Verbesserungen in der chirurgischen Abteilung umsetzten. In den kommenden Monaten werden wir gemeinsam mit dem einheimischen chirurgischen Personal den Operationsbetrieb aufbauen. Auch die Einrichtung einer Röntgenabteilung ist geplant, diese wird sich wegen der langen Lieferzeiten voraussichtlich bis Ende Juli realisieren lassen. Dann können auch orthopädische Interventionen durchgeführt werden. Es geht voran am Standort Fandriana.

The second site is located in the center of the island, in the province Amoron’I Mania. The city Fandriana is about six driving hours away from the capital Antananarivo. Fandriana is a medium-sized city in the central, fertile highlands. Approximately 100.000 Malagasies live in the catchment area of our hospital. The project was aimed at implementing a surgical unit, including a rather well functioning birth ward so that a competent caesarean section can be carried out in the future.

As there had not been a ward building for surgical patients we constructed a new building with the support of our architect Andreas Tsukalas from the project in Bezaha. At the moment we are working on the completion of the surgical inpatient ward. To ensure a smooth operation we also put the laboratory back into operation. The entire necessary equipment and the furnishing of the OR-unit were ordered and are available since the end of May. By the end of June we will have set up a functioning surgical ward in Fandriana. With this there now exists an alternative to the regional hospital in Ambositra for the 250.000 inhabitants of the district, which is too far away for many patients and also too expensive.

Our local physicians, Dr. Friederike Hunstig and Dr. Lothar Winkler already introduced the sonography and implemented important improvements in the surgical ward. In the months to come we will set up the operation service. In addition, the opening of an X-ray department is planned. This will most probably be completed by the end of July due to the long delivery times. Then, orthopedic operations can be performed. Things are progressing at the location in Fandriana.

Hintergrund

Im Februar wurden in Madagaskar relativ friedliche Wahlen abgehalten. Der neue Präsident hat einen nicht vorbelasteten Mediziner als Premierminister berufen, der parallel das Gesundheitsministerium leitet. In der Bevölkerung herrscht ein vorsichtig abwartender Optimismus – vermutlich, weil es ohnehin kaum schlechter werden kann – vor allem im Gesundheitsbereich. Das staatliche Gesundheitssystem ist theoretisch kostenlos, im Alltag jedoch werden die Patienten aber zur Kasse gebeten. Dieses komplizierte und korrupte System ist vor allem im Süden schwer zu durchschauen.

Die allgemeine Sicherheitslage scheint nach den Wahlen unverändert und ist recht stabil: Autofahren sollte man nach Einbruch der Dunkelheit nicht, denn die Straßen sind zum Teil nicht befestigt und liegen in vollkommener Dunkelheit. Etwas angespannter ist die Situation im Süden des Landes, in der sogenannten Zone Rouge, in der auch unser Projektstandort Bezaha liegt. Dieses Gebiet gilt als Sperrgebiet für Ausländer. Hier wurden bereits mehrfach Patienten mit schweren Schussverletzungen in unser Krankenhaus gebracht. In der Regel handelte es sich dabei um regionale Konflikte - denn hier ist der Rinderdiebstahl sehr verbreitet.

Background

In February, relatively peaceful elections were held in Madagascar. The new president has appointed a physician as Prime Minister who,  at the same time, is the head of the Ministry of Health. A cautious wait-and-see attitude prevails among the population – probably because things cannot get much worse – especially in the health care sector. The stately health care system is free, theoretically but in daily life patients have to pay. It is hard to see through this complicated and corrupt system, especially in the South.

The overall security situation seems to be unchanged and quite stable after the elections: Driving after dark is not advisable as the streets are partly not paved and are in total darkness. The situation is a bit more tense in the south of the country, in the so-called “Zone Rouge”, location of our project in Bezaha. This is a prohibited area for foreigners. Several times patients with severe wounds from gunshots were brought to our hospital. In most cases regional conflicts are the reason as cattle-rustling is quite common in this area.