CAP ANAMUR: Humanitäre Hilfe für die "am Ende der Pipeline"

Artikelinfo
Datum: 
07.09.2000
Quelle: 
Niedersächsisches Ärzteblatt haeverlag.de

Am 7. August 1979 stach ein alter Frachter in See - sein Ziel: Hilfe zu leisten für die vietnamesischen Flüchtlinge im südchinesischen Meer, die Tausende von "Boat-People". Sein Name: CAP ANAMUR. Zwischen 1979 und 1986 gelang es, mehr als 10 000 Menschen zu retten, zwischendurch - 1982 - mußte öffentlicher Protest von Prominenten wie Heinrich Böll, Alfred Biolek und anderen dafür sorgen, daß sich die Bundesregierung weiter zur Aufnahme der Flüchtlinge bereit erklärte. Die Rettungsaktion überzeugte, der Gründer des Not-Ärztekomitees, der Troisdorfer Journalist und Cap Anamur-Gründer Rupert Neudeck und seine Frau Christel wurden zu Symbolfiguren für die Umsetzung des massenhaftes Wunsches, Katastrophenhilfe rasch, effektiv und möglichst direkt zu leisten: Allein 20 Millionen DM hat die deutsche Bevölkerung für den Einsatz des Schiffes gespendet.

Heute, mehr als 20 Jahre nach seiner Gründung, ist Cap Anamur zu einer der effektivsten deutschen Hilfsorganisation geworden, nicht zuletzt, weil es an seinen ursprünglichen Prinzipien festgehalten hat: alle Projekte werden ausschließlich aus Spenden finanziert, ganze vier Mitarbeiter werden hauptamtlich beschäftigt, so daß der Verwaltungsanteil bei 4,8 Prozent der Gesamtausgaben liegt. Die Mitarbeiter - Ärzte, Krankenschwestern und -pfleger, Techniker und Logistiker - verpflichten sich für eine sechsmonatige Tätigkeit und verdienen 2 000 DM brutto. Das Mindestalter für die Teilnahme an einem Einsatz beträgt 25 Jahre, außerdem sind die Kenntnis einer Fremdsprache und eine dreijährige Berufserfahrung Voraussetzung.

Der Kinderchirurg Benno Ure (44), seit Anfang September Professor an der Kinderklinik der Medizinischen Hochschule Hannover, ist seit zwei Jahren Vorstandsvorsitzender der Organisation und war selbst für Cap Anamur in zwanzig Ländern der Erde im Einsatz. Er sieht in dem Sprung aus der einen (hiesigen) Welt in die andere kein Problem mehr, zu oft hat er diesen Schritt schon getan. Für ihn ist unsere hochtechnisierte Welt, an der er als Spezialist im Bereich der endoskopischen Kinderchirurgie teilhat, ebenso überzeugend wie die - unter z.T. primitiven Bedingungen verlaufenden - Hilfseinsätze in Katastrophengebieten. Er würde sich wünschen, daß aus dem Kreis der Kolleginnen und Kollegen größere Bereitschaft zu ehrenamtlicher Hilfe kommen würde. Er erinnert sich, daß im letzten Jahr, zur Zeit des Kosovo-Kriegs täglich zwischen 50 und 100 Anrufe von der Bevölkerung kamen, die "nur mitteilen wollten: Tut doch etwas, das hält doch keiner mehr aus!" - und sich in den ersten Wochen lediglich vier Ärzte für einen Hilfseinsatz gemeldet haben, von denen nur einer freigestellt worden ist. Das ist auch der Grund, warum eine Reihe von Projekten von der kurativen Hilfe auf Rehabilitierung umgestellt werden mußten, auf die Nahrungsmittelversorgung und technische Hilfe. In Nordkorea, wo Cap Anamur gegenwärtig fünf Krankenhäuser rehabilitiert, wurde schnell deutlich, daß durchaus ausreichend Mediziner - wenn auch auf einem rückständigen Ausbildungsstand - vorhanden sind, vor allem technische Aufrüstung nötig ist. Aber auch wenn dies geschieht, bleiben doch die substantiellen Lebensbedingungen, wie die dauerhafte Mangelversorgung der Bevölkerung das Hauptproblem. Deswegen hat Cap Anamur in den letzten drei Jahren allein 7,4 Millionen DM für Reis, Heizmaterial, Nahrungsmittel für Waisenhäuser und eben die Rehabilitation der Kliniken zur Verfügung gestellt.

Ure sagt selbst über seine Motivation, für Cap Anamur zu arbeiten: "Meine Initialzündung war eine unvorhergesehene Choleraepidemie. Ich war damals, das ist mehr als 15 Jahre her, noch junger Mediziner, und bin dann nach Afrika gegangen, nach Somalia, in ein Projekt, das eigentlich recht stabil war. Plötzlich ist eine große Choleraepidemie aufgetreten. Ich hab dann etwas tun können für Tausende von Menschen, wie ich es hier niemals hätte machen können". Das Schöne an dieser Arbeit sei, daß "am Ende der Pipeline, dort wo die sitzen, die sonst vergessen worden wären, wirklich etwas bewirkt wird".

Deshalb sei es nötig, daß ehrenamtliche Arbeit von Medizinern aufgewertet wird. Ure: "Wenn diese Arbeit wieder mehr Geltung bekommt, wenn anerkannt wird, daß das eine persönliche Bereicherung ist, daß das nicht ein halbes Jahr verlorene Lebenszeit ist, dann hätten wir viel bewegt. Auch für die, die die Möglichkeit bekommen, so etwas für sich zu erleben".