Es reicht nur noch für 250 Gramm Reis am Tag

Artikelinfo
Datum: 
23.07.2002
Autor: 
Rupert Neudeck
Quelle: 
Die Welt

Pjöngjang - Die Tangente, die das Land von der Hauptstadt Pjöngjang im Südwesten bis nach Kimchek im Nordosten durchzieht, ist eine staubige, abstürzende Sandpiste. Über malerische Gebirgszüge windet sie sich in quälenden Serpentinen bis in die äußerste Nordost-Provinz Nord-Hamyong. Diese Straße führt an vielen baufälligen Dörfern vorbei, in denen kaum noch Leben auszumachen ist. Die Fensterscheiben der Häuser und der Schulen sind nicht aus Glas, sondern aus Plastikfolie. Unterwegs haben sich Bauernfrauen am helllichten Tage mit ihren Bündeln am Straßenrand hingelegt und schlafen. Ein Lastwagen steht in der prallen Sonne, die Insassen schlafen auf dem Sandboden der Piste, weil es zu heiß ist.

Die Bewohner Nordkoreas sterben nicht in Massen, aber sie sind zu ausgehungert, um das harte Leben durchzuhalten. Bisher erhielten sie 300 Gramm rationierten Reis pro Tag, jetzt wurde die Ration ist auf 250 Gramm gedrosselt. Nach den Standards des Welternährungsprogramms braucht jeder Mensch etwa 700 Gramm pro Tag.

Im Stadion von Pjöngjang wird uns eine Farce als Kino vorgeführt. Rauschhafte, mit höchster Präzision vorgeführte, sogenannte Arirang-Spiele, in denen große Spruchweisheiten des großen Führers in der Stadionkurve auf farbigen Tafeln erscheinen. Zehntausende Schulkinder wechseln diese so zackig um, dass es den westlichen Beobachter beinahe verschreckt.

Außerhalb von Pjöngjang haben Elend und Entbehrung dramatische Mangelernährung zur Folge. Ein durchschnittlicher Siebenjähriger wiegt 15 Kilogramm und ist nur 105 Zentimeter groß - in Südkorea wiegt das gleiche Kind bei 125 Zentimetern Kind 26 Kilogramm. Im Stadthospital von Kimchek werden uns die unterernährten Kleinkinder vorgeführt. Wir halten den kleinen Jungen für einen Vierjährigen. Er ist aber schon sieben Jahre alt.

In Hamhung - mit 800 000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes - fahren wir an vielen Fabriken vorbei. Dort gab es in den sechziger Jahren eine Brigade von tausend jungen Deutschen aus der DDR, die Aufbauarbeit machten. Wir schauen in die Toreingänge der Metall- und Eisenverhüttungswerke, in das Kohlebergwerk, in die riesengroßen Hallen und Türme des Textilkombinats. Alle Werke liegen still, nichts bewegt sich, kein Rauch kommt aus den Schornsteinen. Aber die Arbeiter gehen dort hinein, putzen die Maschinen, richten die alten Propaganda-Votivtafeln und die Heiligengemälde von Kim il Sung her. Im Waisenhaus von Ohsin in der Nähe der Hafenstadt Nampo sind wir angemeldet. Kein Besuch in Nordkorea, der spontan gemacht werden kann. Keine Neugierde wird sofort befriedigt. 153 Waisenkinder in dem Heim, die Kinder sind jetzt in einem etwas besseren Zustand als vor einem Jahr, als noch sehr viele anämisch auf den Matratzen lagen. Viele bewegten sich damals kaum, manche vegetierten mit verdrehten Augen vor sich hin. Seitdem Cap Anamur Nahrungsmittel hierher liefert, funktioniert auch die Hygiene wieder. Die Helfer haben ein WC-Haus aufgebaut mit Kacheln, Zementfußboden und abwaschbarem Estrich, was es in dieser Güte in ganz Nampo nicht mehr gibt.

Woher kommen die vielen Waisenkinder? Es gibt eine offizielle und eine offiziöse Antwort. Die offizielle: Es passieren so viele Verkehrsunfälle, bei denen beide Elternteile sterben. Die offiziöse: Viele Eltern setzen ihre Kinder aus - was in diesem Land aber kaum möglich ist, denn alles ist streng überwacht. Ab von diesen Erklärungen könnte es aber auch ein Indiz dafür sein, dass man die Eltern in neue ökonomische Zonen oder Zwangsarbeits-Lager verfrachtete ihnen die Kinder zur linientreuen Erziehung weggenommen wurden.

In diesem Jahr fehlen in Nordkorea 430 000 Tonnen Reis. 300 000 Tonnen wollte Südkorea ursprünglich als humanitäre Hilfe schicken, doch wegen des Seegefechts vor der Küste zog Seoul seine humanitäre Hilfe zurück. Nordkorea kann sich - auch auf Dauer - nicht selbst ernähren. Es kann nur 19 Prozent seiner Böden bebauen, viele Flächen sind überbeansprucht und es fehlt an Maschinen. Überall im Lande müssen riesige Felder mit der Hand gemäht und geerntet werden.

Der Autor ist Vorsitzender von Cap Anamur und war zuletzt Mitte Juli in Nordkorea, wo die Hilfsorganisation seit 1997 tätig ist.

Korea in Zahlen

Als Folge des Zweiten Weltkrieges ist Korea in eine kommunistische Hälfte im Norden und in eine westlich orientierte Hälfte im Süden gespalten. 1948 wurde die Demokratische Volksrepublik Korea im Norden ausgerufen. Das Staatsgebiet Nordkoreas hat eine Fläche von 122 762 Quadratkilometer. Im Norden grenzt es an die Volksrepublik China, im Süden an die Republik Korea (Südkorea). In Nordkorea leben knapp 22 Millionen Menschen. Das Bevölkerungswachstum lag 2001 bei durchschnittlich 1,22 Prozent. Sprachen: Koreanisch, als Handelssprachen Chinesisch und Russisch. Die Analphabetenrate liegt unter 5 Prozent. Das Bruttosozialprodukt betrug 1998 je Einwohner weniger als 760 US-Dollar. Die Arbeitskraft beträgt 9,6 Millionen Menschen, wovon 64 Prozent in der Landwirtschaft arbeiten. 36 Prozent arbeiten in der Textil-, Chemie- oder Rüstungsindustrie, im Bergbau und in der Lebensmittelproduktion.