Neudeck bleibt Rufer gegen Unrecht

Artikelinfo
Datum: 
06.12.2002
Autor: 
Matthias Röder
Quelle: 
vista verde vistaverde.de

Köln (dpa) - Rupert Neudeck hat zwar sein Lebenswerk in die Hände eines Nachfolgers gelegt, aber seine Stimme will er weiterhin für die Verfolgten und Bedrängten erheben. Zusammen mit dem CDU- Politiker Norbert Blüm und dem Kölner Schriftsteller Günter Wallraff will der «Cap Anamur»-Gründer im nächsten Jahr die Welt auf der Suche nach Menschenrechts-Skandalen bereisen.

«Wir wollen einige andere Schweinereien in der Welt aufdecken», kündigte der 63-Jährige mit dem markanten grauen Bart am Freitag im WDR 2 an. «Mit eigenem Geld und eigenem Verstand» wolle das von ihm so genannte «Trio infernale» die Öffentlichkeit auf Missstände hinweisen.

Neudeck war 1979 bekannt geworden. Das Schicksal vietnamesischer Flüchtlinge hatte ihn nicht ruhen lassen, den «boat people» musste geholfen werden. Neudeck und der Schriftsteller Heinrich Böll baten um Unterstützung für die Menschen. Zunächst ging es nur um die Unterstützung eines französischen Rettungsschiffes. Doch schon wenig später charterte Neudeck selbst ein Schiff. «Cap Anamur» und die Folgeschiffe Cap Anamur II und III fischten in den folgenden Jahren mehr als 10.000 Schiffbrüchige aus dem Südchinesischen Meer.

Seitdem ist seine Organisation «Komitee Cap Anamur/Deutsche Not- Ärzte» ein Symbol für Menschlichkeit und schnelle, unbürokratische Hilfe. Von Troisdorf bei Bonn und später von Köln aus organisierten Neudeck und seine Frau Christel unzählige Einsätze: Sie schickten Ärzte, Schwestern und Techniker unter anderem nach Somalia, Äthiopien, Eritrea, Mosambik, Angola, Bosnien-Herzegowina, Kolumbien, Russland und Afghanistan. Der Kölner Hörfunkjournalist war seitdem mehr als 20 Jahre als Reisender in Sachen Elend, Hunger und Verfolgung unterwegs.

Neudeck, in Danzig geboren und im westfälischen Hagen aufgewachsen, kennt Entbehrungen auch aus dem eigenen Leben. Das Jurastudium brach er nach einem Semester ab, um sich mit 22 Jahren den Jesuiten anzuschließen. Dort soll der auch als eigensinnig beschriebene Mann die asketischen Übungen des Noviziats mit solcher Radikalität betrieben haben, dass er krank wurde und die Societas Jesu wieder verließ.

Anschließend studierte Neudeck in Bonn, Münster und Salzburg und promovierte 1972 über die «Politische Ethik bei Jean-Paul Sartre und Albert Camus». Ein persönliches Treffen 1979 mit Sartre in Paris beeinflusste Neudecks weiteres Leben: Dort erfuhr er vom Elend vietnamesischer Flüchtlinge.

«Beherzt und schnell helfen, ohne vorher einen Gutachter zu fragen» - das war und soll seine Devise bleiben. Gerade von der Zusammensetzung der Kleingruppe mit Blüm und Wallraff erhofft sich Neudeck einige Wirkung. Sie werde sowohl bei den politisch Rechten wie Linken Gehör finden können, dafür würden die Namen Blüm und Wallraff schon sorgen.

Neudeck hatte am Donnerstag den Vorsitz von «Cap Anamur» aus Altersgründen abgegeben. Sein Nachfolger ist Elias Bierdel (42), der unter anderem Südosteuropa-Korrespondent für den ARD-Hörfunk in Wien tätig war.