Das allerschnellste Buch der Welt

Artikelinfo
Datum: 
23.04.2003
Autor: 
Marion Kretz-Mangold
Quelle: 
WDR www.wdr.de
Im stillen Kämmerlein über leeren Seiten brüten? Nichts für die Autoren, die sich am jüngsten Projekt der "Stiftung Lesen" beteiligen. Am Welttag des Buches (23.04.03) haben sie zwei Stunden Zeit, ihr Werk abzuliefern. wdr.de ist bei der Entstehung des Quickie-Buches dabei.

Es sind schon ungewöhnliche Mittel, mit denen die "Stiftung Lesen" das Medium Buch wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken will. Ein Buch: Das hat etwas von geistiger Schwerstarbeit und Kampf mit der leeren Seite, von immensem Produktionsaufwand und ausgeklügelten Marketingstrategien. Kurz: Das Buch ist ein Produkt, das seine Zeit braucht und das gerade deswegen von Lese-Liebhabern so geschätzt wird.

Und dann ein Werk, das morgens gerade mal als Vorstellung existiert und abends auf den Verkaufstischen liegen soll? Als Ralf Liebe, Drucker und Verleger aus Weilerswist und bekennender Bücherfreund, mit seiner Idee an die Öffentlichkeit ging, erntete er reichlich Kritik: Das kann ja nichts werden, hieß es in der Presse. Liebe stört das nicht: "Hätten wir das schönste Buch der Welt vorgestellt, hätte niemand berichtet." Und Werbung tut Not: Das hat auch die "Stiftung Lesen" erkannt und die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen.

Geheimsache Buchthema

Eintausend Exemplare sollen also am Abend fertiggestellt sein, mit Buchdeckel und Vorblatt und den Werken von 40 Autoren, darunter Hans-Werner Kettenbach und F.W.Bernstein, Kathrin Röggla und Lutz Rathenow. Die sitzen in Godesberg und in Montreal, in der Slowakei und im WDR-Hörfunk-Studio und dürfen sich zwei Stunden lang mit einem Thema herumschlagen, das sie jetzt noch gar nicht kennen: Erst am Morgen, Schlag 7 Uhr 45, wird es per Telefon durchgegeben.

Kopfarbeiter und Handwerker

Zwei Stunden dürfen die Köpfe rauchen, dann müssen zwei Seiten gefüllt sein. In der Druckerei zu Weilerswist werden die Früchte der morgendlichen Mühe weiterverarbeitet, gelesen und gegengelesen, gesetzt, gedruckt und zwischen zwei Buchdeckel gepresst. Mit dem Auto zum Kölner Bahnhof, von dort aus mit dem Zug in die Großstädte: Um spätestens 20 Uhr sollen Bibliophile das Buch in den Händen halten können.

Das Gemeinschaftswerk von Kopfarbeitern und Handwerkern soll 20 Euro kosten; klappt es mit der Auflage von 1000 Exemplaren, kommen so 20.000 Euro für die Hilfsorganisation Cap Anamur zusammen, die damit Schulbücher für eine Mädchenschule in Afghanistan beschaffen will. Nur das allererste Buch kommt teurer: Es steht zur Versteigerung im Internet an. Bis Montagmittag wurden schon 207 Euro für das Buch geboten, das es noch gar nicht gibt.

Druck für den Drucker

Fühlt der Drucker sich da unter Druck gesetzt? Ralf Liebe und seine Mitstreiter haben alles vorbereitet, die Maschinen laufen, das Papier ist geschnitten, der Leim angerührt - er gibt sich gelassen. Aber auch, wenn die Bahn pünktlich ist und die Druckmaschinen nicht streiken, bleibt der Faktor Mensch: Schläfrige Schriftsteller, die erst geweckt werden müssen, sind nur eine Stolperfalle auf dem Weg zum schnellsten Buch. "Und wenn es ganz schlimm kommt", orakelt er, "haben alle eine kollektive Schreibblockade." Das schnellste Buch der Welt: ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang.