Rupert Neudeck: Humaner Quälgeist

Artikelinfo
Datum: 
28.08.2003
Autor: 
Theo Sommer
Quelle: 
Die Zeit

Menschen, die wissen, worum es geht - so hieß ein Buch, das Marion Gräfin Dönhoff vor 27 Jahren veröffentlichte. Sie schilderte darin Menschen, die sie beeindruckt hatten. "Sie haben alle eins gemeinsam", schrieb sie im Vorwort.

"Sie sind ganz echt. Sie lassen sich nicht vom Zeitgeist oder von Werbeagenturen stilisieren. Sie machen keine Konzessionen an Publikum, Mode, Karriere. Sie sind ohne Furcht. Sie folgen ihren eigenen Maßstäben und ihrer Intuition."

Um solche Menschen auszuzeichnen, haben ZEIT, ZEIT-Stiftung und Marion Dönhoff Stiftung den Marion Dönhoff Preis für internationale Verständigung und Versöhnung gestiftet. Er soll das Andenken an die langjährige Chefredakteurin und Herausgeberin der ZEIT wachhalten, die am 11. März vorigen Jahres im Alter von 92 Jahren gestorben ist. Bei der Auswahl der Preisträger hat sich die Jury auf viele Vorschläge von ZEIT-Lesern stützen können. Den ersten Marion Dönhoff Preis, dotiert mit 20 000 Euro, erhält Rupert Neudeck, der Gründer und Exvorsitzende der Hilfsorganisation Cap Anamur. Der Förderpreis in Höhe von 10 000 Euro geht an den Verein Heim-statt Tschernobyl.

Rupert Neudeck, Philologe, Philosoph und Rundfunkjournalist, begann seine Karriere als Nothelfer, indem er 1979 mit Unterstützung von Heinrich Böll das Komitee Ein Schiff für Vietnam gründete und mit dem gecharterten Frachter Cap Anamur fast 10 000 Menschen aus dem Südchinesischen Meer fischte - die Boatpeople, von denen er viele nach Deutschland brachte. Aus diesen Anfängen entstand später das Komitee Cap Anamur/Deutsche Notärzte e.V. Seit 20 Jahren ist es überall tätig, wo dringend Hilfe gebraucht wird. Cap Anamur unterhielt Krankenhäuser in Vietnam und im Nordirak, außerdem Ambulanzstationen in Kolumbien und Äthiopien, kümmerte sich um Minenräumung in Angola und half in Ruanda, im Kosovo, in Makedonien und Albanien, aber auch in Nordkorea. Im brandenburgischen Storkow wurde 1993 der Grundstein für das Cap-Anamur-Friedensdorf gelegt, wo Deutsche und Ausländer gemeinsam wohnen.

Ein "humaner Quälgeist" ist Rupert Neudeck genannt worden. In der Tat steht sein Name für Humanität. Papierkrieger, Paragrafenreiter und Speichellecker hasst er. Er hat die Gabe der überzeugenden Rede - so brachte er jedes Jahr zehn Millionen Mark an Spendengeldern zusammen, bei seiner Kosovo-Aktion sogar 58 Millionen. Sein Traum vom Glück sei es, sagte Neudeck einmal, dass die Genfer Konventionen zum Schutz von Kriegsopfern überall Realität werden.

"Mumm und Mut" verlangt der 64-Jährige von der Jugend: Wer nicht wenigstens ein halbes Jahr in der feuchten Hitze des Dschungels etwas für Gerechtigkeit getan habe, sei ein Waschlappen. Jetzt hat er, dessen Lieblingsfarbe Grün ist, eine neue Hilfsorganisation gegründet: die Grünhelme. Marion Dönhoff - so bekannte Neudeck im FAZ-Fragebogen - war eine seiner Lieblingsheldinnen in der Wirklichkeit. Die Wertschätzung war gegenseitig. Auch den Empfängern des Förderpreises hätte Gräfin Dönhoff gern attestiert, dass sie wissen, worum es geht. Der Verein Heim-statt Tschernobyl entstand 1991 im Kreis Herford, ins Leben gerufen von dem pensionierten Theologen Dietrich von Bodelschwingh. Handwerker und Akademiker, Studierende und Pensionäre fanden sich damals zusammen, um den Menschen der verstrahlten Tschernobyl-Zone zu helfen.

Anfangs brachten sie Medikamente und finanzierten Operationen. Dann kamen sie auf die Idee, für Strahlenflüchtlinge Lehmhäuser zu bauen, wie sie der Missionar Gustav von Bodelschwingh siebzig Jahre zuvor in Afrika kennen gelernt hatte. Bisher bauten sie in dem neuen Dorf Drushnaja ("Das freundschaftliche Dorf") 31 ökologische Häuser für Umsiedlerfamilien aus den verstrahlten Gebieten Weißrusslands, ein Gemeinschaftshaus, ein Werkstattgebäude und ein Ärztezentrum. In 100 Kilometern Entfernung wurde unlängst mit dem Bau eines zweiten Dorfes begonnen. Heim-statt Tschernobyl begreift sein Wirken als Hilfe für leidgeplagte Menschen und zugleich als Zeichen der Versöhnung.

Die Preisverleihung findet am 30. November in Hamburg statt. Die Laudatio auf die Preisträger wird Hildegard Hamm-Brücher halten, eine langjährige Weggefährtin von Gräfin Dönhoff.