Flucht ins Ungewisse: Vor 25 Jahren erreichten die ersten "Boat People" Deutschland

Artikelinfo
Datum: 
22.11.2003
Quelle: 
ZDF.de

Le Trinh erinnert sich noch genau an die Wochen auf dem Flüchtlingsschiff und die Angst vor den Piraten. Die Bilder von sonnenverbrannten und ausgehungerten Menschen löst eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Le Trinh, seine Eltern und vier Geschwister lernen die deutsche Sprache. Nachbarn helfen bei Behördengängen, andere schenken Kleidung. Auch Ha Tseng, heute verheiratet und Mutter von drei Kindern, erfährt viel Hilfe in Norddeich. Dennoch sind die ersten Jahre in dem fremden Land mit dem kalten Klima hart für alle, geprägt von Heimweh und der Trauer um verlorene Familienangehörige.

Flucht ins Ungewisse

900.000 Vietnamesen versuchen zwischen 1975 und 1995 auf Fischkuttern aus ihrer Heimat zu fliehen, vor dem Hunger und der Repression der Kommunisten. In den kleinen, völlig überladenen Booten harren sie wochenlang aus. Vor Durst wringen sie ihre T-Shirts aus, müssen zusehen, wie andere Flüchtlinge ertrinken, sehen die Leichen neben den Schiffen treiben. 

Die Hoffnung auf ein Schiff, das sie retten könnte, wird von Angst begleitet. Eine berechtigte Angst, denn Thai-Piraten stoppen immer wieder mit ihren schnellen Booten die Nussschalen der Flüchtenden. Sie klauen die letzte Habe, vergewaltigen Frauen und ermorden ganze Familien. Mindestens zehn Prozent der Flüchtlinge, so wird geschätzt, sind niemals irgendwo angekommen.

Cap Anamur

1979 machte der Journalist Rupert Neudeck medienwirksam auf das Schicksal der Boat-People aufmerksam. Gemeinsam mit dem Schriftsteller Heinrich Böll bittet er um Hilfe. Mit Erfolg: In den ersten drei Tagen werden mehr als eine Million Mark gespendet. Am 7. August sticht das Bergungsschiff, der Frachter "Cap Anamur", in See. In drei Jahren rettet die Crew des Frachters 9 507 Flüchtlinge im südchinesischen Meer. Anders als Asylsuchende erhielten die Boat-People sofort ein Bleiberecht, dank eines eigens dafür geschaffenen Gesetzes.

Zweite Heimat

Familie Tseng und Familie Trinh haben sich in Deutschland eingelebt. Das einst fremde Land, in dem jeder Tag Neues und Ungewohntes brachte, ist inzwischen zur zweiten Heimat geworden. Die Kinder sind hier geboren, für sie ist Vietnam das fremde Land. Ha Tseng arbeitet als Köchin in Emden und, wie die anderen auch, kann sie sich nicht vorstellen, zurückzukehren. Nur Le Trinh, Besitzer eines Asia-Feinkostladens, plagt ab und zu das Heimweh. Er spürt dann seine Wurzeln, sagt er. Vielleicht geht er eines Tages nach Vietnam zurück.