Cap Anamur wird Reeder?

Artikelinfo
Datum: 
14.02.2004
Quelle: 
Neues Deutschland
Am heutigen Samstag knüpft die Hilfsorganisation an ihre Gründungstage an. Ein Schiff namens »Cap Anamur« wird in Dienst gestellt. Was haben Sie damit vor?
Es gibt drei Einsatzideen. Zunächst geht es um den Transport. Wir müssen Hilfsgüter dahin bringen, wo wir arbeiten. Die erste Fahrt geht deshalb nach Westafrika. Unsere Einsatzgebiete sind in Sierra Leone, Liberia und Angola. Grund zwei: Wir können an Deck ein Container-Hospital aufbauen und so eine Akut-Versorgung anbieten. Wir wissen ja, dass gerade in Westafrika, leider, die Verhältnisse alles andere als stabil sind. Krieg ist Alltag, in Sierra Leone erwarten wir einen Putsch. Während des dortigen Bürgerkrieges brachten wir mit einem gecharterten Schiff Lebensmittel und Güter nach Monrovia. Da standen Tausende an der Pier, die zwischen die Fronten gekommen waren und raus wollten. Wir konnten sie nicht mitnehmen, weil der Reeder das nicht erlaubte und der Kapitän Angst um seinen Arbeitsplatz hatte.

Ich vermute, Raum für Evakuierungen ist die dritte Möglichkeit des Schiffes?
Ja. Mit einem eigenem Schiff unter eigenem Kommando sind wir besser auf solche Situationen vorbereitet. Wir sind ja jetzt - das ist zumindest in Europa einzigartig - als Hilfsorganisation zugleich Reeder. Das Schiff hat ein Zwischendeck, in dem man notfalls viele Leute unterbringen kann. Es hat auch einen sehr starken Ladekran, was uns in die Lage versetzt, alles autark zu laden und zu löschen. Damit können wir Fahrzeuge samt Containern - auch das Hospital - vom Schiff und ins Landesinnere bringen. Jedenfalls hoffen wir, dass es so klappt.

Eine Reederei braucht eine Flagge.
Aber klar. Neben der deutschen - wir sind in Deutschland registriert - ziehen wir unser Organisationssymbol auf.

Wer hat das Kommando?

Im nautischen Bereich natürlich der Kapitän. Es gibt zehn Mann Besatzung. Vergleichen sie den umgerüsteten Containerfrachter - er hieß bislang »Andrea« und wurde von uns im vergangenen Jahr gekauft - am besten mit einem Expeditionsschiff. Das hat natürlich auch einen Expeditionsleiter an Bord.

Als Freiwilliger bei Cap Anamur wird niemand reich...
Natürlich nicht, wir wollen anderen helfen. Bei uns verdient jeder an Bord, egal ob Seemann, Chefarzt oder Kapitän 1100 Euro minus Verpflegungsgeld. Ich erinnere mich an eine Sitzung mit Reedern in Bremen, da lachte man und sagte: »Sie sind ja ein Träumer!«. Genau das ist manchmal wichtig. Und siehe, es klappt.

Wie wird die Indienststellung heute in Lübeck ablaufen?

Wir haben ja von der Stadt einen eigenen Liegplatz bekommen. Die Lübecker und ihre Gäste sind zum Besuch des »Traumschiffs« - denn so etwas ist die »Cap Anamur« für uns und hoffentlich für viele Menschen in Not auch - eingeladen. Die Namensgebung wird mit einer Flasche Sekt, die man uns gespendet hat, begangen. Ursprünglich hatten wir Heide Simonis gebeten, doch die SPD ist ja so im Wahlstress... Vor drei Wochen lernte ich zufällig ein 17-jähriges Mädchen kennen, deren Eltern aus Vietnam stammen. Sie wurden damals von der ersten »Cap Anamur« gerettet. Übersetzt man ihren Vornamen, so heißt er »Die aus dem Meer Gerettete«. Konnten wir eine bessere Wahl als Taufpatin treffen?!

Fragen: René Heilig