CAP ANAMUR zu Besuch im Hafen von Las Palmas

Artikelinfo
Datum: 
19.03.2004
Quelle: 
info-canarias www.infocanarias.com

(dko) - Wenn ein Schiff die Bezeichnung Rettungsboot verdient, dann die Cap Anamur: Das erste eigene Schiff der Hilfsorganisation aus Deutschland soll nicht nur eigene Hilfsprojekte in Kriegs- und Krisengebieten mit Nachschub beliefern, sondern auch in großem Stil Flüchtlinge in Sicherheit bringen. Auf der Fahrt vom Heimathafen in Lübeck ist die Cap Anamur jetzt unterwegs nach Sierra Leone, Liberia und Angola. In Las Palmas bunkerte die zehnköpfige Besatzung in der vergangenen Woche noch einmal Treibstoff und Wasservorräte. Jetzt läuft das Schiff auf die Küste von Westafrika zu - in seiner ersten humanitären Mission.

Auch wenn es für das Schiff die Jungfernfahrt unter deutscher Flagge und in humanitärem Auftrag ist - den Verein dahinter gibt es schon seit 25 Jahren. Angefangen hat alles mit den vietnamesischen Flüchtlingen, die 1979 in kleinen Booten versuchten, dem Krieg über das südchinesische Meer zu entkommen, so der Chef von Cap Anamur - Deutsche Not-Ärzte e.V. Elias Bierdel: "Die Idee war simpel, zu sagen: Wir müssen versuchen denen zu helfen, lasst uns ein Boot chartern und dahin fahren und die irgendwie da rausholen! Trotz aller Unkenrufe schaffte es die Aktion, die sich damals noch "Ein Schiff für Vietnam nannte, in den folgenden vier Jahren mit gecharterten Schiffen insgesamt 11.000 Flüchtlinge zu retten und in Sicherheit zu bringen. Weitere 300.000 wurden durch die mitreisenden Ärzte versorgt.

Über Jahre und Jahrzehnte wurde der Aktionsrahmen von Cap Anamur größer und größer. Inzwischen, so Bierdel, ist die Hilfsorganisation fast überall auf dem afrikanischen Kontinent zum Einsatz gekommen. Auch in Afghanistan und dem Irak, im Kosovo und Mazedonien stehen Krankenhäuser von Cap Anamur. Dabei funktioniert das Ganze auf einem kleinen bürokratischen Level. Nur fünf Angestellte kümmern sich um die Verwaltung, rund 500 Menschen überall auf der Welt sind im direkten Einsatz. "Wir sind im Selbstverständnis ziemlich hierarchiefrei und mehr eine Bürgerinitiative als ´ne große Organisation, sagt Elias Bierdel - und das ist auch gut so. Cap Anamur ist niemandem verpflichtet - keiner Regierung, keiner übergeordneten Institution, keiner staatlichen Stelle. Zwar gibt es so auch keine Gelder aus den offiziellen Kassen, aber dafür müssen auch keine Kompromisse gemacht; keine diplomatischen Formen eingehalten werden. Die Kraft für ihre Arbeit schöpfen die Leute von Cap Anamur von ihren Geldgebern: "Es sind die Leute, die einfach nicht aufgehört haben, uns Geld zu geben, die uns beauftragen, das zu machen und es eben auch so zu machen, wie wirs machen. Da ist schon ein bisschen was Subversives mit drin. Das ist eine Form, die sozusagen jenseits aller Zuständigkeiten, jenseits aller Strukturen liegt, die man so kennt. Und mit der etwas versucht wird, was eigentlich von vornherein fast hoffnungslos ist.

Und es gehört sicher viel Kraft dazu, zu helfen statt zu resignieren. Hilferufe empfängt Cap Anamur aus allen Ecken und Enden der Welt - aus Krisenregionen, Kriegsgebieten und den Ländern der so genannten "Dritten Welt. Cap Anamur kann aber nicht überall sein, so Bierdel: "Es schmerzt jedes Mal, wenn wir sagen müssen, das können wir im Moment nicht leisten. Es tut weh, absagen zu müssen. Aber das müssen wir leider sehr oft. Kernpunkt der Hilfsarbeit: Projekte, die den Menschen in den ärmsten Ecken der Welt Hilfe zur Selbsthilfe vor Ort geben. Keine Frontalhilfe wie die der UNO, die alles Mögliche an den Ort des Geschehens bringt und dann weiterzieht, sagt Bierdel: "Unser Ansatz ist es, an der Quelle des Übels anzusetzen und in den Ländern den Menschen dabei zu helfen, zu versuchen, dass sie selber Verhältnisse herstellen können, die irgendeine Lebensperspektive bringen. Wir wissen aber auch, dass es oft nicht klappt, und insofern machen wir Angebote und setzen auf eine Hoffnung, die bestimmt auch oft genug enttäuscht worden ist.

Das Modell ist denkbar einfach. Im Krisenfall werden technische, medizinische oder humanitäre Lieferungen, andererseits aber auch ganze Krankenhäuser in die betroffenen Gebiete geschafft, aufgebaut - und weiter betreut. Einheimische werden ausgebildet, damit umzugehen. Einige der so Ausgebildeten wirken heute selber in den Cap Anamur-Hilfstruppen überall auf der Welt mit.

Das im Übrigen zum Einheitspreis; viel verdienen können und wollen die Helfer nicht. Auch die Besatzung der Cap Anamur, die am Samstag in Las Palmas die Leinen losmachte, wird gleich bezahlt. Egal ob Kapitän oder Schiffsjunge: für jeden gibt es brutto 1.100 Euro für den durchaus gefährlichen Einsatz im Kriegsgebiet. Diesmal geht es nach Sierra Leone, Liberia und Angola. Geladen hat der umgebaute Frachter Rettungsfahrzeuge, aus alten Containern gebaute Krankenhausmodule und allerlei medizinische Gerätschaften. Das robuste Schiff verfügt über einen eigenen großen Kran an Deck und eigene Fahrzeuge, damit die Helfer überall auf der Welt möglichst unabhängig von den dortigen technischen Einrichtungen agieren können. Hat die Ladung ihren Bestimmungsort erreicht, werden Flüchtlinge an Bord genommen. Etwa 8.000 Flüchtlinge warten im Hafen von Monrovia noch darauf, wieder nach Sierra Leone geschafft zu werden. "Sie zu evakuieren ist noch eine Ehrenschuld, eine offene Rechnung aus dem letzten Jahr, sagt Elias Bierdel. Im vergangenen Jahr musste Cap Anamur die Flüchtlinge zurücklassen, weil sich der Reeder des damals gecharterten Schiffs dem Flüchtlingstransport verweigerte.

Die Cap Anamur ist sogar speziell für den Flüchtlingstransport umgerüstet worden. Der Frachtraum wurde extra dafür hergerichtet, ein großer Fäkalientank und riesige Mengen Trinkwasser sollen die Überfahrt für die Flüchtlinge so angenehm wie möglich machen. Außerdem ist die Cap Anamur ein Krankenhaus auf See - auf dem Oberdeck werden derzeit noch die letzten Arbeiten am dort entstehenden Krankenhaus durchgeführt. Fürs Erste, so Elias Bierdel, wolle man 400 Flüchtlinge pro Tour befördern - die Cap Anamur muss also in den kommenden Wochen öfters zwischen Monrovia und Sierra Leone pendeln. Nur ein Auftrag von vielen, die die Cap Anamur in den kommenden Jahren bewältigen soll. Leben zu retten, Hoffnung zu geben - das ist es, was die Arbeit der Besatzung genauso ausmacht wie die aller anderen an den Hilfsprojekten überall auf der Welt Beteiligten.