Cap Anamur hilft Boatpeople im Mittelmeer

Artikelinfo
Datum: 
22.06.2004
Quelle: 
Deutschlandfunk
Müller: Das deutsche Hilfsschiff Cap Anamur hat an diesem Wochenende ein im Mittelmeer in Seenot geratenes Flüchtlingsboot mit 37 Menschen an Bord gerettet. Das völlig überfüllte Schlauchboot trieb nach einem Motorschaden auf offener See zwischen der Küste Libyens und der italienischen Insel Lampedusa umher. Elias Bierdel, Chef von Cap Anamur, ist nun bei uns im Studio. Was ist da genau passiert?

Bierdel: Wir waren auf einer technischen Testfahrt mit dem Schiff nach einer Motorreparatur, die wir selber hatten vornehmen lassen auf Malta, sind also südliche Gewässer abgefahren (da muss man bestimmte Testläufe machen mit einer reparierten Hauptmaschine) und sind dann eben auf offener See auf dieses Boot gestoßen. Allerdings, das muss man schon sagen, in einer Zone, in der solches ja nun häufiger passiert. Man muss sich nur darüber klar sein: ein Boot zu sehen, draußen auf dem offenen Meer, ein winziges Boot überfüllt mit Flüchtlingen, das ist schon eine Chance von 1:100.000.

Müller: Wie ist die Rettung verlaufen?

Bierdel: Wir sind nachdem der Ausguck dieses winzige Schlauchboot gesehen hatte längsseits gegangen und sahen dann eben, dass dies ein Fahrzeug ist, was in keiner Weise seetüchtig ist, der Motor war ausgefallen, die eine Luftkammer war bereits halb entleert, das heißt, das waren Menschen in Lebensgefahr, die dann auch heftige Zeichen gaben und natürlich froh waren, an Bord zu kommen. Wir haben sie zunächst versorgt, sie waren zum Teil unterkühlt, wurden aufgepeppelt mit Medikamenten, wo nötig, aber die meisten haben sich schnell wieder erholt, nachdem sie etwas zu essen bekommen hatten. Sie hatten auch kein Trinkwasser mehr. Das ist etwas, was man wissen muss. Sehr viele Menschen dort in einer solchen Situation kommen nicht etwa ums Leben, weil sie ertrinken, sondern weil sie tatsächlich auf dem offenen Meer verdursten.

Müller: Was haben Sie von und über die Flüchtlingen erfahren?

Bierdel: Wir haben natürlich versucht, rauszufinden wo genau sie hergekommen sind und wohin sie unterwegs sind. Das ist ziemlich schwierig. Es sind offensichtlich Schwarzafrikaner, es ist noch nicht ganz klar. Die wenigsten können ein paar Brocken Englisch sprechen. Wir versuchen jetzt, Übersetzung zu organisieren, zum Teil auch mit Telefonschaltungen hier nach Deutschland zu Menschen, die verschiedene Dialekte sprechen, um es herauszufinden. Es ist noch nicht ganz klar. Offensichtlich gibt es einige, die aus der Gegend um Sudan sind, mal ganz vorsichtig gesagt, aber es ist noch nicht eindeutig festzustellen. Das erste war, sie in Sicherheit zu bringen, denn, das ist klar, wir haben es hier zu tun mit einem Phänomen, was durchaus verbreitet ist in der Region. Wir erinnern uns alle an letztes Jahr an die schrecklichen Bilder, die uns gerade aus dem Seegebiet erreicht haben, von Menschen, die halb oder ganz tot den europäischen Boden erreichten.

Müller: Das war ja im vergangenen Jahr eine der größten Flüchtlingswellen. Ist in diesem Jahr auch wieder damit zu rechnen?

Bierdel: Wir haben schon den Eindruck, dass es jetzt sozusagen wieder losgeht. Das ist auch, was Beobachter dort in der Region sagen. Allein in Lampedusa, jetzt an diesem Wochenende, am Sonntag wurden auf dieser winzigen Insel 135 Menschen aufgenommen, am nächsten Tag, also gestern, als wir gleichzeitig 37 Menschen aus Seenot retteten, meldete die italienische Küstenwache dort ein paar Meilen weiter nördlich, dass 200 Leute aus zwei Holzbooten ebenfalls aus Seenot gerettet worden seien. Man kann also davon ausgehen, es geht wieder los und das heißt, hier beginnt wieder etwas, was wir über Jahre hinweg verfolgen. Ein Drama auf See an der Außengrenze der Europäischen Union, das eben viele Menschen über all diese Jahre hinweg, man spricht offiziell von drei- bis viertausend, mit dem Leben bezahlen irgendwo da draußen auf See an der Seegrenze Europas.

Müller: Welche Erfahrungen haben Sie mit den italienischen Behörden gemacht?

Bierdel: Bisher sehr wenige. Wir sind ja in diese Aktion sozusagen mehr hineingeschlittert als dass wir sie etwa offen angegangen wäre. Es ist wohl so, dass wir beobachten, in welchem Maße das Mittelmeer, diese Außengrenze, militarisiert ist. Das hat uns schon erschüttert. Sie müssen sich klarmachen: dort draußen operieren ganze Flottenverbände, übrigens auch mit NATO-Unterstützung, auch mit deutscher Beteiligung, deren Auftrag ganz offensichtlich und auch erklärtermaßen es ist, die illegale Migration über See zu unterbinden und da kann man sich schon mal fragen, mit welchem Methoden Militärverbände da draußen eben dieses tun wollen. Sie versuchen, Boote abzufangen, zu stoppen und zur Umkehr zu bewegen. Wenn wir uns jetzt vorstellen, dass dieses Bötchen, das wir da draußen aufgefunden haben, umgedreht worden wäre oder man versucht hätte, es zur Rückkehr zu bewegen, dann muss man sich schon große Sorgen darum machen, was sich dort vollzieht. Ganz abgesehen davon, dass nach dem Völkerrecht ein Fahrzeug auf offener See, also außerhalb nationaler Hoheitsgewässer, von niemandem behelligt werden darf, geschweige denn abgedrängt. Aber wir müssen vermuten, befürchten, dass sich hier draußen Dinge vollziehen, die nicht in Einklang mit internationalen Rechtsbestimmungen sind.

Müller: Für welche politischen Alternativen steht Cap Anamur?

Bierdel: Für gar keine. Wir sind keine politische Organisation. Ganz eindeutig nicht. Wir sind humanitär unterwegs, jetzt eben mit einem eigenen Hilfs- und Rettungsschiff und da ist es ja völlig selbstverständlich, wenn man auf Menschen trifft, gerade eingedenk unserer speziellen Geschichte auch, die in Seenot sind, dass wir ihnen helfen müssen. Das ist zunächst einmal ganz klar, wir nehmen sie an Bord, versuchen sie zu versorgen und natürlich auch, sie dort in den nächsten Hafen zu bringen, das entspricht der Praxis in internationalen Gewässern. Allerdings ist uns schon klar, dass das möglicherweise zu Konflikten mit nationalen Autoritäten führen könnte, die möglicherweise nicht wollen, dass diese Menschen zu ihnen kommen. Da werden wir weitersehen, wie weit unsere Fürsorge reichen kann für die Menschen, die wir zunächst einmal aus unmittelbarer Lebensgefahr gerettet haben.

Müller: Aber es gibt ja generell auch laufende Gespräche zwischen den Hilfsorganisationen einerseits und den betroffenen Regierungen und Außenministerien auf der anderen Seite. Zeichnet sich dort in irgendeiner Form Fortschritte ab, wenn es um die Hilfe geht?

Bierdel: So, wie wir das sehen, ist eben diese Politik der Totalabschottung der Festung Europa gegen jeden, der von außen kommen will - und es gibt ja kaum noch einen legalen Weg der Migration oder Wanderung nach Europa hinein - eine Politik, die einen hohen Preis fordert, nämlich den Preis von hunderten und tausenden Menschen, die an den Außengrenzen der EU, übrigens nicht nur auf dem Wasser sondern auch auf dem Land, ums Leben kommen; und ich finde schon, dass Europa sich das genau überlegen muss, ob dieser Preis tatsächlich zu zahlen ist, ob wir das alle zusammen normal finden wollen, dass da draußen das große Sterben weitergeht, weil wir einfach die Tür zuschlagen. Das ist eine politische Frage, die muss auch politisch beantwortet werden. Das ist nicht unsere Rolle. Zunächst einmal sind wir dort in einem Gebiet, in dem offensichtlich viele Menschen in Not sind, denen versuchen wir zu helfen. Auch im Augenblick ist das Schiff in Rettungsoperationen verwickelt, wir haben dort einen Notruf erhalten, im Augenblick versuchen wir, weiteren Menschen zu helfen.

Müller: Vielen Dank. Elias Bierdel, Chef von Cap Anamur.