Odyssee vor der italienischen Küste

Artikelinfo
Datum: 
05.07.2004
Quelle: 
Deutschlandfunk
Silvia Engels: Vor zwei Wochen berichteten wir in den Informationen am Morgen über die Hilfsorganisation Cap Anamur. Sie hatte mit ihrem gleichnamigen Schiff im Mittelmeer 37 Schiffbrüchige aus Seenot gerettet. Diese Geretteten waren afrikanische Flüchtlinge, die in einem kleinen Boot versucht hatten, ein Land der EU zu erreichen und ihr Leben aufs Spiel setzten. Doch mit der Rettung ist ihre Odyssee noch nicht vorbei. Auf dem Flüchtlingsschiff Cap Anamur vor Sizilien erreichen wir den Leiter der Hilfsorganisation Elias Bierdel. Herr Bierdel, die Schiffbrüchigen sind immer noch bei Ihnen an Bord, warum?

Elias Bierdel: Wir haben am vergangenen Donnerstag versucht, einen italienischen Hafen anzulaufen. Es war der Nächstgelegene von der Fundstelle sozusagen, der Stelle der Rettung aus. Es ist dies der Hafen Empedokle im Süden von Sizilien, wir haben alle Vorbereitungen ordnungsgemäß getroffen. Wir haben angemeldet natürlich, wen wir an Bord haben und zunächst wurde uns auch das Einlaufen in den Hafen zugesichert, dann aber, als wir dort am Donnerstag Morgen so gegen neun Uhr ungefähr an der Seegrenze zwölf Meilen vor der Küste ankamen, da hieß es plötzlich doch Nein, Widerruf, keine Genehmigung in die Gewässer Italiens einzulaufen und was wir dann erlebt haben in den Stunden danach, das war schon etwas wie eine militärische Konfrontation. Hier kamen Kanonenboote, hier kamen Küstenwachschiffe, hier kam Polizei, hier kamen Hubschrauber. Das waren Szenen wie in einem Seekrieg. Dies alles offensichtlich, weil man schlichterdings in Panik verfällt angesichts von 37 Menschen, die hier nach Europa wollen und nach Europa müssen, denn es gibt keine andere Lösung. Es sind Schiffbrüchige bei uns an Bord und wir werden selbstverständlich darauf bestehen, dass wir sie in einen sicheren Hafen bringen können.

Engels: Haben die italienischen Behörden denn ihr Verhalten Ihnen gegenüber begründet?

Bierdel: Nein, und das empört uns natürlich zusätzlich. Wir haben überhaupt keine Begründung erhalten, wir haben dies immer wieder abgefragt. Da man hier mit uns nicht spricht entnehmen wir nur den Tageszeitungen in Italien oder in den Rundfunkmeldungen, dies ist, Gott sei Dank möchte man meinen, hier in Italien doch ein großes Thema, es wird breit diskutiert und wir entnehmen diesen Zeitungen, dass die Regierung hier offensichtlich Lügen verbreitet. Sie erzählen, diese Flüchtlinge hätten wir in Malta aufgenommen, versuchten sie nun hierher zu schmuggeln und ähnlichen Blödsinn. Die Wahrheit ist natürlich, die Europäische Union hat kein Konzept dafür, was eigentlich passieren soll mit solchen, die man aus Seenot gerettet hat und nun hierher bringt, denn sie stehen einfach nicht mehr auf der Liste derer, die man hier erwartet an den Küsten. Wir wissen alle, es ist ein riesiges Problem, dass Menschen seit Jahren schon versuchen, in kleinen untauglichen Booten aus Afrika kommend versuchen, europäische Gestade zu erreichen. Viele von denen kommen ums Leben, aber die Antwort der Europäischen Union, so wie wir sie hier erleben, die ist nun wirklich unzureichend, nämlich mit Kanonenbooten loszufahren auf diese Leute. Wir haben Schiffbrüchige an Bord, das ist unsere Position und deshalb werden wir alles tun, um für diese Menschen eine Lösung zu erreichen und das kann nur heißen, eine humanitäre Lösung. Für uns sind dies keine Illegalen, denn sie haben gar keine Grenze überschritten und es sind für uns auch keine Asylbewerber, es sind einfach Menschen, die wir aus Seenot gerettet haben, Menschen, um die sich sonst niemand kümmert. Sie würden normalerweise ertrinken und das ist wohl der Grund, warum die italienische Regierung so sehr, sehr heftig reagiert, denn diese hier kommen quasi zu einem Problem hinzu, das man ohnehin schon hat, nämlich die, die es auf merkwürdige Weise glücklich geschafft haben an ihre Küsten.

Engels: Nun haben wir ja in den vergangenen Jahren auch schon mehrere Fälle gesehen, wo andere Küstenwachenboote dann zumeist Flüchtlinge aus hoher See, aus Seenot gerettet haben. Wieso liegt ihr Fall mit einer Hilfsorganisation anders als die bisherigen Fälle? Warum werden die Flüchtlinge nicht einfach, wie es bislang üblich war, in Auffanglager gebracht?

Bierdel: Also ich muss Ihnen ganz klar sagen, dass natürlich diese Perspektive und diese Politik auf der Seite der europäischen Union Menschen hier, wenn sie es, wie gesagt, geschafft haben tatsächlich durchzukommen mit ihren Booten sie dann einfach zu internieren, abzukaschen, zu verhaften, nach Möglichkeit schnell wieder abzuschieben, bis sie es vielleicht wieder versuchen und dann doch endlich ertrunken sind, dass wir diese Politik für nicht besonders klug halten und auch nicht für zureichend, wenn man das ganze Problem wirklich betrachtet. Wenn Sie bedenken, dass in den letzten Jahren hier nach offiziellen Zahlen über 5000 Menschen ums Leben gekommen sind allein im Mittelmeer und es sind nicht die einzigen, die an den Außengrenzen der EU ums Leben kommen und wenn man davon ausgeht, dass diese Zahlen wahrscheinlich noch sehr viel höher liegen, Flüchtlingsorganisationen denken, dass es vielleicht das vier- oder fünffache dieser Zahl sein könnte. Das Problem hier ist, niemand hat die gezählt, die abgefahren sind und deshalb weiß auch niemand genau, wie viele dann auch wirklich ankommen. Eins ist klar, dies ist hier das Mittelmeer, das ist so etwas wie ein schwimmender Friedhof geworden. Hier werden die Leichen morgens aufgesammelt von den Stränden. Das ist wirklich ein Zustand, den man nur anprangern kann. Wir als humanitäre Organisation, wir haben ein Schiff, wir versuchen Menschenleben zu retten und wir wundern uns schon sehr, wenn nun die Europäische Union uns hier mit Kanonenbooten entgegentritt, um uns daran zu hindern. Denn während wir hier liegen, erhalten wir ja fortlaufend Meldungen von weiteren Booten, die in Not sind. Und es ist eben nicht so, als würden sich die Küstenwachen der verschiedenen Länder - Italiens Griechenlands, Spaniens - darum kümmern diesen Menschen zu helfen. Nein, die Küstenwachen bewachen eben ihre Küsten und das sind die Zwölfmeilenzone im Wesentlichen, darüber hinaus geschieht gar nichts. Ich halte hier eine Meldung in der Hand über ein kleines Boot mit 33 Menschen an Bord, offensichtlich in Seenot - eine Meldung der italienischen Küstenwache - mit dem Hinweis, wer Beobachtungen macht, soll bitte die Hafenmeisterei in Tripolis anrufen. Das haben wir versucht, da geht keiner ans Telefon.

Engels: Noch einmal, aber der juristische Unterschied zwischen einem neutralen Boot oder einem Boot, das unter deutscher Flagge fährt, wie Sie es sind und der Küstenwache liegt wo? Haben wir hier eine Gesetzeslücke auch neben den tatsächlichen Behandlungen, die Sie erfahren, ist das auch einfach juristisch ein graues Gebiet?

Bierdel: Also ich muss Ihnen sagen, dass mich solche Finessen natürlich relativ wenig interessieren. Wir tun etwas sehr einfaches. Da ertrinken Menschen und wir sind eine Organisation, die seit vielen Jahren versucht, Menschenleben zu retten - und auch mit einigem Erfolg - wir haben ein Schiff, also versuchen wir auch diese, die da eben ertrinken, vor dem Tod zu retten. Das ist das einfache. Das schwierige ist auf der anderen Seiten, wo man eben hineinkommt in eine Sphäre komplexer Rechtssysteme, die allesamt und letzten Endes dazu gedacht sind eben zu verhindern, dass Menschen noch irgendwie hierher kommen können. Das ist eben das, was wir jetzt erleben als Konflikt. Wir haben hier eine Position, die sehr klar ist und wir haben auf der anderen Seite eben findige Juristen, die jetzt versuchen, uns zu begründen, warum man das nicht tun darf. Wir meinen, wer immer uns jetzt aufhält, wer immer verhindert, dass wir weitere Menschenleben retten, der muss dafür die Verantwortung übernehmen.

Engels: Elias Bierdel, Leiter der Hilfsorganisation Cap Anamur direkt von dem Schiff Cap Anamur, das derzeit mit Flüchtlingen an Bord vor Sizilien liegt. Vielen Dank!